Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 21 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 »Neue Nationäl-^eituhg« Nr. 21 »Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen« war Gegenstand einer Dienstag, den 30. April im Hotel »Central« stattgefundenen, vom Mediziner Theodor Kohn einberufenen Studentenversammlung. Dieselbe war sehr zahlreich, und zwar von allen jüdisch-akademischen Vereinen Wiens besucht. Den Vorsitz führte med. Deutsch; das Referat erstattete cand. Ing. Kaplansky-Kaplanwelcherdie Entwicklung der ganzen auf Anerkennung der jüdischen Nationalität gerichteten studentischen Bestrebungen darlegte. Nach ihm 'sprach Herr Adolf Böhm namens der jüdischen Nationalpartei und schließlich stud. jur. Löhn er, welcher sämtliche jüdische Studenten aufforderte, sich am Donnerstag vormittags vor dem Unterrichtsministerium zu versammeln, da gleichzeitig eine studentische Deputation dem Unterrichtsminister die heute vorgelegte Resolution überreichen \v!v . Diese Resolution, die auch einstimmig angenommen wurde, hat nachstehenden Wortlaut: »Dieim Hotel »Central« inWien am30.Aprill907 versammelten jüdischen Studenten haben einstimmig folgende Resolution angenommen : »Wir prostestieren neuerdings gegen die, an den österreichischen Hochschulen geübte Praxis, derzufolge es jüdischen Akademikern unmöglich gemacht wird, ihre Nationalität zum Ausdrucke zu bringen, indem an fast allen Hochschulen Oesterreichs die Nationalia keine Rubrik für Angabe der Nationalität führen. Dadurch werden wir nach Ausfüllung der Rubrik »Muttersprache« gegen unseren Willen Nationen zugezählt, welche uns als vollwertige oder wirkliche Konnationale nicht anerkennen. Wo aber die Rubrik »Nationalität« noch besteht und von den jüdischen Studenten zur Ablegung ihres nationalen Bekenntnisses benützt werden kann, wird dieses im statistischen Ausweise der Hochschule einfach ignoriert. Wir halten eine derartige Vergewaltigung mit der akademischen Freiheit nicht für vereinbar und fordern : 1. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Mittelschulen. 2. Als Ausdruck dieser Anerkennung die allgemeine Einführung der Nationalitätenrubrik oder zumindest die Gestattung der Nationalitätenklausel bei Angabe der Muttersprache. 3. Berücksichtigung dieser Eintragung in allen statistischen Ausweisen der Hochschulen. , Es wird ein Studentenkomitee in Wien eingesetzt und beauftragt, ein ausführliches Memorandum auszuarbeiten und beim Unterrichtsministerium die geeigneten Schritte zu unternehmen.« ___^__ RABBINER DR. E. COHN:*) Meine Entlassung. Am 7. Januar 1907 hatte ich mit meinem langährigen Lehrer, dem jetzigen Direktor eines städtischen Gymnasiums zu Ckarlottenburg, ein dreieinhalbstündiges G-espräch über meine Anschauungen von Judentum und Judenfrage. Ich war in seiner Sprechzeit zu ihm gegangen, um mit ihm meine ev. Anstellung als jüdischer Religionslehrer an seiner Schule zu erwägen. Im Anschluß daran erfolgte mein Gespräch. Es ist die Ursache und der Grund meiner Amtssuspension geworden. Der Herr nennt sicli einen Pliilosemiten. Er steht auf dem Standpunkt Bismarcks: Ein arischer Hengst und eine semitische Stute ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch in der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst wenn sie nicht aus Ueber- *) Der Prediger der Berliner Judengenieinde Dr. Emil Cohn wurde am 15. April 1907 nach vorheriger Suspersiou vom Amte entlassen Die Gründe, die seitens des Vorstandes bisher die OeÜ'entlichkeit vorenthalten werden, sind politischer Natur und so ungeheuerlich, daß die Berliner Kultnsvorsteher duich ein ferneres Schweigen in den Augen aller anständigen Menschen gerichtet sind. Wir lassen nun Herrn Dr. Kohn selbst sprechen. Anm. d. Red. zeugung erfolgt. Er fragte mich, ob ich nicht auch ein solches Aufgehen ersehne. Er jedenfalls freue sich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicke, und sei stolz, daß derer auch an seiner Schule nicht wenige seien. Das war der Standpunkt des Herrn Direktors. Als ich ihn vernahm, geriet ich in die tiefste Verwunderung. Ich begriff nicht, wie ein liberaler Direktor zu solchen Ideen kommen konnte, und noch viel weniger, wie er die gleichen Ideen bei einem Rabbiner voraussetzen konnte. Ich habe es in diesem Augenblicke nicht über mich gewinnen können, seinen Ausführungen nicht entgegenzutreten. Ich ahnte nicht, was für Folgen dies haben würde. So sagte ich dem Direktor rund heraus, daß es durchaus nicht meine und ebenso wenig meiner jüdischen Brüder Ansicht sei, daß wir aufgehen müßten; ich für meinen Teil müßte die Mischehe absolut verwerfen, auch aii den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht könnte ich keinen Gefallen finden, ebenso wenig an der Taufe ohne innere Ueberzeugung. Wir Juden wollen aber nicht nur, wir können auch garnicht aufgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennnbar mit unserem Stammestum verknüpft. Ich wies ihm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach, kam auch im Anschlüsse daran auf meinen Zionismus zu sprechen, der für mich eine Folge meiner Wertschätzung des jüdischen Stammestums ist, dem ich noch eine große Zukunft zuschreibe. Ich erklärte ihm übrigens ausdrückiieh, daß ich mit meinem Zionismus gegenüber dem antizionistischen Gros der deutschen Juden, speziell der Berliner Gemeinde einen schweren Stand hätte. Aber auch bei den Juden, die dem Stammestum keinen Wert beimessen, sei es tatsächlich lebendig. Es gäbe keinen Antisemitismus, wenn es anders wäre. Man haßt uns nicht, weil wir schlechter, sondern weil wir anders, d. h. stammlich erkennbar sind. Ich kann so die Abneigung gegen uns an sich als eine gewisse Reaktion wohl begreifen, wenn ich auch den Antisemitismus selbst aufs heftigste bekämpfe und in seinen verschiedenen Formen als unmoralisch verwerfen muß. Diese Abneiguug wird bestehen, solange wir Juden nicht unser Stammestum auflösen. Wir dächten fürs erste nicht daran, wie die Verwerfung der Mischehe selbst in den Kreisen, die gar nichts vom Stammestum halten, beweise. Der Stammesinstinkt sei sehr stark. Das zeige auch die innige Liebe, die uns an unsere östlichen Stammesbrüder knüpft, obwohl sie geistig und kulturell himmelweit von uns verschieden sind. Ja, die armen russischen Juden müßten meinem Herzen heute näher stehen als die Christen meines deutschen Vaterlandes, weil außer uns Juden niemand da sei, der sich dieser Unglücklichen erbarme. Kein Christ habe sich ihrer bei den letzten Verfolgungen angenommen. Zwar gebe es Juden, die jenes Stammgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen, oder suchen in unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuscheu. Der Direktor schien entsetzt über diese Anschauungen: „Ich habe einen jüdischen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muß ihn doch für einen Heuchler halten?" „Keineswegs," antwortete ich. „Ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich kann und will Schiller und Goethe nicht in mir ausstreichen. Trotzdem pflege ich mein jüdisches Stammestum, das mit einem guten deutschen Staatsbürgertum sich wohl verträgt." Das wollte der Direktor nicht wahr halben. Er meinte, daß wir dann einen Staat im Staate bildeten.