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Neue Nationalzeitung · 1907-05-03 · Heft 21 (3.5.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 21 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N5UE NClONftL-ZBCUNG JÜDiäCRPOUCiSCRS WOCRSNSCRRIFC OrS.R.LANDAü:: IX. JAHRGANG. WIEN, 3. MAI 1907. No. 21. Ein nationales Postulat. Die Frage der Anerkennungder jüdischen Nationalität ist eines der wichtigsten Postulate der jüdischnationalen Politik in Oesterreich, vielleicht sogar das wichtigste. Es sind damit so vielfache Erscheinungen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lehen der österreichischen Juden verknüpft, daß erst durch die nationale Anerkennung die Juden zu dem werden, worauf sie als Steuerträger und Staatsbürger ein Recht haben: ein gleichwertiger Faktor unter den zahlreichen Völkern dieses Staates zu sein. Wir haben keine jüdische Bernfsstatistik, die ein Bild unseres Wirtschaftslebens bieten würde — weil uns die statistische Zentralkommission wirthaftlich nicht kennen will; wir haben keine jüdischtheologische Fakultät, an der Wiener Universität, wiewohl seit Stremayer im Unterrichts-Ministerium ein fertiger Plan vorliegt — weil wir eine quantite negligeable, bloß eine „konfessionelle Gemeinschaft" sind; "die Gesetzesvorlagen und statistischen Tabellen des neuen Wahlreform-Entwurfes haben uns in jedem Lande einer anderen Nationalität zugezählt - weil wir als Volk für die Regierung namenlos sind. Dagegen gibt es nur ein Mittel: Lebhafter Protest in den jüdischen Versammlungen, in der jüdischen Presse und, was das Wichtigste ist, seitens der jüdischen Volksvertreter von der parlamentarischen Tribüne. Es muß der Regierung, d. h. den Herren Ministern in die Ohren hineingeschrien werden, daß wir ein Volk, ein lebendiges Volk sind, mögen auch Herr Bondy die Czamara, Herr Dr. Löwenstein den Kontusch und Herr Dr. Ofner das schwarzrotgoldene Band anlegen. Diese Herren mögen sich assimilieren, sie mögen sich sogar taufen lassen, was sie gewiß nicht tun werden, da sie ja sonst keine jüdischen Parlamentsmandate anstreben können, aber es gibt hunderttausende Juden in Oesterreich, die sich nur als Juden fühlen. Ihnen sind die Schlacht bei Sedan oder am weißen Berge oder die Feier der polnischen Maikonstitution gleichgültige historische Ereignisse. Sie sehen in den jüdischen Massen Rußlands und Amerikas ihre Brüder, Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blut, hingegen in den Deutschen. Tschechen und Polen bloß Mitbürger desselben Staates. Den jüdischnationalen Akademikern gebührt das Verdienst, die Bedeutung der nationalen Anerkennung erfaßt und mit ihrem jugendlichen Idealismus dafür eingetreten zu sein. Der jüdische Student, der aus den engen Räumen der Gymnasialklassen, wo er seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke so oft büßen mußte, an die Hochschulen gelangt und zu einem freien akademischen Bürger geworden ist, fühlt in seinem Inneren den ideellen Trieb, in die Reihen seines Volkes als nationaler Pionier zu treten und sofort ein nationales Bekenntnis abzulegen. Es erscheint ihm verwerflich, das akademische Bürgerrecht mit einer Lüge zu erkaufen und die Kultnrsprache eines anderen Volkes als seine Muttersprache angeben, seine eigene nationale Zugehörigkeit aber verschweigen zu müssen. Die Agitation der jüdischnationalen Jugend setzt hier ein. Sie verlangt vorerst und hauptsächlich, im Nationale eine Rubrik „Nationalität" statt oder neben der „Muttersprache" eingeführt zu sehen. Diese Agitation ist eine ernste, intensive. Wenn sich auch das Unterrichtsministerium dagegen sträubt und sogar einen diesbezüglichen zustimmenden Beschluß des akademischen Senates in Czernowitz suspendiert hat, angeblich, „bis die Regelung dieser Frage an allen Hochschulen Oesterreichs einheitlich erfolgt", so wird nicht geduldet werden, daß die ganze Frage zum Zwecke der „einheitlichen Regelung" ad calendas graecas verschoben werde. Die gesamte jüdischnationale Jugend aller österreichischen Hochschulen wird an diesem Postulate einig, zäh und energisch festhalten und der Unterrichtsminister wird mit demselben rechnen müssen. Herr Dr. March et wird Gelegenheit haben, darüber von einer Studenten- Deputation genau informiert zu werden. Die jüdische Jugend ist nicht gewillt, an den Hochschulen die Rolle des namenlosen Aschenbrödels zu spielen.

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