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Neue Nationalzeitung · 1907-05-03 · Heft 21 (3.5.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 21 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Neue National-Zeitung« Seite 5 heit: der Mensch vergißt mit einemmale alles vollständig-; er kennt seinen Vater und seine Mutter nicht nnhr, er sieht und hört nicht, er verlernt das Gehen und das Sprechen. Er ist blind und taub. Wenn ein ganzes Volk seine Vergangenheit aufopfert, so versetzt es sich in die Lage dieses Kranken. Es hat keine Zukunft und keine Gegenwart und geht wie ein Automat; es hat kein eigenes Ich oder muß sich das Ich von Fremden erborgen. Aber vom Standpunkte der Moral und der Ethik und vom Standpnukte des gesunden Menschen gibt es überhaupt keine Möglichkeit, daß jemand, solange er lebt, an seine Vergangenheit ganz vergißt. So ist es auch bei einem Volke. Ein Massenmord ist etwas Unmögliches. Uud wenn es den Anschein hat, daß die Juden auf ihre Vergangenheit vergessen hätten, so ist die falsche Erziehung daran schuld; unsere Seele weilt auf fremdem Boden. Sie blüht nicht wie die Palme in ihrer Heimat, sondern wie die Palme in der geheizten Stube des Nordens, die welk und verdorrt aussieht. Unsere Zukunft. Es hat jemand die Frage aufgeworfen: Wie kann der Mensch überhaupt an dio Zukunft denken? Sie existiert ja gar nicht. Es gibt keine Zukunft. Das was uns als Zukunft erscheint, ist nichts anderes als die Vergangenheit, die durch die Hintertür wieder zurückkommt. Wenn wir unsere Vergangenheit vergessen, haben wir keine Zukunft-, Die Gegenwart ist nur eine vermittelnde Brücke, die die Vergangenheit an die Zukunft knüpft. In Midiasch wird eine Sage erzählt, in der es heißt: Einst ging ein alter Mann mit seinem Sohne über Land. Der Sohn ist von dem langen Marsche müde und fragt: Wo ist. die Stadt, die du mir versprochen hast? Da antwortet ihm der Vater: Wenn du einen Friedhof siehst, so ist es ein Zeichen, daß die Stadt bald kommt. Es ist eine merkwürdige Antwort. Ich habe jetzt beinahe die Hälfte der Welt bereist und überall habe auch ich zuerst den Friedhof gesehen. Wo aber ist die Antwort? Der alte Mann ist das alte jüdische Volk, der Knabe die junge Generation, die ungeduldig fragt: Wir haben eine erhabene Idee, wo aber ist die Stadt? Wir sind des Wartens müde. Da antwortet der Vater und aus ihm spricht die Weisheit: Mein Sohn, weißt du denn nicht, wie aJle Kultur entsteht? Ohne Opfer, ohne Friedhof gibt es keine Kultur, gibt es überhaupt kein Schaffen. Machen wir ein Ende mit dem firmalosen Volke, der heimatlosen Nation. Einen Friedhof haben wir und Millionen, die bereit sind, ihn zu verlassen und ein freies Volk im freien Lande zu werden. (Langanhaltender stürmischer Beifall. Redner wird von allen Seiten beglückwünscht). __ Ein Gewaltakt der rumänischen Regierung. Bukarest, Ende April 1907. Das Ministerium für Handel und Industrie hat mittels Zirkulär die Fabrikanten des Landes darauf aufmerksam gemacht, daß binnen 30 Tagen zwei Drittel ihres „gesamten Personals" aus Nationalrumänen, die sich im Genüsse der politischen Rechte befinden, bestehen müssen .... Sollten sie binnen einem Monat dieser Anordnung nicht nachgekommen sein, dann würden ihnen die Begünstigungen des Industriegesetzes, deren sie sich — derzeit — zu erfreuen haben, sofort entzogen werden. Unter Personal sind, wie der Handelsminister Anton Carp ausdrücklich hervorhebt — darum handelt es sich ja — nicht bloß Handlanger und gelernte Arbeiter, sondern auch die technischen und VerwTaltungsbeamten der betreffenden industriellen Unternehmungen zu verstehen. Es ist Herrn Carp nicht verborgen geblieben, daß die Industriellen ihr technisches und Verwaltungspersonal ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession, sondern nur auf Grund der Eignung und Verläßlichkeit zu ergänzen pflegen. Unter seinem Regime soll dies mit einem Schlage anders werden: zwei Drittel des gesamten Personals sollen griechisch-orientalicher Konfession sein, oder, wie sich Herr Carp diplomatisch ausdrückt: „Nationalrumänen, die sich im Genüsse der politischen Rechte befinden!" Also eine Zwangsmaßregel, derzufolge die Industriellen ein geübtes und bewährtes j'üdisches Personal entlassen müssen, um es durch glieti erestini-Neulinge zu ersetzen, die, was ihnen an Kenntnissen, Eignung und Verläßlichkeit — erwiesenermaßen abgeht, sicher durch übertriebene Ansprüche und den Stolz ihres nationalen Selbstbewußtseins, den durch einen Gesetzesbruch zu „Feinden" gestempelten Juden gegenüber reichlich ergänzen werden. Das in Kraft befindliche Industriegesetz spricht gar nicht vom technischen und Verwaltungspersonal, sondern bloß von ,. Arbeitern Die neueste Interpretation des Gesetzes ist daher eine falsche und die getroffene Verfügung völlig ungesetzlich. Herr Carp sagt aber unumwunden, klipp und klar heraus, was er will: Viele Mitglieder der jüdischen Intelligenz, die in den industriellen Betrieben des Landes, z. ß. bei den Petroleumgesellschaften in Cämpina als kommerzielle und technische Beamte Beschäftigung finden, sollen nunmehr, obgleich sie sich sehr gut bewähren, auf die Straße gesetzt werden! Die Politiker ä la Anton Carp und Jone! Bratianu scheinen es überhaupt auf die systematische Aushungerung der Juden abgesehen zu haben. Ans den Dörfern der Moldau werden die Juden gänzlich ausgetrieben und die Präfectura Vaslui hat folgendes amtliche Schriftstück den Primarien der Dorfgemeinden zur Publikation an die Juden zugemittelt: „Laut Erlaß des Herrn Präfekten Nr.. ., Zahl . . beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, daß es Ihnen nicht gestattet ist, Ihren Wohnsitz in dieser Gemeinde wieder zu nehmen, da Sie während des Aufstandes die Gemeinde mit ihrer ganzen Familie verlassen haben. Sie haben also binnen 24 Stunden die Gemeinde wieder zu verlassen!" Primär N. N. Es klingt ja wie absoluter Hohn, aber es ist Wahrheit, bittere Wahrheit, daß jene, die die Regierung vor Ausschreitungen auf dem Lande nicht schützen wollte,, und die daher flüchten mußten, um wenigstens ihr nacktes Leben zu retten, also unter solchen Umständen Opfer der antisemitisch-angehauchten Staatsgewalt geworden sind, nunmehr an ihrem Hab und Gut deshalb bestraft werden, weil sie sich nicht haben totschlagen lassen. Aber auch in den kleinen Städten, sogenannten „Comunne rurale", wo die Juden als Krämer, Kaufleute und Handwerker eine zumeist kümmerliche Existenz fanden, soll ihnen der Aufenthalt unmöglich, oder zumindest stark erschwert werden. Dafür aber stellt ihnen die Regierung in Aussicht, die Auswanderung zu erleichtern. Und diese „Erleichterung" soll darin bestehen, daß man ihnen „zu ermäßigten Preisen * Auslandspässe zur Verfügung stellt! Die Aus Wanderungsbewegung ist denn auch unter den Juden der Moldau und Walachei eine überaus rege, und wie die „Egalitatea* berichtet, haben sich nicht weniger als 25,000 jüdische Familien an die verschiedenen jüdischen Vereine mit der Bitte gewendet, ihnen zur Auswanderung zu verhelfen. Also das furchtbare Schauspiel, welches die Aus-

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