Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 20 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 »Neue National-Zeitung* Seite 11 XEUlLLgBON „Das Ghetto." Trauerspiel in 8 Akten von Hermann Heyermans. Aufgeführt im Bürgertheater am 21. April als Gastspiel des Berliner Kleinen Theaters. Es ist für die Wiener Theaterverhältnisse sehr charakteristisch und wohl in erster Linie auf die Vorherrschaft unserer „Glaubensgenossen" in der Wiener Presse zurückzuführen, daß sich kein Theater in Wien entschließen kann oder will, ein Stück mit jüdischer Tendenz aufzuführen. Als vor mehreren Jahren dem Direktor Gettke vom Raimundtheater das großartige jüdische Milieustück der Gabryela Zapolska „Malke Schwarzenkopf", welches in Warschau, Krakau, Posen je über 100 Mal aufgeführt worden ist, angeboten wurde, da meinte er: „Ja, das Stück ist sehr gut. Ich würde es gern annehmen. Aber wissen Sie . . . Ich bin nicht ganz unabhängig . . . Was würde denn unser Ausschuß dazu sagen? ..." Dank dieser Unselbständigkeit der Theaterdirektoren muß sich das Wiener Publikum bescheiden, selbst die besten dramatischen Stücke, soweit sie jüdische Tendenz haben, erst von Berliner Schauspielern vorgeführt zu sehen. So war es im „Deutschen Volkstheater" mit den „Juden" von Tschirikoff, einem vorzüglichen Kassenstück; so ist es jetzt im Bürgertheater mit dem „Ghetto". Die Aufführung war eine glänzende, die dramatische Wirkung war nur im ersten und zweiten Akte eine packende. Den Inhalt und die Tendenz des Stückes werden unsere Leser aus den nachstehenden Besprechungen der maßgebendsten Wiener Blätter ersehen. * * * „Neues Wiener Tagblatt". Auch sein Ghetto-Schauspiel, als Drama schwach und haltlos, fesselt durch eine verblüffende Echtheit seiner Bilder und Figuren. Von einem holländischen Judenhause hebt Heyermans das Dach, und wir schauen in das Geschäfts- und Familientreiben der Ghettomenschen; wir werden mit Gegenständen und Gebräuchen, mit dem Leben enger Seelen vertraut. In der Werkstatt Heyermans wird zumeist Beiwerk erzeugt. Die Handlung des Stückes aber auf einen gewöhnlichen Konflikt gestellt: Der Sohn eines eifervollen jüdischen Trödlers liebt die christliche Magd des Hauses. Er verleugnet zudem den Gott seiner Väter und hat verworren pantheistische Zukunftsträume. Das gibt natürlich einen häuslichen Skandal, den Heyermans nun je nach Wunsch in ein Trauerspiel oder in eine milde Komödie auslaufen läßt. Der Wiener Theaterzettel zeigt auf „Trauerspiel". Da sollte das Christenmädchen dem Zwiespalt zum Opfer fallen und ins Wasser gehen. Man ließ aber lieber den versöhnlichen, weicheren Schluß einschnappen: Die Magd wird Jüdin, das Paar wird in der Synagoge getraut und Ruhe kehrt wieder in das Haus der erregten Ghettomenschen ein . . . Diese Möglichkeit, einen beliebigen Schluß auszusuchen, schwächt das Stück. Gar zu umständlich geschieht das Hinschieben zum guten Ausgange, und breit ausgeführte Schilderungen hemmen die dramatische Gestaltung. Der Charakter der Liebenden verhaspelt sich schließlich in wirren Reden und wenig glaubhaften, einer einfachen Magd nicht angemessenen Gesprächen. Die Typen der alten Judenmenschen sind um so schärfer gezeichnet. - * * * „Neue Freie Presse". Als Heyermans die „Hoffnung" aufführen ließ, zählte man ihn zu den Modernen. Jetzt, da man sein „Ghetto" sieht, erkennt man, daß er es schon damals nicht war. Was übrigens keinen Vorwurf bedeutet. Es handelt sich lediglich um eine reinliche Abgrenzung. Das Moderne bei Heyermans war eigentlich immer nur das Soziale, die anklägerische Geste. Im „Ghetto" fehlt diese Geste. Er klagt nicht an, er schildert. Er malt. Und da merkt man, daß er keine neuen Farben auf der Palette hat. Heyermans geriet wo auf der Suche nach einem neuen Milieu ins „Ghetto". Der Dichter der „Hoffnung" dachte, was bei Fischern möglich war, müsse auch bei den .luden glücken. Indessen ist da doch ein Unterschied. Denn in jenen sturmgepeitschten Akten handelte es sich um Tod und Leben, hier aber nur darum, daß der blinden Sachel Sohn die Christenmagd Rose heiraten will und zum Schluß auch wirklich heiratet, obwohl Sachel gewünscht, hätte, daß er Rebekka, Aarons Schwester, zur Frau nehme. Das mag Im Ghetto eine Katastrophe bedeuten, auf dem Theater läßt uns dieser Zwiespalt kalt Heyermans mag das auch gefühlt haben, und darum versuchte er, den Gegensatz zu verallgemeinern, aus dem Individuellen ins Soziale zu führen. Im zweiten Akt stößt Rafael ein Fenster auf — jenes gewisse Fenster, das wir schon aus anderen Stücken kennen - und ruft: „Hinaus aus dem Ghetto!" Diese Geste kennen wir bereits. Und im dritten macht der Dichter selber ein anderes Fenster auf: das Kind! Das Liebespaar, das sich im Ghetto seiner Gefühle verirrt, hat, erhofft alles von dem zu erwartenden Kinde, diesem Kinde der Zukunft, das weder Jude noch Christ sein wird, sondern Mensch, was die Erlösung bedeutet. Und auch diese Wendung ist bekannt — etwa aus dem „Nathan". Die „Arbeiter-Zeitung". Ein mittelmäßiges Stück, das in einer jüdischen Trödelbude und um sie herum spielt. Die alten Juden — tiefstes Ghetto, der junge Jude — höchster Freigeist. Das gibt ein in den Milieuschilderungen recht witziges, in seinem atheistischen Pathos recht läppisches Theaterstück. Die Leiter des Kleinen Theaters scheinen das Werk mit zu viel Ehrfurcht angefaßt zu haben und so blieb die läppisch-pathetische Hälfte des Dramas leider ganz unversehrt. „Die Zeit41. Gestern begann hier ein Ensemblegastspiel und führte das Trauerspiel in drei Akten „Ghetto" von Hermann Heijermans auf. Handlung: ein junger Jude fällt von seinem Hause, von seinem Volk, von seinem Vater ab. Ist in die christliche Magd verliebt, will fort mit ihr, hinaus in die Welt, jedenfalls aus dem Ghetto fort. Sie soll den Christengott aufgeben, wie er den Judengott aufgegeben hat. Und beide sollen dann irgendeinen freien Gott suchen, in dessen Verehrung sie ihre Kinder zu freien Menschen erziehen werden. Diese Geschichte trägt sich in einem Trödelladen zu, bei winzig kleinen, altgläubigen Leuten. Sie sind mit allerlei Milieukünsten aus der naturalistischen Zeit geputzt und zu einer anscheinenden Lebendigkeit gebracht. Vor vierzig, fünfzig Jahren etwa hätte das liberalisierende Judentum dieses Stück viel-