Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 21 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Natlonal-Zeltun?« Nr 21 Wanderung von Scharen entrechteter, mißhandelter, hungernder Juden im Jahre 1900 geboten und die ganze zivilisierte Welt mit Empörung und Entsetzen erfüllt hat, soll uns nochmals aufgeführt werden! Die gewissenlosen Machthaber, die derzeit am Ruder sind, scheuen nicht vor den ärgsten Mitteln zurück, um eine Expatriierung zahlloser Juden durch gesetzliche Peinigung zu erpressen! Und ,.ihre Mittel" führen zum Zweck! Tausende und abertausende Juden, deren Behandlung nichts als eine schamlose Verhöhnung von Recht uud Menschlichkeit bedeutet, greifen zum Wanderstab und kehren dem Lande den Rücken: auf Nimmerwiedersehen! Trotzdem werden aber viele Juden im Lande bleiben müssen, denn nach den Erfahrungen des Vergangenen zu schließen, wird es nicht möglich sein, eine derartige Massenauswanderung zu organisieren, da doch hiefür ungeheuere Summen erforderlich sind. Kennzeichnend für die traurige Lage der Zurückbleibenden sind die täglich einlaufenden Gesuche bei den verschiedenen Kultusgemeinden und sonstigen jüdischen Wohltätigkeitsvereiiieu. Sie beweisen, daß es in der Moldau allein wenigstens 100.000 Juden gibt, denen es unmöglich ist. einen noch so ärmlichen Lebensunterhalt zu finden. Diese Unglücklichen, Beklagenswerten sind ihrer Mehrzahl nach dazu verurteilt: im Elend und Jammer langsam zugrunde zu gehen! . . . Mir gellen dabei in den Ohren die Verse Morris Rosen felds: Es lallen zitternde Greise Gebrochen an Leih und Seel", Die alte hebräische Weise Das „Höre, o Israel!" W — wmis&jzsum Der Wahlkainpf in Wien. Während im Kaiviertel die Kandidatur des Hofrates Kuranda, der nur der christlichsoziale Kandidat Dr. W e i ß k i r c h n e r gegenübersteht, die besten Chancen hat, ist die Situation in der Leopoldstadt (Wahlkreis V) chaotisch. Dr. Gustav Kohn als Deutschliberaler und Dr. Ofner als Sozialpolitiker bekämpfen einander auf das heftigste; auch Dr. Schalit erklärt, seine Kandidatur aufrecht zu erhalten. Die Kandidatur des Doktor Ofner, die, was immer man gegen die Person des Doktor Kohn vom politischen Gesichtspunkte haben mag, jedenfalls für die jüdische Wählerschaft weniger sympathische sein muß, findet ihre Unterstützung in dem sich als Pächter aller jüdischen Interessen girirenaen Verein „Union". Der ehemals zionistische Vizepräsident und der Sekretär des Vereines wetteifern mit einander, in den Wählerversammlungen der Ofnerpartei den deutschnational angehauchten Protege der „Arbeiterzeitung" als den besten aller Juden darzustellen. Allerdings erklären beide Herren, nur pro persona zu sprechen. Allein wenn man sieht, wie die „Union" in ihrer letzten Monatsschrift für den polnischen r Hausjuden" Dr. Nathan Löwenstein die Reklametrommel rührt und wenn man sich in Erinnerung ruft, daß der Sekretär der „Union" in unangenehmer Weise den Reichsratsabgeordneten Dr. Straucher belästigt hat, weil es dieser „gewagt" hat, eine Hülsnerinterpellation im Parlamente einzubringen, ohne sich vorher mit der „Union" in Verbindung zu setzen — dann erscheinen die Schwankungen des Unionsschiffleins in einem sehr bedenklichen Lichte und man muß sich fragen, ob es vielleicht im Interesse der „Union" liegt, im Parlamente „mosaische" Volksvertreter zu sehen, denen auch sie ihren „Schutz" angedeihen lassen würde. Als politischer Faktor kommen die Juden sonst nur in jenem Teil des IX. Bezirkes in Betracht, wo der freisinnige Hofrat des Verwaltungsgerichtshofes, Baron Hock, gegen den christlichsozialen Bezirksvorsteher Stary kandidiert Hier sind von 8000 Wählern zirka 2500 Juden. Wenn es also dem Freisinnigen gelingen wird, noch mindestens 1000 christliche Stimmen autzubringen, dann ist die Wahl Hocks gesichert. Allerdings hat es Baron Hock verstanden, sich durcli sein Steckenpferd der freien Schule und der Ehereform in denjenigen Kreisen der Judenschaft, die sich in einen nutzlosen Kulturkampf nicht hineinzerren lassen wollen, unbeliebt zü machen. Allein die antisemitische Gefahr dürfte die Juden einstimmig für ihn zur Wahl treiben. Ausgeschlossen ist aber, daß die jüdischen Wähler in dem Kreise der Inneren Stadt, in welchem vom liberalen Zentralwahlkomitee der deutsch nationale Antisemit Dr. Kornke gegen den klerikalen Dr. Bächle aufgestellt wurde, sich für den Kandidaten des Zentralwahlkomitees erwärmen könnten. Es mag wohl letzterem vom Standpunkte des Deutschtums der Üeutsehnationale näher stehen als der Klerikale, die Juden aber werden sich da an den bekannten Vers von Heine erinnern und angesichts der Wahlpflicht weiße Stimmzettel abgeben. Die Sozialdemokraten haben in 5 bis 6 Bezirken sehr günstige Chancen (Brigittenau, Ottakring, Simmering, Favoriten, Floridsdorf, Meidling) und werden mit so namhaften Majoritäten wohl siegen, daß sie liier, mit Ausnahme der Brigittenau, auf die jüdischen Stimmen nicht angewiesen sind. Dafür aber haben die Juden die Möglichkeit, in anderen Bezirken, wie Mariahilf, Neubau, Döbling, den fortschrittlichen Zählkandidaten zu einigen Hunderten von Stimmen zu verhelfen. Die Wiedereroberung Wiens für den Liberalismus wird mit diesen Kandidaten, deren Persönlichkeit von der liberalen Tagespresse in überschwänglicher Weise gefeiert wurde, schwerlich gelingen. Das allgemeine Wahlrecht hat die Massen in Bewegung gesetzt. Diese sind aber heute in Wien entweder sozialdemokratisch oder christlichsozial. Mit diesen können die Juden nicht aufmarschieren. Sie müssen es also mit Persönlichkeiten. Und wo sind diese? Die judenreine Stadt. Wien. Mit Bezug auf unseren vorwöchentlichen Wahlbericht aus Wadovice, worin des eigenartigen Charakters der Stadt Saybusch gedacht wrurde, macht uns ein langjähriger Abonnent unseres Blattes auf nachstehende Krakauer Korrespondenz, welche die „N e uz ei t" bereits am 19. Jänner 1866 veröffentlicht hat, aufmerksam: „Leider artet dieser Haß in tätliche Exzesse aus, wie es z. B. schon in der benachbarten Stadt Saybusch vor 2 Wochen geschehen. Daselbst wohnte ein Israelit Rosanis in der inneren Stadt. Die Städtler darüber empört, drangen in die Wohnung desselben ein, zerstörten das Vorgefundene und führten den Kaufmann samt seiner Familie nach dem unweit der Stadt liegenden Isep. Damit nicht zufrieden, nahmen sie sogleich ein verworfenes Individuum, kleideten es als Juden, führten dasselbe vor die Synagoge und malträtierten es daselbst mit dem Bemerken: „So wird es allen Juden ergehen, welche es wagen werden, in die Stadt zu ziehen." Dieser Vorfall ist bereits dem hiesigen Landesgericht angezeigt worden und wird diese Behörde gewiß (?) nach der Strenge des Gesetzes amtshandeln." Saybusch, die judenreine Oase, ist der Sitz einer Bezirkshauptmannschaft. Neutitschein, am 26. April. (Original-Bericht.) In den Wirrwar von Kandidaten ist jetzt endlich eine Klärung eingetreten. Wir haben also vier Kan