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Neue Nationalzeitung · 1907-04-26 · Heft 20 (26.4.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 20 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20 »Neue National-Zeitung« Seite 9 den Kindern mit dem hebräischem Gruße Boruch Habo Beschem Ad. begrüßt. Nach dem im Chore gesprochenen Eröffnungsgebete Mah-Towu und nach der Einleitung des Herrn Dr. Goldberger folgte die Prüfung aus sämmtlichen Lehrgegenständen; als hebräisch Lesen, Uebersetzen der Gebete sowie der Bibel im Urtexte der biblischen Geschichte und Geographie des heiligen Landes usw. Knaben und Mädchen boten zufriedenstellende und teilweise überraschende Leistungen, ein Bild der zielbewußten und erfolggekrönten Arbeit und Lehrtätigkeit. Besonders bemerkenswert war auch die Sicherheit, mit welcher die Kleinsten aus der ersten Klasse ihr erst vor kurzem geübtes Mah-Nischtanoh fehlerfrei vortrugen. Die Anwesenden folgten mit sichtlicher Befriedigung dem Prüfungsgange und dem lebendigen Wetteifer der Schüler und Schülerinnen. — Wollten wir über alles im Einzelnen berichten, so würden wir wohl den Raum weit überschreiten müssen; deshalb beschränken wir uns darauf, uns jenen Worten anzuschließen, welche nach dem Schlußgebete der Vorsteher Herr Dr. Steiner an die Kinder und an Se. Ehrw. B[err Rabbiner Dr. Goldberge r richtete. Derselbe ermahnte die Kinder, der Wichtigke it der Religion stets eingedenk zu bleiben, im Religionsunterrichte immer so fleißig zu sein, wie sie es bei der Prüfung gezeigt haben, und so dem Herrn Rabbiner durch Eifer und Gehorsam die große Mühe zu erleichtern und zu lohnen. Die schöne Prüfungsfeier schloß mit der Kaiserhymne. Die Christlichsozialeii im Küstenlan<ie. Triest, den 20. April (Orig.-Korr.) Dieselben Er scheinungen, welche bereits geraume Zeit in ganz Oesterreich zutage treten, kann man nun auch in Triest beobachten: Den Niedergang der „Liberalen" und das Vordringen der ehr istlich sozialen Bewegung. Die hiesigen italienischen „Liberalen" haben durch ihr stetes Kokettiren mit den chauvinistischen Irridentisten und durch ihre großkapitalistische Wirtschaftspolitik sich sowohl bei den Deutschen und Slowenen, wie bei deui italienischen Mittel- und Arbeiterstande verhaßt gemacht. Nun hat sich die christlichsoziale Gruppe der herrschenden Unzufriedenheit bemächtigt und entfaltet nunmehr, gefördert durch die Wiener christlichsoziale Parteileitung, eine rege Agitation. In Triest sowie im ganzen Küstenlande werden Reichsratskandidaten mit einem antisemitisch gefärbten Programme aufgestellt u. zw. wie die Kandidaten behaupten, seien sie nur „wirtschaftliche" Antisemiten Den Juden wird vorgeworfen, daß sie die Träger der irridentistischen Ideen seien, die nationalen Reibungen zwischen Italienern, Deutschen und Slowenen durch ihr italienisch-chauvinistisches Auftreten sehr vermehren, in den ersten Reihen der Kämpfer gegen die katholische Kirche stünden und so ein Haupthindernis der Verständigung der Bewohner des Küstenlandes auf dem Boden einer ehrlichen Sozialreform bilden. Diese Behauptungen finden in gewissen Schichten Gehör. Die führenden jüdischen Kreise im Küstenlande sind baar jedes jüdischen Nationalgefühles, sie stehen in den vordersten Kreisen der italienischen pseudoliberalen Chauvinisten und haben sich z. B. in dem Kampfe gegen die Forderung nach einer slo wenischen Volksschule unsinnigerweise engagirt. Die Chancen der Christlichsozialen sind vorläufig unsicher; ihre Agitation ist aber, wie überall, ein rücksichtslose. Als Kampfmittel bedienen sie sich einer neugegründeten Zeitung. Auswanderungen. Itzkany, 16. April. (Orig.-Korr.) Mit dem Zuge aus Burdujeni kommend, sind gestern 11 jüdische Familien, die infolge der Exzesse auf den Bettelstab gebracht sind, hier eingetroffen, und nach mehrstündigem Aufenthalt mit dem Zuge Nr. 314 nach Amerika weitergereist. Am Bahnhofe hatten sich viele jüdische Familien aus Itzkany und Suczawa eingefunden, und beim Abschiede spielten sich herzzerreißende Szenen ab. Der Selbstmord eines jüdischen Husars. Budapest, den 22 April. In der hiesigen Honvedhusarenkaserue hat sich vor einigen Tagen ein jüdischer Rekrut in dem Moment erhängt, als eben der Generalinspektor der ungarischen Landwehr, Erzherzog Josef erschienen war, um das Regiment zu inspizieren. Der Selbstmörder war der malträrirte 22jährige, aus Vadkert gebürtige Heinrich K o h n, der im Oktober vorigen Jahres zum zweiten Zuge der ei sten Eskadron des Honved husarenregimentsNr. I eingereiht wurde. Der Name Kohn ward ihm zum Verhängnis. Heinrich Kohn war, wie die derzeit im Zuge befindlichen Recherchen ergaben, ein pflichttreuer Soldat, aber ein schlechter Reiter. Bei den Reitiibungen zog er sich Kontusionen, Quetschungen und schmerzhafte Aufreibungen zu, doch der Wachtmeister glaubte ihm das nicht und wollte es auch nicht gestatten, daß er sich marod melde. Kohn m u ß t e tr o t z s e i n e r b r e n n e n d e n W u n d e n weiter reiten. Vor einigen Tagen hatte die erste Eskadron in der gedeckten Reitschule Uebung und Kohn mußte trotz der furchtbaren Schmerzen, von denen er geplagt wurde, mittun. Der Uebung wohnte auch der Oberlieutnant Baron Elemer Kemeny bei. Gegen halb 10 Uhr rief plötzlich der Korporal: „Wo zum Teufel ist denn der k 1 e i n e K o h n?" Jetzt erst bemerkte man, daß Kohn fehle. Zwei Soldaten machten sich auf die Suche und fanden ihn schließlich in der Sattlerwerkstätte an einem Nagel aufgehängt. Die beiden Soldaten schlugen Lärm. Der Husar Vadasz schnitt den Selbstmörder ab, man holte rasch aus dem Marodenzimmer den diensttuenden Militärarzt, der jedoch nur mehr den bereits eingetretenen Tod Kohns konstatieren konnte. Der Eskadronskommandant wollte die Leiche unauffällig beiseite schaffen lassen und die ganze „Kleinigkeit" wäre wie gewöhnlich vertuscht worden, wenn Dicht plötzlich Erzherzog Josef in der Kaserne erschienen wäre. Der Erzherzog bemerkte, wie man die Leiche Kohns aus der Sattlerwerkstätte trug und erfuhr so den ganzen Sachverhalt, Erzherzog Josef ließ sofort die ganze Eskadron antreten und richtete an sie folgende Ansprache: „Heute wurde einer eurer Kameraden zum Selbstmörder. Er hat jugendlich unbedacht gehandelt. Er hat das Leben von sich geworfen, welches ihm zu nehmen nur Gott das Recht hat. Er hat es gegeben, er kann es wieder nehmen! So etwas möchte ich nicht wieder erleben! Habt ihr verstanden?" Rittmeister Josef Hüttner forderte a f seinen Befehl die Mannschaft auf, daß jene, die etwas Näheres über den Selbstmord Kohns wissen, vor denen er sich etwa beklagt haben sollte, vortreten mögen. Es meldeten sich ein Patrouilleführer und drei Husaren. Auf Befehl dts Erzherzogs wurden hierauf der Gefreite und die drei Husaren in die Regimentskanzlei beordert. Das Verhör leitete Major Alfred Yull und der Erzherzog war beim Verhör bis mittags anwesend. Die Soldaten erklärten, daß die Offiziere der ersten Eskadron außerordentlich streng und bis zur Brutalität rücksichtslos waren. Hauptsächlich richteten sich ihre Klagen gegen den Rittmeister Josef Hüttner, den Oberleutnant Baron Elemer Kemeny und den Wachtmeister Johann Kun. Sie behaupteten, hauptsächlich von letzterem geprügelt, ge ohrfeigt und sonst malträtiert worden zu sein. Sie mußten ohne Steigbügel und ohne Sattel reiten und wenn sie sich marod meldeten, wurden sie bestraft. Der Erzherzog war von diesen Aussagen sichtlich unangenehm berührt und gab während der Protokoll-

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