Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 22 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 22 chauvinistischen Allpolen. Sie rüsten sich bereits, die Führung der galizischen Judenschaft im Parlamente zu übernehmen und der polnische Nationalrat unterstützt sie, sie, die — besten Männer ... Diesen Männern entgegenzutreten, ihre wirklichen Gesinnungen und Absichten darzulegen, ihre zweideutige, volksfeindliche Rolle zu brandmarken, war die Pflicht derjenigen Juden, die zum Volke stehen, die nichts für sich, sondern alles für ihr politisch entrechtetes und wirtschaftlich dem vollständigen Ruin immer mehr zueilendes Proletariervolk erstreben. So entschloß sich denn auch die jüdischnationale Partei, in den für jüdische Abgeordnete reservierten Bezirken und in anderen, wo die Juden über eine relative Wälllermajorität verfügen, ihre Kandidaten aufzustellen. Das hat sie getan, das mußte sie tun, sollte nicht das jüdische Proletariat in hellen Scharen der sozialdemokratischen Partei zuströmen, in deren Umarmung ihm dann jedes jüdische Volksbewußtsein abhanden gekommen wäre. Ob die jüdischnationale Parteileitung bei aller Richtigkeit ihrer prinzipiellen Entschließung nicht doch in ihrer Ta~ktik unklug, in der Wahl der Kandidaten ungeschickt war, ob sie die Bedeutung des Momentes erfaßte und ob sie sich stets nur von Sachlichkeit leiten ließ, das ist eine andere Frage, über die noch gesprochen werden soll. Aber heute muß schon konstatiert werden, daß es ein großer Fehler war, drei Rabbiner in Galizien zu kandidieren, und dabei in einem Bezirke, wo die oppositionell gesinnte jüdische Intelligenz einen Advokaten wünschte (Mielec), ihr einen konservativen Rabbiner aufzudrängen. So brachte mau es zuwege, daß diese Intelligenz heute im Lager des klerikalen Polen steht. Die Jüdisch-Nationalen werden trotz ihrer demokratisch-fortschrittlichen Gesinnung von allen ihren Gegnern ohne Unterschied der Konfession als „jüdische Klerikalen" bezeichnet und gerade die Sozialdemokraten, die in den Jüdisch-Nationalen wegen ihrer radikalen wirtschaftlichen Gesinnung unbequeme Konkurrenten sehen, belieben stets von einer jüdischen Ausgabe der Christlichsozialen zu sprechen. Und jetzt sprechen sie schon von einer Rabbinerpartei, wiewohl gerade die jüdischen Klerikalen in Galizien die Jüdisch-Nationalen bekämpfen. Die Chancen der jüdisch-nationalen Kandidaten in Galizien lassen sich bei den Wahlschachereien und Pressionen, mit denen in Galizien gerechnet werden muß, schwer erraten. Die jüdische Bevölkerung in den Wahlbezirken Stryj-Kalusz, Borszczöw s. A., Brody, Kolomea wird in ihrer Majorität jüdisch-national wählen und die Ruthenen werden sich ihnen zum Teile gewiß anschließen. Die Begeisterung ist groß, aber sie wird gedrosselt durch die Schikanen der Bezirkshauptleute. Wer aus den Wahlurnen der galizischen Judenstädte hervorgehen wird, läßt sich nicht bestimmen. Von den ernsten acht Kandidaturen kann auf 2 — 3 Mandate gerechnet werden. Auch das wäre ein großer Erfolg, zumal die beiden Mandate von Czernowitz den jüdischnationalen Kandidaten, Landesausschuß Dr. Straucher und Professor Dr. Wende r, zufallen dürften. Der jüdische Klub im österreichischen Parlamente, der bisher manchem als Chimäre oder gar als Hirngespinnst erschien, ist der Verwirklichung näher als man glaubt. L. RÜBEN BKAININ: Bei Max Nordau. .Während meines, jüngsten Aufenthaltes in Paris habe ich, wie jedesmal, wenn ich in Paris weile, Dr. Nordau besucht. Dann zählen die Stunden, die ich bei ihm zubringe, zu meinen angenehmsten. Nordau versteht es, so interessant zu plaudern, daß er seine Besucher ganz im Banne hält; seine Gedanken sind immer originell und lehrreich, sein Geist kommt nie zur Ruhe und versteht es, die Aufmerksamkeit ununterbrochen zu fesseln. Im Mittelpunkte unseres Gespräches standen wissenschaftliche und künstlerische Fragen. Ich hatte den Eindruck, daß Nordau einer zionistischen Diskussion aus dem Wege ging. Er schien auszuweichen, wenn ich an ihn eine direkte Frage richtete, und statt einer Antwort bekam ich eine Gegenfrage zu hören. Ich interpellierte ihn daher direkt: „Haben Sie mir denn in dieser kritischen Zeit gar nichts über den Zionismus zu sagen? . .." Dr. Nordau erklärte sich dazu bereit. Er lud mich ein, ihn zum Zwecke einer Besprechung demnächst zn besuchen. Ich stellte mich bald ein. Ich fragte viel, sehr viel, und Nordau antwortete. Hier seine Antworten: „Wenn ich das Schicksal meines Volkes betrachte," begann Dr. Nordau seine Ausführungen, „dann wird es mir sehr traurig zu Mute. Ich zweifle sogar, ob es tausend Zionisten gibt, die den Zionismus richtig verstehen." Und nun wandte sich Nordau sehr scharf gegen jene, die er verdammt, weil sie ihre Kräfte innerpolitischen Fragen zuwenden. „Bisher," meinte er, auf die Helsingforser Zionistenkonferenz anspielend, „waren die Zionisten der ganzen Welt gegenüber Kinder eines Volkes; sie waren ein Volk in der Vergangenheit und Gegenwart, und auch die Ideale der Zukunft waren für sie gemeinsam. Heute aber, da sich die russischen Zionisten entschlossen haben, an der politischen Arbeit innerhalb des russischen Reiches teilzunehmen, ist eine dicke Scheidewand zwischen ihnen und den Zionisten der anderen Länder entstanden. Der Hauptvorzug der zionistischen Idee bestand ja darin, daß wir Juden uns alle in ihr geeinigt fühlten, in ihr sahen wir unsere Gleichheit, unsere Gleichstellung und auch unsere Zukunft. Was die Stellungnahme zu Gegenwartsfragen betrifft, so war ich stets dafür, daß die Zionisten ihre staatsbürgerlichen Rechte verteidigen, als Menschen und als Juden, nicht aber als zionistische Partei, nicht auf Grund eines zionistischen Program m s. Gegen die Beteiligung der Zionistenpartei am politischen Leben ihres Landes sprechen noch tausenderlei Gründe. Ich erinnere mich dabei an jenen Bürgermeister, der von Heinrich IV. den Befehl erhalten hatte, auf das Volk zu schießen. Der Bürgermeister entsprach dem Befehle nicht, er berief sich vielmehr auf 99 Gründe, die ihn daran hindern. Erstens habe er kein Pulver, zweitens .... Da unterbrach ihn der König: „Es genügt ja ohnehin . . . ." Gleiches gilt auch von mir und meinen Gründen. Die Helsingforser Konferenz hat die zionistische Partei in Russland schwer geschädigt; sie war der Grund, daß sich alle anderen jüdischen Parteien zum Kampfe gegen den Zionismus zusammengeschlossen haben. Es schmerzt mich tief, zu sehen wie die besten Zionisten jeden großen Zug in ihrem Handeln vermissen lassen, wie sie sich an kleine Vorteile des Momentes klammern und in Kleinigkeiten aufgehen, dabei das große Endziel übersehend. Hat uns der Zionismus denn noch nicht zur Einsicht ' gebracht, daß die Lösung der Judenfrage nirgends, als in unserem Lande, wo wir die Majorität