Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 20 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 20 ihn auf dem weiten, weiten Weg, den er jetzt zurücklegt, begleiten. Er hat sich wohl gebettet und wird sanft schlafen! Amen.* Nun war es unserem Herrn Oberrabbiner vorbehalten, diese weihevolle Trauerfeier durch einen Mißton zu stören. Denn nicht anders können wir es nennen, wenn es Herr Dr. Gilde mann für gut befunden hat, in seiner Trauerrede am Zentralfriedhof den Verstorbenen in einen Gegensatz zu seinen sonstigen Landsleuten zu stellen. Herr Dr. Güdemann meinte, es sei sonst die Art der polnischen Juden in Wien, wenn sie zu Vermögen gelangen, ihren Glauben und ihre Traditionen zu verleugnen, so daß man sie nur an der Aussprache noch erkenne. Wir fragen: War es nötig, war es klug, eine derartige Tatsache, die in ihrer Allgemeinheit schwer zu beweisen ist, an geweihter Stelle vorzubringen? Ist es eines Rabbiners würdig, Juden untereinander zu verhetzen? Oder wollte Herr Dr. Güdemann aus Magdeburg beweisen, daß er hinter dem Dr. Dawid aus Düsseldorf nicht zurückbleibt? Die a)l gerne ine Entrüstung, die seine Aeußerungen hervorgerufen haben, mag ihn belehren, daß in der Wiener Gemeinde doch kein Platz ist für solche Abgeschmacktheiten oder — Entgleisungen. Ocifentliehe Plenarsitzungdes Kultusvorstandes. Wien, dea 21. April.. (Orig.-Bericht.) Die heutige Sitzung eröffnete Präsident Dr. Alfred Stern mit folgendem Nachruf: ..Als wir das letztemal, vor acht Tagen, hier unsere Sitzung abhielten, ahnten wir nicht, daß zur selben Stunde ein uns allen lieber, teurer, unvergeßlicher Kollege, Salo Landau, aus diesem Leben abberufen wurde. Er war kaum von einer Reise zurückgekehrt und sein erstes war, Frieden zu stiften. Seine erste Tätigkeit galt der Beseitigung von Mißverständnissen, die während seiner Abwesenheit entstanden waren und gewiß, wenn er anwesend gewesen wäre, nicht hätten entstehen können. Und ein zweites, ein Akt der Wohltätigkeit, den er sofort ausübte, zugunsten eines armen, unglücklichen Kindes, lür welches man sich an ihn gewandt hatte. Und daß man sich mit einer solchen Bitte an ihn gewandt hatte, war kein Zufall. Denn immer wenn es galt, Unglücklichen zu helfen, Elend zu mildern, zu einer guten Sache beizutragen, wußte jeder, daß er sich an Salo Landau nicht vergebens wende. Das Wörtchen „nein", daß in solchen Fällen so verletzend klingt, hatte Salo Landau in seinem Sprachschatze nicht. Wir alle kennen sein, wenngleich nur kurzes, so doch ersprießliches Wirken in dem Vorstande unserer Gemeinde. Sie, meine Herren wissen, daß es mit mancher religiösen Institution unserer Gemeinde infolge verschiedener Verhältnisse nicht so bestellt ist, wie wir es wünschen und anstreben. Unter diesen Institutionen war es namentlich eine, für welche der Verewigte ein besonderes Interesse bekundete, für welche er sich mit aller Kraft seiner religiösen Ueberzeugung einsetzte. Thora, Aboda und Gemilas Chassodim und da möchte ich noch ein viertes hinzufügen, Scholaum, waren die Leitsterne seiner Tätigkeit. Sein Andenken wird für alle Zeiten in unserer Gemeinde ein gesegnetes bleiben. Sie ha) en sich, meine Herren, zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben. Sie sind gewiß auch damit einverstanden, daß diese Trauerkundgebung dem Protokolle der heutigen Sitzung einverleibt und hievon der Familie des Verewigten sowie dem Vorstande des Vereines „Beth Israel", dem er seine besondere Tätigkeit widmete, Kenntnis gegeben werde." Wie man sieht, hat sich/s Herr Dr. Stern nicht nehmen lassen, auch das Andenken eines Verstorbenen zur Polemik gegen dessen Landsleute zu mißbrauchen. Er sprach daher von „Mißverständnissen", die nur dadurch ermöglicht wurden, daß der Verstorbene abwesend war, während er doch wissen muß, daß Herr Rosenfeld nur auf Grund der Informationen handelte, die ihm der verstorbene Obmann mitteilte. Die Katze kann das Mausen nicht lassen. Herr Dr. Stern scheint aber schon an einen Verfolgungswahn zu leiden. Wie wir erfahren, wollte Herr Baurat Marmorek, der einzige polnische Jude im Kultusvorstande, den Präsidenten wegen der Grabrede des Herrn Oberrabiners Dr. Güdemann, die wir an einer anderen Stelle behandeln, interpellieren. Es ist aber gelungen, ihm diese Interpellation auszureden . . . Hilfsaktion für Rumänien. Wien, den 24. April. Der „Israelitischen Allianz" ist nunmehr eine vollständige Liste der durch die Exzesse geschädigten Orte unter Angabe der Höhe des Schadens zugegangen. Die Schätzungen wurden von den in Rumänien eingesetzten Komitees vorgenommen und von Vertrauensmännern geprüft. Darnach beträgt mit Ausschluß der mehrere Millionen betragenden Verluste der reichen jüdischen Pächter, welche naturgemäß bei der Hilfsaktion keine Berücksichtigung finden, der Schaden, den 3040 Familien an 26 Orten durch Verwüstung ihrer Wohnorte und Geschäfte erlitten haben, insgesamt 2,903.159 Franks. Verwundet Avurden 45^Personen. Die meist geschädigten Orte sind Alexandria, Bacesti, Botoschani, Bucecea, Burdujeni, Dorohoi,. Ivesti, Negresti, Podul Iloiei, Poungesti und Vaslui. Die „Isr. Allianz" wird auf Grund der genauen Listen unter Berücksichtigung des Familienstandes und der Erwerbsverhältnisse der einzelnen Geschädigten im Einvernehmen mit den anderen Organisationen nach Maßgabe der verfügbaren Mittel über den Umfang und die Art der zu gewährenden Hilfe Beschluß fassen. An Spenden sind bei der „Isr. Alliauz zu Wien" bis zum 23. d. insge samt ca. 122.000 K eingelaufen. Die jüdische Nationalität an den Universitäten. Wien. Samstag, den 27. April, findet im Hotel Central (II., Taborstraße Nr. 8) eine jüdische Studentenversammlung mit der Tagesordnung Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Hochschulen Oesterreichs statt. Das Exekutiv-Komitee erläßt nachstehende Einladung: Kommilitonen! Das Unterrichtsministerium hat mit dem Erlasse vom 12. Februar 1907, Z. 43.495 verfügt, daß die Entscheidung des Czernowitzer Senates, derzufolge im Nationale in der Rubrik «Muttersprache» ein die Nationalität kennzeichnender Zusatz gestattet wird, solange in suspenso bleibe, bis die Regelung dieser Frage für alle Hochschulen Oesterreichs einheitlich erfolgt. Es ist daher gerade jetzt an der Zeit, das wir jüdischen Hochschüler eine energische und umfassende Aktion zur Anerkennung unserer Nationalität einleiten und an die kompetenten Behörden herantreten, damit die Angelegenheit in unserem Sinne zur endgiltigen Entscheidung gebracht werde.« Eine ähnliche Versammlung findet am selben Tage auch in Brünn statt. Die Tagesordnung lautet: Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Fachschulen. Marienoad, 15. April. (Orig.-Korr.) Sonntag nachmittags versammelten sich in unserem prachtvollen, städtischen Schulgebäude die jüdischen Schüler und Schülerinnen sämmtlicher Klassen sowie zahlreiche Mitglieder der Kultusgemeinde zu der für diesen Tag festgesetzten Religionsprüfung. An der Tafel hing die Landkarte von Palästina, darüber das Kaiserbild, rechts und links an den Wänden hebräische Lesetabellen und Bilder aus der biblischen Geschichte. — Vor 2 Uhr erschienen Herr Rabbiner Dr. Goldberger und der Vorstehen* Herr Dr. Steiner, Advokat hierseibst, von