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Neue Nationalzeitung · 1907-05-10 · Heft 22 (10.5.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 22 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 »Neue National-Zeitung« Seite 9 haben sie daher die Bürgermeister wähl auszunützen versucht, um die antisemitische Hartnäckigkeit der „Strzelnica" zu brechen und gewisse Konzessionen für die Juden zu erlangen. Sie haben nämlich die Wahl des Kandidaten der Clique,, des Klempnermeisters und bisherigen IL Vicepräsidenten Herrn Ciuehcinski, von mehreren Postulaten zu Gunsten der Juden abhängig gemacht. Sie würden auch etwas erzielt haben, wenn ihnen da nicht der „Jude" Dr. Nathan Löwenstein in den Rücken gefallen wäre. Dieser Dr. Löwenstein, welcher in jüdischen Versammlungen als Mandatsbewerber so pathetisch von seiner jüdischen „Seele" erzählt und als kluger politischer Börseaner es versteht, die politische Konjunktur auszunützen, hat die Rechnung der jüdischen Gemeinderäte gekreuzt. Nicht offen, sondern in Form einer sehr schlauen Intrigue, hat er 3 bis 4 jüdische Räte der Opposition entzogen und damit die Wahl des Ciuchcinski, folglich den vollen Sieg der Strzelnica herbeigeführt, trotzdem diese ganz offen und cynisch erklärt hat: Lemberg sei eine polnisch-christliche Stadt und es können den Juden absolut nicht mehr als höchstens 20 Gemeinderatsmandate eingeräumt werden. Die ganze Judenschaft Lembergs, auch die assimilierten Kreise, sind über diese Handlung des berüchtigten Hausjuden tief empört. K—n. Die Ermordung des Ehepaares Ooldberu. Czernowitz. Seit einigen Tagen herrscht unter der jüdischen Bevölkerung des Dorfes Bossancze furchtbare Erregimg, welche durch die Ermordung des Ehepaares Goldberg hervorgerufen wurde. Der Fall trug sich folgendermaßen zu: Am 30. v. M. bemerkte man, daß die Wohnimg des Greislers Goldberg ungewöhnlich lange gesperrt blieb. Als man nun in die Wohnung eindrang, fand man das Ehepaar ermordet in seinem Blute liegen. Kein Schrank war gesperrt, alles wüst durcheinander geworfen; was an Geld da Avar, oder Geldeswert hatte, wurde mitgenommen (die Ladenkasse war total ausgeplündert), alles andere wurde in barbarischer Weise vernichtet. Die Mörder suchten nun ihre Spuren zu verwischen, indem sie das Haus anzündeten. Sie begossen sämtliche Möbelstücke mit Petroleum, häuften um den Leichnam des Mannes Stroh, das sie einem Strohsack entnahmen und zündeten dasselbe an. Hierauf entfernten sie sich mit ihrer Beute in der Meinung, das ausbrechende Feuer würde alles vernichten und ihre Tat in ein undurchdringliches Dunkel hüllen. Allein das traf nicht ein. Wenn nun auch trotz der eifrig gepflogenen Recherchen die Mörder — es müssen jedenfalls ihrer mehrere gewesen sein — nicht festgenommen wurden, so herrscht doch in der gesamten Bevölkerung die positive Ueberzeugung, daß die Untat von den berüchtigten Bossanczer Bauern verübt wurde, von denen man so manches schöne Stücklein zu erzählen weiß. Der jüdischen Bevölkerung von Bossancze hat sich eine schreckliche Panik bemächtigt, zumal die Vorgänge in Rumänien einem jeden noch in lebhafter Erinnerung stehen. Niemand wagt es, in der Nacht zu Bette zu gehen, jedes Haus ist. durch Lampen erleuchtet, ja es kommen auch Fälle vor, wo sich die Leute mit Waffen versehen, um eventuellen Angriffen Widerstand leisten zu können. — Als mutmaßliche Mörder wurden gestern vier Bauern, gegen die Goldberg tagsdarauf als Kläger bei Gericht hätte auftreten sollen und die, trotzdem sie als seine Nachbarn von der Schreckenstat hätten Kenntnis haben sollen, dennoch zum Termin erschienen waren, als der Tat verdächtig, im Gerichtssaale verhaftet. Der ermordete Goldberg war Besitzer des silbernen Verdienstkreuzes.- Deutsehes Reich. Dr. Boris Brandt. Berlin. Gestern haben wir hier Dr. Boris Brandt aus Petersburg begraben, der auf der Heimreise aus Italien begriffen, am zweiten Tage seines Berliner Aufenthaltes leider einem Herzleiden erlegen ist. Dr. Brandt war einer der wenigen russischen Juden, die im russischen Staatsdienst zu hohen Stellungen gelangt sind. Er war Mitglied des wissenschaftlichen Komitees im Finanzministerium, wurde seines tiefen Wissens und durchdringenden Verstandes wegen namentlich auch von Witte hochgeschätzt und vielfach zum Studium auswärtiger Finanz- und Steuerfragen ins Ausland entsandt. Trotz seiner exponierten Stellung blieb er allen Versuchungen gegenüber, ihn zum Uebertritt zum Christentum zu veranlassen, standhaft und betätigte sich in treuester Weise an allen jüdischen Bestrebungen, war namentlich auch ein warmer Förderer aller auf die Renaissance des Judentums gerichteten Arbeiten. Besonders wertvolle Dienste leistete er der russischen Judenheit als Mitglied des Komitees der Petersburger J. C. A. und vor allem als eines der tätigsten Mitglieder des „Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung für die Juden Rußlands", in dessen Namen der amtierende Rabbiner Dr. Warschauer mit dem letzten Scheidegruß die Versicherung unauslöschlicher Dankbarkeit übermittelte. Möge dem wrackeren Manne, dem fern von der Heimat, in der Fremde die letzte Ruhestätte bereitet werden mußte, die Erde leicht sein. W. Schweiz. Das Schreiben am Sabbat. Zürich. Im Lande des Schächtverbotes, in der freien Republik Schweiz, werden jüdische Kinder auch vom Schreiben am Sabbat nicht dispensiert. Der Erziehungsrat des Kantons Aarau hat hiezu folgende Entscheidung erlassen: „Im Frühling trat in die erste Klasse des Gymnasiums eine Schülerin israelitischer Konfession. Sie wünschte von der Verpflichtung, am Samstag beim Unterrichte sehreiben zu müssen, dispensiert zu werden. Die Lehrerschaft lehnte mit großem Mehr die Dispenserteilung ab. Der Vater der Schülerin gelangte nicht an die Oberbehörde, sondern erklärte, die Tochter aus der Schule nehmen zu wollen. Nichtsdestoweniger wünschte die Lehrerkonferenz auch einen bezüglichen Entscheid durch den Erziehungsrat. Dieser billigte die Stellungnahme der Lehrerkonferenz, indem er betonte: Der Kantonsschulbesuch ist ein freiwilliger und kein obligatorischer. Wer die Kantonsschule besucht, muß sich der Schulordnung und den Lehrplanvorschriften unterziehen oder die Anstalt verlassen. Eine Ausnahme würde erhebliche Störungen im Stundenplan zur Folge haben. Wenn an einer Bezirksschule an Samstagen israelitischen Kindern Dispens von schriftlichen Arbeiten gewährt wird, so geschieht dies, weil viele Bezirksschüler sich noch im schulpflichtigen Alter befinden und daher der obligatorischen Schulpflicht unterliegen." Kussliiml. Ingenieur Tomkin — Rabbiner von Odessa. Wilna. Der bekannte zionistische Führer, Ingenieur Tomkin, bisher Kronrabbiner in Elisabethgrad, ist von der Regierung als Kronrabbiner in Odessa bestätigt worden.

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