Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 22 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Natlonal-Zeltunr« Nr. 22 Dr. Gustav Kohn bei den — Polnischen. "Wien. Sonntag, den 5. d. M., hat sich Herr Landesschulrat Dr. Gustav Kohn den Mitgliedern des „Machsike Hadass" als Kandidat vorgestellt. Was er dort sprach, sollte eine „Kandidateiirede11 sein. In Wirklichkeit war sie alles andere. Dr. Kohn erzählte, welch' streng religiöse Erziehung ihm sein seliger Vater angedeihen ließ, ferner, wie viele Wohltaten er seinen Glaubensgenossen schon erwiesen hat — es .sei nur nicht seine Art. alles auf die große Glocke zu hängen — schließlich sei es doch gewiß jedem bekannt, daß der „unbesoldete Posten eines Vizepräsidenten der jüdischen Kultusgenieinde" den Träger des Amtes vielfach dazu nötigt, seine Hände in die eigene Tasche zu stecken. Herr Dr. Kohn betonte ausdrücklich, daß die Deputation, die bei ihm erschienen war, um ihm das Mandat des fünften Wahlkreises der Leopoldstadt anzubieten, zur Hälfte aus Juden und zur andern Hälfte aus „hochachtbaren, ja den angesehensten Christen dieses Wahlkreises" bestand. Er könne es also nicht versprechen, nur Judenpolitik zu treiben, sondern er werde „allgemeine Interessen" im Parlamente vertreten, und somit auch jüdische Interessen, welche mit denen der Allgemeinheit „zweifellos" zusammenfallen. Nun erhob sich Dr. S. R. Landau und wies in längerer Rede nach, daß es bloß Phrasen sind, wenn man von „allgemeinen Interessen" spricht. Vertreten die Agrarier allgemeine Interessen? Wollen sie nicht vielmehr unsern Proletariern das Brot verteuern? Vertritt die Sozialdemokratie allgemeine Interessen? Oder gar die christlichsoziale Partei? „Nennen Sie mir" — sagte der Redner mit erhobener Stimme — eine einzige Partei, die für allgemeine Interessen kämpft? Und sollen gerade wir Juden, die wir von allen Parteien als ein Stiefkind behandelt werden, sollen wir päpstlicher als der Papst sein wollen, und allgemeine Interessen vertreten? Nein! Diese paar Dutzend christliche Stimmen, auf die Herr Dr. Gustav Kohn rechnen kann, dürfen ihn keineswegs dazu verleiten, sich als deutsch-fortschrittlichen Abgeordneten zu fühlen. Herr Dr. Gustav Kohn darf keineswegs mit irgend einer Partei — auch nicht mit der liberalen — liebäugeln, sondern muß es als seine Pflicht und Schuldigkeit betrachten, in erster Reihe jüdische Politik zu machen: das heißt für die Interessen der Juden einzutreten, für die Gesamtinteressen aller Juden Oesterreichs. So zum Beispiel erwarten unsere galizischen Glaubensgenossen vom neuen Parlamente eine günstige Lösung der Frage der Sonntagsruhe für die gesetzestreuen Juden, die, da sie den Samstag nicht entweihen wollen, kralt der Landesgesetze auch den Sonntag heiligen müssen, und so langsam einem vollständigen Geschäftsruin entgegen gehen. Hier handelt es sich gleich um eine jüdische Frage, die mit den Phrasen von allgemeinen Interessen nicht abgetan ist. Ich appelliere daher — schloß Doktor Landau — an den eventuellen Abgeordneten des V. Wahlkreises Herrn Dr. Kohn, daß er sich den beiden jüdisch-nationalen Abgeordneten aus der Bukowina anschließe, und mit ihnen vereint, den berechtigten Forderungen der Judenschaft zum Siege verhelfe! „Die Worte dieses Redners fanden bei den aus allen Wiener Bezirken hier versammelten polnischen Juden lebhafte Zustimmung. Einige alte ehrwürdige Juden riefen ihm „Ijascher Koichachu!" zu. Nun war es doch an Dr. Kohn, zu erwidern! Er wich de]' Frage des Judenklubs aus. Bezüglich der Sonntagsruhe erklärte er, daß er zu schwach sei, sie aufzuheben. Heri- Dr. Kohn, Landesschulrat und Vizepräsident der jüdischen Kultusgemeinde! Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Satz unserer hebräischen Weisen in Erinnerung bringe: Ingati umuzusi tamin! W. Prerau. Eiue kurze Spanne Zeit trennt uns noch von dem Wahltage, dem 14. Mai, und noch immer erwarten wir mährischen Zionisten, von unserer mährischen Parteileitung eine Direktive, unsere Stellungnahme zu den verschiedenartigsten Kandidaturen betreffend. Aber, wie es scheint, vergebens! Es läßt sich wohl nicht leugnen, daß Mähren mit seiner wenig zahlreichen jüdischen Bevölkerung nicht von solcher Bedeutung ist, wie einzelne Bezirke in anderen Ländern, wo Juden in kompakter Majorität beisammen wohnen. Es ist deshalb erklärlich, daß besagte Länder eine regere Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und die Konzentrierung aller Kräfte eben nur für sich erfordern. Trotzdem wäre es nicht von nachteiliger Wirkung gewesen, wenn das mährisch-zionistische Distrikts-Komitee die Gelegenheit benützt hätte, durch Aufklärung über die Bedeutung jüdischnationaler Betätigung bei den Reichsratswahlen auf die mährischen Juden zu wirken und sie dadurch einerseits uns näher zu bringen, andererseits den Beweis zu liefern, daß das D. K. ein lebensfähigerer Faktor unter den mährischen Juden ist, der eher berufen ist, die Geschicke der mährischen Juden zu leiten als das jetzt mit dem Tode ringende „Exkutivkomitee der mährischen Kultusgemeinden". Mußte es ja schon deprimierend auf jeden guten Juden wirken, daß die Ol mützer Handelskammer über die erleuchteten Köpfe des gesamten Exekutivkomitees hinweg als Kandidaten für den Landtag einen antisemitischen Handelskammerrat dem jüdischen vorzog! Das E. K. beeilte sich zwar „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe" in einem flammenden Proteste seiner Entrüstung darüber Ausdruck zu geben, der aber klanglos verhallte. Schon damals hätte das D. K. zu dem schnöden Vorgehen des E. K. Stellung nehmen und dessen ganze Irreführungspolitik an den Pranger stellen sollen. Aber nichts von dem geschah. Die Landtagswahlen endeten mit einem ausgesprochenen Mißerfolge der mährischen Juden und „über allen Gipfeln war Ruhe". Ganz dasselbe Spiel wiederholt sich jetzt anläßlich der Reichsratswahlen. Abermals kündigt das E. K. an, daß es zusammentreten wird; es wird sich dann wieder in belanglosen Schlüssen ergehen. Und das D. K., das in anderen Ländern eine führende Stellung unter der Judeuschaft einnimmt, trotzdem ihm kein so wohlorganisiertes Heer von Agitatoren zur Verfügung' steht, wie dem mährischen in seinen jüdischen Studenten, liegt auf seiner Bärenhaut und wartet, bis ihm die Früchte in den Schoß fallen werden. Kein Wunder, daß sich die mährischen Juden ohne Vertretung, ohne Aufklärung von den hohlsten Versprechungen betören lassen und Leuten Gefolgschaft leisten, deren bisherige politische Tätigkeit absolut nicht die Gewähr bietet^ daß sie gegen den immer mächtiger werdenden Antisemitismus mannhaft Stellung nehmen würden. Ob diese Vernachlässigung der mährischen Juden nicht schädliche Folgen nach sich ziehen wird, und ob es dem D. K. später gelingen wird, die Verantwortung hiefür von sich abzuwälzen, will ich vorläufig dahingestellt sein lassen. H. M. . Der jüdische Walllaufruf. Czernowitz. Die jüdisch-nationalen Reichratskandidaten Dr. St rauch er (Ost) und Dr. Wender (West) veröffentlichen gegen den antisemitischen Reichratskandidaten Professor von Roschmann nachstehenden von hunderten jüdischer Wähler mitgefertigten Aufruf, der gleichzeitig den Wahlkampf im ganzen Lande treu charakterisiert: Mitbürger! Der bisher bestandene nationale und konfessionelle Friede unserer Stadt wird durch eine empörende und verhetzende Agitation untergraben.