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Neue Nationalzeitung · 1907-05-03 · Heft 21 (3.5.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 21 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 -Neue National-Zeitung« Seite 7 didaten. Dr. Bodirsky (freialldeutsclier Antisemit). Konimerzialrat V e 11 e r (deutsclifortschrittlich •, G s c h a 111 (christlichsozial), sämtliche aus Wien, und Wilhelm Niessner (Sozialdemokrat) aus Brünn. Für die jüdische Bevölkerung, die durchwegs dem Mittelstande angehört, und einen nicht zu unterschätzenden Faktor in diesem Bezirke darstellt, käme wohl als erster Kandidat Herr Vetter in Betracht. Doch hat dieser leider nicht die geringste Aussicht auf Erfolg. Es dürfte hier zur Stichwahl zwischen dem Freialldentschen und dem Sozialdemokraten kommen; die anderen Kandidaten sind nur als Zählkandidaten in Betracht, zu ziehen. Wie sollen sich nun die Juden, die das Zünglein an der Wage bei der Stichwahl darstellen, verhalten? Sollen sie einen deutschnationalen Antisemiten wählen, als welcher sich Dr. Bodirsky auch ganz offen in der „Neutitscheiner Zeitung" bekennt, wählen? Oder sollen die Juden dem Sozialdemokraten ihre Stimme geben? Die Entscheidung wird den Juden durch die Verhältnisse aufgedrängt. Doch wie sieht es im Olmützer Städtewahlkreis aus? Hier kandidiert der deutschfortschrittliche Präsident der Handels- und Gewerbekammer v. Primavesi gegen den Sozialdemokraten und Juden Dr. Morgenstern aus Mähr.-Schönberg. Als bei den letzten mährischen Landtagswahlen die jüdischen Handelskammerräte das Landtagsmandat mit Recht für sich in Anspruch nahmen, da wein te sich der „judentreundliche" Präsident v. Primavesi mit allen Mitteln dagegen, und durch seinen Einfluß gelang es, den jüdischen Antrag abzulehnen. Nun will aber derselbe Herr v. Primavesi im Reichsrate die jüdischen Stimmen von Olmiitz, Prossnitz u. s. w. an sich reißen. Und wie bewirbt er sich wieder um die Gunst der Juden? Ganz einfach. Er gibt der „Jüdischen Allianz" in Wien für die bedrängten rumänischen Juden K 50.—. Hat nun v. Primavesi die K 50.— aus Ueberzeugung gegeben? Oder wollte er sich die jüdischen Stimmen für K 50.— kaufen? Unsere Juden haben durch ihre „deutschnationale Gesinnung" beigetragen, daß wir im mährischen Landtag so viel „freiheitliche" deutsche Antisemiten haben Es wäre die höchste Zeit, daß der Olmützer Kultusgemeinde über das Treiben ihres „Freundes" Primavesi die Augen aufgehen. Edler von Horowitz und die Chassidim. Lemberg. Im III. Wahlkreis (im Judenviertel) ist ein heftiger Kampf entbrannt. Drei jüdischen Kandidaten stehen zwei christliche und zwar ein Klerikaler und ein Ruthene gegenüber. Von den jüdischen Parteien arbeiten ■am intensivsten die Sozialisten und die Zionisten. Freilich „arbeitet" auch der „Kanal"; doch seine Arbeit ist eine unsichtbare. Es werden täglich Konventikel zusammengerufen, wo unter Schloß und Riegel das „Geschäft" abgemacht wird. Die Korruption ist in vollem Gange! Einer kleinen, aber sehr interessanten Opposition hat unser Edler von Horowitz (der Kandidat der Kahalpartei) bei den Chassidim begegnet. Das will sagen: in jenem besseren Teil der streng orthodoxen Juden, die doch nicht so korrumpiert sind, und die dem Horowitz seine Autokratie bei der Lösung der hiesigen Rabbinerfrage nicht vergessen haben. Diese Woche hat eine Konferenz zwischen Horowitz und einer Deputation der Chassidim stattgefunden, bei welcher die letzteren ihre Bedingungen bekanntgegeben haben, unter welchen sie ihm das Mandat anvertrauen wollen. Diese Postulate sind höchst interessant und zeigen von einem Riesen-Fortschritt des demokratischen Gedankens in diesen Kreisen. Das erste Postulat lautetnähmlich: Allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht in den Kultusvorstand. Dann kommt ein zweites: Aenderung des Gemeindestatutes dahin, daß bei eminent wichtigen Gemeindeangelegenheiten, wie beispielsweise: bei Aufnahme eines Rabbiners u. dgl. der Vot stand allein nicht zu entscheiden hat, sondern vielmehr eine Gemeinde-Deputation, welche auf Grund der vierteiligen Formel zu wählen und dem Vorstand als Beirat beizugeben sei. Dieser Beirat muß stärker besetzt sein als der Kultusvorstand. Schließlich noch als dritter Punkt: Die parlamentarische Erkämpfung des Sabbath-Rechtes. Ueberdies wurde eine Reihe von minder wichtigen, lokalen und spezifisch orthodoxen Forderungen besprochen. Herr von Horowitz erklärte sich bereit, für dieser Forderungen einzutreten, aber ein imperatives Mandat wollte er dennoch nicht übernehmen. Es sei „nnter seiner Würde" — soll er erklärt haben .. . Nun sind die Chassidim gespalten. Ein Teil ist mit den Erklärungen des Kandidaten unzufrieden und verbleibt in der Opposition. Ob aber auch dieser Teil für die Zionisten stimmen wird, ist noch sehr und sehr fraglich!.. k-n. Lemberg. Die jüdischnationale Parteileitung, in der nach dem Rücktritte Dr. Strauchers nunmehr Herr Stand den Vorsitz führt, hat den Beschluß gefaßt, auch in den ostgalizischen Landgemeinden Kandidaten zu nominieren. Als solche wurden aufgestellt: Dr. Mali ler (Prag), Dr. Gabel, Redakteur Löbel Taubes und Dr. Gort lieb. In diesem Beschlüsse zeigt sich die Tendenz, den jüdischen Wählern in den betreffenden Landgemeinden die Möglichkeit zu bieten, weder für einen polnischen noch für einen ruthenischen Kandidaten stimmen zu müssen. Ob diese, scheinbar objektive, in Wirklichkeit aber wenig ruthenenfreuudliche Taktik die richtige ist. werden die Wahlen beweisen. Herr Daszynski in der Klemme. Krakau. Es wäre ja so schön gewesen! Daszy nski als Führer der Sozialdemokraten und Dr. Groß als Führer der polnischen Demokraten, gleichzeitig aber auch Führer der „unabhängigen Juden", haben die Krakauer Mandate schon unter sich verteilt Dr. Groß bekäme das Judenviertel, Daszynski den Bezirk Wesola; in den anderen 3 Bezirken hätten zwar die Demokraten und die Sozialisten ihre eigenen Kandidaten aufgestellt, doch im Falle einer Stichwahl hätten sie sich gegenseitig gegen die Stanczyken unterstützt. Die Freundschaft der polnischen Demokraten mit den Sozialisten, die seit ungefähr 10 Jahren dauert, war ja so dick. Dr. Groß als Makler hat zwischen beiden einen so festen Kontakt hergestellt, daß das Wahlprojekt Groß-Daszynski gesichert schien. Daszynski hätte am Kazmierz dem Groß alle sozialistischen und Dr. Groß dem Daszynski auf der ..Wesola" alle jüdischen Stimmen zur Verfügung stellen sollen — und die Mandate beider wären gesichert. Zwar munkelte man schon vor Wochen, daß ein Kompromiß zwischen den Demokraten und Stanczyken zum Zwecke des gemeinsamen Vorstoßes gegen die Sozialdemokraten in Schwebe sei, allein Dr. Groß erklärt in einer öffentlichen Versammlung, es sei dies nicht wahr, er müßte doch als Mitglied der polnisch demokratischen Parteileitung etwas davon wissen. Sollte aber ein derartiges Kompromiß zu stände kommen, dann würde er auf seine Kandidatur verzichten. Das Unwahrscheinliche, es ward doch Ereignis. Die Stanczyken, die stets kluge Diplomaten waren, erkannten, daß ihnen die Gefahr drohe, von den Krakauer 5 Mandaten kein einziges zu erhalten. Die Demokraten mußten wieder zusehen, wie sich Daszynski als der Herr von Krakau giriert und mit Ausnahme des Juden vierteis, welches seinem Freunde Groß reserviert blieb, alle 4 Krakauer Mandate mit seinen Kandidaten besetzte. So fanden sich nun die Demokraten und Stanczyken

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