Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-05-10 · Heft 22 (10.5.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 22 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425690--0128-2426388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22 »Neue National-Zeitung« Seite 3 besitzen, möglich ist? Ist denn unsere freie Entwicklung, die Entwicklung* unserer Eigenart, unserer Kultur dort möglich, wo wir in der Minorität sind, wo man uns haßt, verachtet, verfolgt? Und wenn wir die größten Opfer bringen der Partei oder der anderen, dem Ideale oder dem anderen, — alles ist nutzlos. Wir bleiben für sie die Fremden; kein Staat, kein Land wird uns je gestatten, ein nationales Volk mit nationaler Kultur, Juden mit jüdischem Geiste zu sein. Das ist ja das zionistische Alphabet. Viele und gerade gute Zionisten haben sich ihm entfremdet. Sie irreu ziel- und planlos hin und her; irren selbst und verwirren andere; ziehen Forderungen und Bedürfnisse, Zwecke und Mittel heran, die nie und nimmer mit dem Zionismus etwas zu tun haben. Diese Kräfte müssen für die zionistische BeAvegung voll und ganz gewonnen werden, für unser großes, erhabenes Ziel. Es geht nicht an, in der Diaspora bürgerliche Beeilte zu erkämpfen und in einem fremden Lande jüdischnationale Politik zu treiben. Der wahre Zionist wird sich von einer solchen kleinlichen Betätigung stets fern halten." Dr. Nordau und „Die Welt." Hierüber lesen wir im Londoner „ JeAvish Express" vom 1. d. M. Avie folgt : Wir Avissen nicht, ob Dr. Nord au an der Konferenz des großen Aktionskomitees in Köln teilnehmen Avird. Allein Avir machen die Mitglieder dieser Konferenz ganz besonders auf das vor drei Wochen in unserem Blatte veröffentlichte IntervieAV mit Dr. Nordau (abgedruckt in der „Neuen National-Zeitung" vom 19. April 1907) aufmerksam, wonach er sich bereit erklärte, in Haag bei der Friedenskonferenz für den Zionismus zu Avirken. Zunächst müssen wir unser Erstaunen ausdrücken, daß während der „JeAA'ish Chronicle" und die „Neue National-Zeitung" das Interview auszugsweise übernahmen, gerade die offizielle zionistische „Welt" vom ganzen Interview gar keine Notiz genommen hat. Die bedeutungsvollen Worte Nordaus schienen dem offiziellen zionistischen Organ nicht einmal envähnensAvert. Merk- Avürdig! Oder liegt die „Welt" schon unter dem Pantoffel von Ussischkin? Und die Herren in Köln fürchten den Zorn des gestrengen russischen Herrn! Das offizielle Blatt sollte mehr unparteiisch sein; es sollte nicht bloß die Meinung Ussischkins, sondern auch die Nordaus den Zionisten bekanntgeben. Soviel hat sich schon Dr. Nordau um die zionistische Partei verdient! Allerdings ist dies eine ganz eigene Sache. S. KASSNER: Bauernimrulien in der Bukowina. Ozernowitz, den 4. Mai. Im Seletiner und Putillaer Bezirke Averden Ausschreitungen gegen die Juden befürchtet. Es laufen täglich neue beunruhigende Meldungen aus den Gebirgsortschaften ein. Die Juden flüchten. Die Gendarmerie, die verstärkt Avorden ist, hat bereits mehrere Rädelsführer verhaftet und in einer Konferenz des Landespräsidenten mit dem Brigadier ist auch Militärbereitschaft in Erwägung gezogen worden. SoAveit Avären Avir also in dem jüdischen Eldorado des Ostens gekommen, im Jüdischen Kronlande" Oesterreichs, Avie es Spötter oft genannt haben. Es ist vielleicht richtig, wie die Behörden versichern, daß die Furcht der flüchtenden jüdischen BeAVOhner eine übertriebene sei und die umfassendsten Vorbereitungen die sofortige Unterdrückung von Ausschreitungen der aufrührischen GebirgsbeAvohner garantieren. Aber diese beruhigenden Bulletins zeigen nur von der anerkennens- Averten Wachsamkeit der österreichischen Behörden im Osten, dem rühmensAverten PflichtbeAA'ußtseins des BukoAvinaer Landespräsidenten. Die Tatsache aber, daß eine judenfeindliche Gärung in der Landbevölkerung des ruthenischen Gebirges vorhanden ist, läßt sich dadurch nicht aus der Welt schaffen. Es sind nach den Blättermeldungen in letzter Zeit zahlreiche Waffen- Sendungen in die Dörfer transportiert Avorden, und man hat sich vergebens nach deren ZAveck gefragt. Die Meldungen aus dem Seletiner und Putillaer Gerichtssprengel lassen mm denselben deutlich genug erkennen. Was haben die Juden verschuldet, daß die Wut der Landbe\rölkerung sich gegen sie kehren will? Und warum ist es gerade die ruthenische Bauernschaft, die den ersten Stein in der BukoAvina Averfen avüI? Die ruthenischen Führer in Galizien haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihre Volksgenossen den Juden nicht Avohlgesinnt sind; sie meinen, es sei auch gar kein Grund zur Sympathie vorhanden. In der BukoAvina liegen aber die Verhältnisse ganz anders. Die Juden sind Bundesgenossen der R u t h e n e n. Die offizielle jüdische Parteileitung unterhält zu den ruthenischen Landespolitikern die besten Beziehungen. Abg. Nikolai von Was sil ko hat seinerzeit die Wahl eines jüdischen Bürgermeisters in der Landeshauptstadt eifrigst gefördert, und Dr. Strauch er hat zur Vermehrung der ruthenischen Gemeinderäte gerade bei den letzten Wahlen beigetragen. Das ruthenisch-jüdische Bündnis in der BukoAvina scheint ein ziemlich festgefügtes zu sein. Und trotzdem der Haß, der selbst vor Ausschreitungen nicht zurückschreckt? Die ruthenischen Führer des Landes Averden, Avenn ihnen an dem jüdischen Bündnis gelegen ist, diesem Hasse ihre genaueste Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Pakte der Führer sind Avertlos, Avenn sich die Völker nicht nähertreten. Die Dorfhetzer müssen entsprechend belehrt werden. Insolange dies nicht der Fall ist, bleibt das ruthenischjüdische Bündnis ein unnatürliches, und als Antwort auf die BeAvaffhung der Huzulen Avird ein verstärkter Chor der Juden laut den Ruf nach einer Revision der Judenpolitik erheben. Mag sein, daß Avir in politischer Beziehung dann so manche Einbuße erleiden Averden. Es kann aber nicht den Juden zugemutet werden, selbst von ihren eigenen Bundesgenossen angefallen zu werden und mit ihnen weiter Schulter an Schulter in den politischen Kampf zu ziehen. Die ruthenischen Führer Avissen, daß die Voraussetzung eines Aufblühens der Bukowina, avo so viele Nationen neben einander Avohnen, der nationale und konfessionelle Friede ist. Wenn einzelne Auswüchse unter den Juden in der BukoAvina Mißfallen erregen, so repräsentieren die Ausbeuter noch lange nicht das jüdische Volk, das keine Gemeinschaft mit G r o ß p r o p i n a t o r e n hat und den Augenblick sehnlichst begrüßen wird, wo jene Schranken fallen, die man den Bauern als Ursache ihrer Verarmung vorerzählt, indem man sie dabei glauben macht, die Juden seien an ihrem Unglücke schuld. Denn die entfesselte Volkswut wird gerade die Unschuldigen, die armen Dorfgreisler und Schanker, die nur Hüter der Buden sind, bedrohen, ihr Hab und Gut vernichten, den Großpropinatoren in der Bukowina wird sie aber eben so wrenig schaden wie Herrn Marcu Fischer in Rumänien, der, während man die Juden seines Heimatlandes schlug, in der Czernowitzer Presse der rumänischen Regierung ein Wohlverhaltungszeugnis ausstellte!... Mit Ausschreitungen gegen die Juden wird der Anfang gemacht. Wer dies verschuldet, möge sich vor Augen halten, daß ein frevlerisches Werk begonnen Avurde. Auch in Rumänien hat man bei den Judenhütten begonnen und bei den Schlössern der Bojaren aufgehört.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.