Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 22 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Kr. 22 verholten hat Nicht ein Ziel, nicht irgend ein höheres Streben im Interesse des Judentums, sondern persönliche Eitelkeit und Vereinsmeierei waren das Band, welches die Führer dieses Vereines zusammenhielt. Von einem Vereine, an dessen Spitze Herr Siegmund Mayer steht, eine einstige Leuchte der „liberalen" Partei, von seinen engsten Freunden .Kirchenvater" genannt, weil sich sein ältester Sohn wegen der Beamtenkarriere taufen ließ, konnte doch niemand erwarten, daß er jüdische Interessen, sobald diese mit den Schlagworten des ..Deutschtums" und des „Freisinns" im Widerspruch siehen, in erster Linie vertreten werde. Und nun, bei der ersten Gelegenheit, da die „Union" in die Lage kommt, sich für einen von zwei jüdischen Kandidaten zu entscheiden, deren einer mehr die deutsch nationale und universell menschliche, der andere hingegen mehr die jüdische Note unterstreicht, beide aber im Grunde den ts ch fort s ch r i ttliche Assimilanten sind, bricht ein Spektakel los. Der „freiheitliche" Vorstand selbst nimmt mit allen Mitteln des Terrorismus für den einen Kandidaten Partei und so zeigt sich die Hohlheit aller dieser Phrasenhelden in ihrer ganzen Nacktheit. Die Generalversammlung wwde von dem Vorstande vgehörig vorbereitet/' Tagsvorher wurden 200 Mitglieder, die nie etwas mit der „Union" und sehr wenig mit dem Judentum gemein hatten, in die Mitgliederliste aufgenommen, um die Gegner zu majorisieren. Der Vorstand selbst hat, ohne Zuziehung des Beirates und ohne Anhörung des von ihm eingesetzten Wahlkomitees, in Anwesenheit von bloß 5 Mitgliedern — die anderen wurden, wie der Vorsitzende Dr. Mintz zugestanden hat. irrtümlich nicht eingeladen — den Beschluß gefaßt, für die Kandidatur des Dr. 0 f n e r einzutretend an erlasse uns dieEinzelheiten, dieser merkwürdigen Generalversammlung; es war ein Schauspiel für die — Antisemiten. Aber eines Bedners wollen wir besonders gedenken, der den Mut gehabt hat, dem Vorsitzenden Dr. Alexander Mintz die mehrfachen Phasen seines Gesinnungswechsels vorzuhalten. Allerdings wäre dieser Redner, Dr. Karl Lifczis, welcher den bezahlten Vereinssekretär Fleischer einen „Vereinsschames" nannte, beinahe tätlich insultiert worden. Im Vereinsberichte, welcher zur Verlesung gelangte, wurde nicht nur konstatiert, daß die Zahl der Mitglieder keinen wesentlichen Zuwachs zu verzeichnen habe, sondern auch, daß der Verein bei der Negierung der jüdischen Nationalität verharre. Und da wies Dr. Lifczis darauf hin, wie weit sich Dr. Mintz, ehemals Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, um Vizepräsident der „Union" zu werden, zurückentwickelt habe. Darauf erhielt er von Dr. Mintz zur Antwort, daß dieser nunmehr wieder entschlossen sei, sich aus dem öffentlichen Leben, als welches er wahrscheinlich die „Union" ansieht, zurückzuziehen. Man sah dabei in der ganzen Versammlung keinen einzigen Menschen, der geweint hätte. Die Versammlung verlief wirklich sehr animiert bis spät nachts, und dem Vorstande der „Union" kann nicht der Dank dafür versagt werden, daß er bemüht war, sich der Außenwelt gegenüber zu demaskieren, als das was er ist, als Erbe des alten deutschtümelnden Pseudoliberalismus, dem wir eine sehr bittere Frucht zu verdanken haben: den Antisemitismus. Wenn nun die Herren der „Union", die Gesellschaft Mayer, Mintz und Genossen den Antisemitismus großziehen, um sich auf dessen einzige Bezwinger heraus spielen zu können, dann ist ihre Handlungsweise logisch. Es ist dies aber auch die einzige Logik in ihrer Handlungsweise. In Wien haben sie damit einfür allemal abgewirtschaftet. An den Juden der Provinz ist es, sich darüber klar zu werden, ob sie für diesen Sport auch die nötigen Mitteln hergeben werden. Organisation der Hilfsaktion für die rumänischen Juden. Wien, den 7. Mai (Orig.-Korr.) Behufs Organisation der Hilfsaktion für die Opfer der rumänischen Judenexzesse fand hier am 5. Mai d. J. im JBeratungssaaleder Kultusgemeinde eine Sitzung statt, bei welcher nachstehende Korporationen vertreten waren: „Israelitische Allianz, Wien"; „Alliance Israelite Universelle", Paris; „Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle", Berlin; „Hilfsverein der deutschen Juden", Berlin; „Jewish Colonization Association, Paris"; „Hilfsverein für die osteuropäischen Juden", Frankfurt a. M.; die englischen Hilfsorganisationen durch den Hilfsverein in Berlin; schließlich die Hilfskomitees für Rumänien, u. zw. in Bukarest, Jassy, Bottuschani, Galatz,, ferner in Czernowitz, Itzkany, Suczawa. Nach eingehenden Debatten wurden nachstehende Beschlüsse gefaßt: I. Die „Israelitische Allianz zu Wien" wird .mit der Leitung des Hilfswerkes im Auftrage sämtlicher großer Organisationen betraut. II. Es wird aus den einzelnen bestehenden Komitees für Rumänien eine rumänische Zentrale gebildet, die auf Verlangen der „Israelitischen Allianz zu Wien" die Ueberprüfung der aufgestellten Schadenlisten vornimmt und alsdann diese geprüften Listen der „Israelitischen Allianz zu Wien" zur Erledigung übergibt. Die Bildung der rumänischen Zentrale wird der „Israelitischen Allianz zu Wien" und den Vertretern für Rumänien überlassen. III. Die Versammlung erklärt sich bei den vorhandenen Mitteln, die benützt werden müssen, um die in Rumänien verbleibenden geschädigten Glaubensgenossen zu unterstützen, außerstande, die Auswanderung zu fördern, und sie sieht sich daher gezwungen, ausdrücklich vo.r Auswanderung zu warnen. IV. Die Hilfsorganisationen übersenden zu den gemeinsamen Fonds in Wien Beiträge nach einem zu vereinbarenden Maßstabe. V. Es wird der „Isr. Allianz zu Wien" sowie deni einzelnen rumänischen Komitees gegenüber der Wunschausgesprochen, die Verteilung der Gelder an die Beschädigten alsbald vorzunehmen. Die Bürg er in eiste rwahl. Leinberg, 4. Mai. (Orig.-Korr.) Die Bürgermeister^ wähl, die diese Woche hier stattfand, hat wiederum zum Vorschein gebracht, wie schändlich unsere „Großjuden" die Interessen ihrer Stammesgenossen und eigentlichen Mandatgeber verraten. Die Juden bilden hier bekanntlich ein Drittel der Bevölkerung und dürften daher schon wegen ihrer Zahl' auf mindestens 30 Mandate im Gemeinderate Anspruch erheben, wenn schon von ihren Steuerleistungen, die fast die Hälfte des gesamten Budgets ausmachen, abgesehen sein sollte. Sie hätten auch Anspruch auf einen Platz im Präsidium der Stadt, wie ihn schon die, Krakauer Juden seit einigen Jahren verwirklicht haben.. Aber die Magistratsclique, genannt „Strzelnica" (Schützengilde), hat es verstanden, die Juden Lembergs zu gewöhnen, daß sie keine zu großen Ansprüche erheben. So kam es, daß von einem Präsidialmandat gar nicht die Rede sein kann, und auch die Zahl der jüdischen Genieinderäte 20 nicht überschreiten durfte. Gegenwärtigsind ihrer bloß 17 da. Und was noch empörender ist — kein Jude wird zum Magistratsbeamten ernannt, kein Jude wird zu einer Stadtlieferung zugelassen! In den letzten Jahren hat aber die nationale jüdische Bewegung einen derartigen Aufschwung genommen, daß die jüdischen Gemeinderäte gezwungen wurden, auf die jüdische öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen und