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Neue Nationalzeitung · 1907-05-03 · Heft 21 (3.5.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 21 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 Ich erwiderte, daß ein gutes Staatsbürgertum unabhängig von der Stammeszugehörigkeit sei. Er lehnte auch dies ab. Schule und Erziehung erforderten die Pflege nur eines Stammestums, des deutschen. Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religionsunterricht zu deutschuationalen Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisches Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbreitung deutschnationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschiehtslehrers. Das sind in ganz kurzen Umrissen die Grundzüge des mehr als dreistündigen Gespräches. Es war privat, wie der Herr Direktor später in gewissen Grenzen selbst zugegeben hat, und verlief in den freundschaftlichsten Formen. Am 31. Januar werde ich zur Rücksprache auf das Gemeindebureau gerufen. Ich gehe ahnungslos hin. Ich finde den Vorsteher, Herrn Julius Jacoby, und den Syndikus Lilienthal vor. Man verlangt erregt, ich solle mich über das Gespräch mit dem Direktor äußern. Ich weigere mich, da es privat gewesen sei. Man legt mir eine Niederschrift des Direktors vor, die er nach meinem Fortgänge in sein Amtsjournal eingetragen haben soll. Das Gespräch sei also doch offiziell gewesen. Als mir diese zehn Sätze vorgelegt waren, fühlte ich mich verpflichtet, mich dennoch zu äußern. Mein erstes Wort war: „Dieses habe ich gesagt und doch nicht gesagt." Ich habe es gesagt, insofern ich die Gedanken wiedererkenne, au die sich die Sätze des Direktors geknüpft haben und die zu verleugnen ich keinen Grund habe. Ich habe es aber weder in dieser Form, noch in dieser Kraßheit gesagt. Das Wort von der Lüge der Andersmeinenden ist nie über meinen Mund gekommen. Manches, was ich betönte, ist in der Niederschrift unbetont geblieben und umgekehrt, Diese zehn Zeilen sind ein willkürlicher Auszug aus einem mehr als dreistündigen intensiven Gespräch. Alle Zwischenglieder, sämtliche Begründungen fehlen. Den Herren Jacoby und Lilienthal gab ich darauf Satz für Satz die Begründungen; so wie sie oben aus meinem kurz wiedergegebenen Gespräch mit meinem ehemaligen Lehrer wohl hinreichend ersichtlich sind. Sie versicherten mir darauf, daß sie meinen guten Glauben nicht anzweifelten, sonst aber machten sie mir keine Komplimente. Herr Lilienthal sagte: ..Sie sind ein Fanatiker, der sich in verrückten Ideen verrannt hat," Herr Jacoby sagte: „Sie sind bei uns in Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten!" Dann wurde mir mit einemmale mitgeteilt, daß der Vorstand bereits beschlossen habe, mich bis auf weiteres vom Amte zu suspendieren. Bereits, das heißt, ehe man mich gehört hatte. Schließlich wurde mir ein Protokoll vorgelegt, das ich sofort unter dem Eindruck der schweren Nachricht unterschreiben sollte. Dieses Protokoll wurde von Syndikus Lilienthal aufgesetzt. Es stand darin, daß ich das Gespräch mit meinem Lehrer für privat halte, daß die Niederschrift des Direktors ein inkorrekter Auszug aus diesem dreieinhalbstündigen Privatgespräch sei, und daß darin meine Gedanken falsch betont seien. Ich habe unterschrieben. Damit war mein Schicksal besiegelt, Ich war zu anständig, meine Gesinnung zu verleugnen. Ich unterschrieb im Vertrauen darauf, daß die Herren Jakoby und Lilienthal die Sätze des Direktors nicht in ihrer nackten, verletzenden Kraßheit, sondern mit dem von mir mündlich hinzugefügten ausführlichen Kommentar weitergeben würden Hätte ich im Entferntesten bedacht, was man aus dieser Unterschrift herauslesen könnte, wenn man wollte, wie man es ja auch herausgelesen hat, ich hätte sie nie gegeben. Der Vorstand übergab die Angelegenheit nunmehr der Repräsentanz mit dem Antrag aufsofortige Entlassung. Gleichzeitig machte er sie durch Rundschreiben an die Synagogenvorsteher publik. Am 10. Februar fand die erste Repräsentantensitzung statt. In ihr wurde die Angelegenheit einer aus Vorstehern und Repräsentanten gemischten Kommission überwiesen. Ich schrieb am 13. Februar an den Vorstand der Gemeinde einen Brief, in dem ich meine Unterschrift annullierte, um dadurch ein für allemaie die falschen Kommentare des Protokolls unmöglich zu machen und die ganze Angelegenheit in ein anderes Fahrwasser zu leiten, ein gerechteres, indem ich hoffte, daß man mich nun endlich seitens der Repräsentanz persönlich hören würde. Gleichzeitig stellte ich den Antrag auf Auslieferung der Niederschrift des Direktors. Ich erhielt keine Antwort auf den Brief. Am 19. Februar schrieb ich noch einmal. Die Niederschrift wurde mir verweigert, Am 22. Februar bat ich noch einmal mündlich darum. Sie wurde mir abermals verweigert. Am 28. Februar tagte die gemischte Kommission. Durch Herrn Lilienthal wurde mir offiziell mitgeteilt, daß sie meine definitive Suspension beschlossen habe. Dann ließ man mich nicht weniger als sechs Wochen warten. Noch immer hoffte ich, daß die Repräsentanz mich hören würde, und war sicher, daß in einem Falle wie diesem niemand ein Urteil fällen würde, ohne mich gehört zu haben. Schließlich wurde ich trotzdem verurteilt, fast einstimmig. Endlich am 15. April 1907 erhielt ich nach mehrfacher Mahnung den Bescheid, daß durch Gemeindebeschluß vom 21. und 29. März 1907 bestimmt worden ist, daß ich künftighin weder als Prediger noch als Religionslehrer fungieren soll. Das Gehalt würde mir während der Dauer meines Vertrages in der bisherigen Weise weiterhin ausgezahlt werden. * * Ich bin am Schluß meiner Darstellung. Ich glaube, sie so objektiv gegeben zu haben, wie es einem Manne, der aus seinem Amte und anscheinend sogar aus seinem Berufe geschleudert worden ist, nur möglich sein kann. Ich bin hier gemaßregelt worden um me iner Gesinnung willen. Es ist eine Gesinuung, die ich noch heute aufrecht erhalte. Und ich verlange, daß sich die Oeffentlichkeit mit dieser Gesinnung beschäftige. Ja sie muß undwird sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Rabbiner Ansichten äußern darf, wie ich sie geäußert habe, oder ob er sich mit ihnen „der Achtung, des Ansehens und des Vertrauens unwürdig zeio-t, welche sein Amt erfordert." Und sie wird ihr Urteil fällen müssen, ob es wirklich wahr ist, daß man mit solchen Anschauungen das Judentum und die Rechte seiner Bekenner gefährde. Die Zukunft des jüdischen Volkes. Von Dr. Schemarja Lew in. Mitglied tler I. russischen Re i c hsd u in a. (Schluß ) Der Zionismus in Amerika. In Westeuropa hörte ich immer sagen, der Zionismus, der Gedanke des Wiederauflebens der jüdischen Nation sei ausschließlich in Rußland oder in einem anderen Lande der Unterdrückung möglich, nicht aber in einem freien Lande, wo die Juden volle Bürgerrechte haben. Nun habe ich mir gesagt: Wrenn dieser edle, erhabene Gedanke wirklich njr ein Gedanke der Knechtschaft ist, wenn ein Plehwe als der Schöpfer des Zionismus betrachtet werden kann, dann wird der Zionismus ver-

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