Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 22 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Nene National-Zeitung« Nr. 22 Brief aus Mähren. Brünn Ende April. Wenn man unsere Verhältnisse mit einem der heute so beliebten Zitate bezeichnen wollte, so geschähe dies am besten mit den Worten: „Ueber allen Wipfeln ist Ruh"." Ich aber füge hinzu: dies ist die Ruhe des Friedhofes. Vielleicht täusche ich mich, und es ist die Stille vor dem Ungewitter. Da stehen sie bevor, die Wahlen, welche nicht nur Oesterreich ein neues Gepräge geben, sondern, wenn nicht alles trügt, auch auf die jüdischen Verhältnisse mit einschneidender Kraft wirken werden. Wir aber gehen dem großen Unbekannten, das sich vor uns auftut, mit einer Gleichgiltigkeit entgegen, als wäre in unserem Hause alles gut bestellt. Die Juden in Mähren weiden eben die Mitläufer der verschiedenen Parteien bilden, einen selbständigen Kandidaten werden sie wohl nirgends durchzusetzen vermögen, und so vertrauen wir denn uns und unsere Geschicke Männern an, die schnöde an uns handelten oder kein Interesse für uns haben, weil sie die Allerweltsnot zu heilen angeblicli berufen und nur „zufällig" Juden sind. So werden, die Juden wieder die große Mamelukenheerde bilden, die dorthin gehen wird, wohin sie die diversen Leithammel führen. Noch immer sind in unseren Gemeinden Kantoren-, Friedhofs-, Rabbiner- und Koscherfleischfragen viel wichtiger als politische. Oder wir tun also, wie wenn diese allzuwichtig wären. De. Kultus hat die Politik erschlagen. Hie und da erhebt allerdings ein Nationaler oder Zionist seine, wenn auch nicht gewaltige, so doch mahnende Stimme. Dies geschieht gewöhnlich zur Zeit der Gemeindewahlen. Da wird das Meer etwas erregt, es schlägt Wogen, man sieht, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte, dann aber kommen die Mächtigen und stopfen den unbequemen Schreiern den Mund; man spricht von Stänkerern, Störenfrieden, unbequemen Gesellen. Zu der Höhe der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit schwingt man sich selten empor, um sich zu sagen: Diese Rufer im Streite haben das Wohl des Judentums im Auge. Vielmehr betrachtet man sie als von Selbstsucht und Ehrgeiz Erfüllte, die eine leitende Rolle spielen wollen. Hätten wir doch Leiter! Aber die fehlen uns ganz und gar. Alles ist zersplittert, kein einheitliches Vorgehen ist zu bemerken, und so geschieht es, daß besonders in politischen Fragen, uns fremde Meinungen aufgedrängt werden, und wir es schon als besondere Gnade betrachten müssen, wenn in den öffentlichen Vertretungskörpern getaufte Juden als unsere Repräsentanten erscheinen. — Verlangen Juden auch von Juden vertreten zu werden, dann erheben unsere „fortschrittlichen" Blätter ein großes Geschrei; sie faseln von Separationsgelüsten der Juden und wagen es, ihnen zu drohen. Ich muß da wohl nur auf den Brünner „Tagesboten" hinweisen, dieses von Juden meist gelesene und gestützte Blatt. Erkühne es sich nur Einer, diesem „liberalen" Boten entgegenzutreten, dann wird er in sehr unsanfter Weise angerempelt und niedergetreten. Nochmals, uns fehlt der mutige Führer. So konnte es geschehen, daß mit jüdischen Stimmen ausgesprochen antisemitische Vertreter in den mährischen Landtag gewählt wurden; und was den Reichsrat anlangt, werden wir noch manches erleben, daß uns „die beiden Ohren gellen werden". Einheit tut uns not auf allen Gebieten und eine überragende, Persönlichkeit. Wir wissen es, wenn die Feiertage kommen, werden die Synagogen wieder, gefüllt sein; man wird dem Gesänge der Kantoren lauschen und der schönen Rede des Predigers. Und wenn die Zeit der Feiertage vorüber ist, magst du weiter schlafen, mein Juda, überlasse dein Geschick den verschiedenen Wahlkomitees, sie befehlen, sie sorgen für die Kandidaten, du aber gehe hin und wähle, das ist dir nun zur Pflicht gemacht worden. — Auch sonst ist vom wahren jüdischen Leben bei uns wenig oder gar nichts zu bemerken. Unser Vereinsleben, unsere Wohltätigkeits- und Humanitätsanstalten kranken an dem Mangel der Einheitlichkeit, der festen, strammen Organisation. Ich sehe von jenen Persouen ab, die für jüdische Institute keinen Heller hergeben und für außerjüdische Veranstaltungen Summen aufwenden, ja förmliche Agitatoren für diese geworden sind, sich, um eines verächtlichen Ehrgeizes willen, förmlich aussaugen lassen, um oft judenfeindüche Einrichtungen zu fördern. Wir würden eine Unwahrheit behaupten, wenn wir nicht zugeben, daß wir die verschiedenartigsten Vereine besitzen. Und wer könnte es leugnen, daß es das unbestreitbare Verdienst, der vielgeschmähten Nation ist, auf diesem Gebiete Wandel geschaffen zu haben. Aber, wenn wir unsere Vereine betrachten, können wir uns der Wahrnehmung nicht verschließen, daß sie oft der Tummelplatz fdr solche geworden sind, die sich gerne hervortun und wichtig machen wollen, denen anderwärts die Pforten verschlosseu wurden. An Charakteren fehlt es uns, welche die hohe Sache des Judentums über ganz persönliche Ambitionen stellen. Da sehen wir jedoch oft als führende Persönlichkeiten, die ihr Süppchen schon an den verschiedenartigsten Feuern zu wärmen versuchten, die heute Sozialdemokraten, morgen Zionisten sind, dann wieder sich auf den Bourgeois ausspielen. Kann man sich wundern, daß viele, und es sind wahrlich die Schlechtesten nicht, diesen Menschen keine Gefolgschaft leisten wollen? Stille herrscht bei uns, wünschen wir, daß wir aus dieser eines Tages nicht etwas unsanft aufgerüttelt werden. Alles rüstet zu dem kommenden Wahlkampfe. Ich denke, dies sollte ein Mahnruf auch für uns sein. Wenn wir aber jetzt schweigen, kann es geschehen, daß die Zeitwogen über unseren Häuptern zusammenschlagen. Vielleicht raffen sich die Berufenen zur starken Tat auf. Aufrichtig gesagt, unsere ZAveifel sind stärker als unsere Hoffnungen. Man wird weiter, im alten Schritte, geheu. Judaeus Moravus. Abgeordneter Dr. Straucher. Eine Antwort an die „Neue Freie Presse". Im Abendblatte vom 4. Mai 1907 veröffentlichte die „Neue Freie Presse" einen ausführlichen Artikel über die Wahlbewegung in der Bukowina, worin Landesausschuß Dr. Straucher in der gehässigsten Weise persönlich angegriffen wurde. Wir erhielten nun darauf nachstehendes T e 1 eg r a m m von Dr. Straucher: Czernowitz, den 6 Mai. Die „Neue Freie Presse" ist wieder aufgesessen. Ihr Bericht im Abendblatt vom 4. Mai strotzt von lächerlichen Entstellungen und rührt von der Feder eines sicheren Durchfallskandidaten her. Die Juden sind mehr denn je geeinigt und an deren Bündnis mit sämtlichen anderen Nationalitäten scheitert die antisemitische Parole der Schar itzer und R o s c h m a n n : hie Jude, hie Christ. Die Abfalljuden sind machtlos. Gestern erst nahm eine von 5000 Juden besuchte Versammlung meine Kandidatur und die Dr. Neumanns begeistert auf. Gleichzeitig haben die im Nationalhaus versammelten 800 polnischen Wähler diese Kandidaturen akzeptiert. Auch die Jungruthenen unter Führung Wassilkos setzen sich für unsere Kandidaturen ein. Die Behauptung der „Neuen Freien Presse", daß in Czernowitz-Ost eine Stichwahl möglich wäre, oder daß die Juden ihr zweites Mandat an die Christlichsozialen verlieren könnten, ist die größte Absurdität. Dr. Straucher.