Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 21 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite^ 4 ->Neue Nattoml-Zeltung« Nr. 21 schwinden. Denn was die Knechtschaft und Unterdrückung geboren hat, kann nicht von Dauer sein. (Lebhafter Beifall.) Die Zionisten freilich wußten es besser und wußten, daß nur unsere Gegner diese Behauptung aufstellten. Nicht am Dnjepr und Don hat die Wiege des Zionismus gestanden, sondern am Jordan. (Großer Beifall.) Aus dem Gefühle des Heimwehs entsprang der Gedauke, der ebenso alt ist, wie die Geschichte des jüdischen Golus. Aber ich wollte auch für jene eine Antwort geben, die unseren Gefühlen nicht glauben, die Bewei> e wünschen, Ich habe diese Beweise, Amerika hat sie geliefert. Ich habe mir gesagt: Wenn im Lande der Freiheit kein Hoden für das Gedeihen dieser Idee ist, so sind wir verloren oder es muß ein ganz neues Geschlecht kommen. Meine Damen und Herren! Es gibt in bezug auf die Lage der Juden drei Länderkategorien. Es gibt Länder, wo die Juden keine Bürgerrechte haben : Rußlan d. Es gibt Länder, wo die Juden zwar Bürgerrechte, aber keine politischen Rechte haben. Ich unterscheide hier ganz genau zwischen geschriebenem Rechte und der Tradition, der mündlichen und tatsächlichen Rechtspraxis. Zu dieser zweiten Kategorie gehört der größte Teil von Westeuropa. Das Leben bestellt aber nicht nur aus Bürgerrechten und politischen Rechten, sondern auch aus solchen, die vielleicht die größte Bedeutung haben, das sind die gesellschaftlichen Beziehungen. Darin ist es, so befremdend dies klingen mag, in Amerika vielleicht schlimmer als selbst in Rußland. Nicht der Einzelfall ist ausschlaggebend, sondern das Gesamtverhältnis. Wenn man der Ursache dieses Mangels an gesellschaftlichen Beziehungen ernstlich nachgeht, so kommt m m zu ganz interessanten Schlüssen. Unsere Feinde sagen, die Juden stünden niedriger als die Anderen. Aber selbst Pobjedonoszew war ehrlich genug, zu bekennen: Wir verfolgen die Juden, nicht weil sie niedriger, sondern weil sie besser sind als wir. Einem Volke, das in fremdem Lande wohnt, wird es als Sünde angerechnet, wenn es besser ist als seine Umgebung. Wenn 6 Millionen nüchterne Leute unter einer Bevölkerung leben, die nicht nüchtern ist, so wird ihnen dies als Sünde angerechnet. Sollen wir nun behaupten, die ganze Welt sei schlecht und wir die einzigen anständigen Leute? Da müßten wir uns begraben lassen. Die Welt ist aber nicht so schlecht und wir sind nicht so anständig. (Heiterkeit.) Es muß doch aber irgend ein Grund vorhanden sein. Unsere Firma? Gesellschaftliche Beziehungen können nur dann bestehen, wenn gegenseitige Achtung herrscht, nicht nur Achtung zur Person, sondern auch Achtung vor dem Volke, dem man angehört, ganz gleich, ob man sich als Sohn dieses Volkes betrachtet oder nicht. Damit aber gegenseitige Achtung vorhanden sei, muß jede Nation eine Firma haben. Eine Firma, nicht im kaufmännischen Sinne, sondern eine Vertretung der Gesamtheit nach außen, ein Brennpunkt, wo alles, Avas das geistige Leben betrifft, sich konzentriert. Eine solche Firma aber fehlte uns Juden bisher. In St, Louis hat eine große Weltausstellung stattgefunden. In dieser Ausstellung war die Kunst aller Nationen vertreten. Wenn der echte Amerikaner die Ausstellung verließ und auf der Straße z. B. einen Italiener begegnete, hatte er Achtung und Respekt vor ihm, denn er sah in ihm den Repräsentanten des Volkes, dessen Kunst er soeben zu bewundern Gelegenheit hatte. Ein Volk, das Werte schafft, gibt auch jedem einzelnen seiner Genossen eine erhöhte Bedeutung. Der Einzelne ist stolz auf die Leistungen seines Volkes. Ich habe mich nun dafür interessiert, wie denn die Namen der Künstler der einzelnen Nationen lauten; da habe ich denn gefunden, dass z. B. bei der russischen Kunst 30 bis 40% jüdische Künstler waren. Auch die Namen aus Italien hatten oft einen verdächtigen Klang. Die holländische Kunst wurde nahezu ausschließlich von Juden bestritten und so weiter. Jüdische Kunst. Wer aber in der Ausstellung nach einer jüdischen Abteilung gefragt hätte, der hätte vergeblich auf eine Antwort gewartet. Die Juden haben ihre Kunst verschenkt, nicht aus Engherzigkeit, denn die Menschheit hat dadurch nichts verloren, aber auch nichts gewonnen. Verloren haben nur die Juden Die Kunst ist nicht kosmopolitisch, sondern international und damit die internationale Kunst existieren kann, müssen doch eist die Nationen bestehen. Die Juden haben auch ihre Philosophie verschenkt. Weil Spinoza lateinisch geschrieben hat, hat man sich herumgeschlagen, ob er zu Italien oder zu Holland gehört! Die Juden haben verzichtet. Nur einen Zweig haben die Juden in Amerika geschaffen : die Kleiderbranche. Die schönen Beinkleider sind uns geblieben, die Kunst aber schenkten wir weg. Wenn aber einem Volke nur ein guter Anzug übrig bleibt, so ist dies ein sehr trauriges Zeichen. Für einen gut sitzenden Rock tauscht man keine Achtung ein Die Juden haben in fremden Marmor gemeißelt, mit fremden Pinseln gemalt, ihre Sprache haben sie verleugnet und gingen bis zur Selbstverleugnung. Und wo immer man sie fragte, wen repräsentiert ihr? antworteten sie : Wir haben keine Nation! Unsere Seele hat keinen Inhalt, sie ist bereit, jeden fremden Inhalt in sich aufzunehmen. Wie soll ein solches Volk ohne eigenes Ich die Achtuug irgend eines anderen erlangen? (Stürmischer Beifall). Ich wiederhole, nicht aus Engherzigkeit handeln die Tuden so, die Kunst, die Wissenschaft, die Literatur sind international. Aber jeder muß wissen, daß hinter dieser Kunst die Gesamtheit, das nationale Ich, steht. Eine anonyme Firma für ein ganzes Volk ist verdächtig. Ich kenne nur die Belgier als Gründer der societes anonymes, ein Volk aber, das sich selbst achtet, hat keine anonyme Firma. In dieser entwürdigenden Anonymität der Juden ist die Grundursache für den Maugel an gesellschaftlichen Beziehungen zu suchen. Und es wird nicht anders werden, bis die verderbliche Selbstverleugnung aufhört und damit auch der Antisemitismus in seinen Wurzeln untergraben ist. Nicht durch Söhaffung von Vereinen zur Abwehr des Antisemitismus — das ist lächerlich — und nicht durch diesen faulen Kampf gegen Einzelne, sondern nur durch Abschaffung der anonymen Firma und Schaffung eines nationalen Zentrums in Palästina kann der Antisemitismus aus der Welt geschafft werden. Die Lösung der Judenfrage. Die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes ist die Quelle all seines Elends. In dem Augenblicke, wo auch nur für einen Bruchteil der Juden ein nationales Zentrum geschaffen wird, ändert sich die Lage der Gesamtheit mit einem Schlage. Dann hört alle Nachahmung auf, es entwickelt sich eigene Kultur, eigene Kunst, ein eigenes Ich. Nur ein Volk, das sich frei und selbständig entwickelt, das eigene Werte schafft, das nicht aufgeht in Nachäffuug des Fremden und Verbergung aller Eigenart, kann auf die Achtung und Wertschätzung aller anständigen uud gutgesinnten Menschen zählen. Und davon profitieren die Assimilanten am allerersten. Ich wiederhole noch einmal: eine an lere Lösung der Judenfrage als diese gibt es nicht. Die Medizin kennt eine seltsame, furchtbare Krank-