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Neue Nationalzeitung · 1907-04-26 · Heft 20 (26.4.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 20 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 ^'eue Natlonal-ZeKim'- Nr 20 Für jetzt dürfte es vielleicht schon zu spät sein. Die passive Haltung des jüdischnationalen Zentral wähl? komitees und das Ausbleiben jeder Wahlparole an die jüdischen Wähler in den Landgemeinden hat bereits unser gemeinsames Zentralwahlkomitee veranlaßt, in Stryj, Dorohobycz und Zolkiew ruthenische Kanditaten aufzustellen. In beiden ersteren Bezirken werden den jüdischnationalen Kandidaten die ruthenischen Stimmen entzogen und es ist speziell in Stryj möglich, daß unser Kandidat Dr. Olesnicki und nicht Dr. Salz in die engere Wahl kommen wird. Das Alles hätte vermieden werden können, wenn dasjüdischnationale Zentralwahlkomitee nicht blos Kandidaten nominiert, sondern auch praktische Politik gemacht hätte. VaßL8EWSGUN$ Die judenreine Stadt, Wadowice. Am 14. April fand im großen Sitzungssaale der hierortigen Kultusgemeinde eine Wählerversammlung statt, welche in zweierlei Richtung sehr beachtenswert ist. In erster Linie bildet die Anzahl der jüdischen Wähler eine nicht zu unterschätzende Macht, mit der jeder ehrliche Kandidat zählen muß. In zweiter Linie findet diese Versammlung um so mehr Beachtung, als es das erstemal ist, daß die jüdischen Bürger und Angehörigen unserer Stadt zusammengetreten sind, um in einer für sie so wichtigen Angelegenheit Stellung zu nehmen. Es ist dies ein Beweis, daß die politische Reife zum Durchbruche gekommen ist, und daß es ihnen nicht gleichgiltig ist, in wessen Hände sie ihre Vertretung, ihr Schicksal, legen. Die Versammlung war von nahezu 200 Personen besucht. Sie eröffnete Herr Hermann Reich, Präses der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde und Mitglied des Zentralwahlkomitees. Er führte aus, daß er die Herren zu dem Zwecke eingeladen habe, damit die jüdische Wählerschaft zu den Reichsratswahlen Stellung nehme. Als" Kandidaten für den Städtebezirk Wadowitz, Andrychau, Kenty, Biala und Saybusch haben sich drei Herren gemeldet, und zwar Herr Ingenieur Bogucki aus Saybusch, Herr Dr. Binder aus Wien und Herr Dr. Lazarski aus Wadowitz. Herr Reich ersucht nun die Anwesenden, sich hierüber zu äußern und bemerkt gleich, daß Herr Bogucki für die jüdischen Wähler in gar keiner Weise in Betracht kommen kann, denn daß Bogucki aus Saybusch ist, dürfte für die Judenschaft genügend Beweis sein, wessen Interessen er vertreten wird und ist es doch selbstverständlich, daß er für die Juden nicht existieren darf. Der zweite Kandidat, Herr Dr. Binder, ist dem hierortigen Bezirke weniger bekannt, doch war seine politische Richtung bis nun eine konservative und ist eine Vertretung der jüdischen Interessen auch von dieser Seite nicht zu erwarten. Nachdem sich Dr. Kohn für den Kandidaten Dr. Lazarski eingesetzt hatte, ergriffen das Wort die Herren Rabbiner Rottenberg und Dr. Wechsler, um gleichfalls diesen Kandidaten zu unterstützen. Es wurde sohin nachstehende Resolution beschlossen. „Die am 14. April 1907 im Gemeindelokale tagende Versammlung jüdischer Reichsratswähler hat den Beschluß gefaßt, die Kandidatur des Herrn Dr. Lazarski zu akzeptieren und erwartet von ihm, daß er wie bisher unerschrocken und tatkräftig alle jüdischen Interessen im kommenden Reichsrate vertreten werde. Gleichzeitig spricht die Versammlung den Wunsch und die Hoffnung ans, daß auch in den Wahlbezirken Biala, Andrychau, Kenty und Saybusch alle Glaubensgenossen einmütig ihre Stimmen auf Herrn Dr. Lazarski vereinigen werden." Der Wahlkampf in diesem Bezirke verdient aus einem Grunde weit über die Grenzen dieses Landes besondere Aufmerksamkeit. Zu diesem Wahlbezirke gehört auch die Stadt Saybusch, die einzige Stadt in Oesterreich, in der Juden nicht wohnen dürfen. Diese Ausnahmsstellung hat die Stadt Saybusch (sie liegt nicht etwa in Tirol oder Steiermark — ich will damit den wackeren Tirolern oder Steiermärkern beileibe keine Vergewaltigung der Staatsgrundgesetze zumuten — sondern in Gafizien) nicht etwa einem gesetzlichen Privilegium, sondern der brutalen Gewalt zu verdanken. Wage es nur ein Jude, sich dort anzusiedeln! Er wird von der Bevölkerung halb-, wenn nicht ganz totgeschlagen, sein Hab und Gut vernichtet, und die Behörden — staatliche wie autonome — schauen ganz passiv zu.-So ist es erst vor einigen Jahren einem jüdischen Konzipienten ergangen, der sich in Saybusch einquartiert hat; so dürfte auch heute jeder Jude behandelt werden, wenn er im Vertrauen auf die Staatsgrundgesetze und insbesondere auf das Gesetz über die Freizügigkeit die „gastliche" Schwelle — die Polen wollen ja die Gastfreundschaft zu ihren eminentesten nationalen Tugenden zählen — der Stadt Saybuscli betreten würde. Es wird in der Wahlkampagne von Juden viel gesprochen und von Judenfreunden viel versprochen. Vielleicht könnte neben den von jüdischen Kandidaten in Aussicht genommenen Kämpfen gegen das Slaventum, Magyarentum, Klerikalismus und Gott weiß was, auch ein bescheidenes Plätzchen für die Frage vorhanden sein: Liegt Saybusch in Rußland oder in — Oesterreich? Chrzanöw. Sonntag, den 21. d. M., fand in der großen Synagoge eine Wählerversammlung statt, bei welcher sich Herr Dr. Artur Maler, Dozent an der Präger Universität, als jüdisch-nationaler Kandidat vorstellte. Diese Kandidatur unterstützten wärmstens Herr Hirsch Wolf Wolf und Herr Leo Schimmel. Es wurde folgende Resolution gefaßt: „Die heutige jüdische Wählerversammlung beschließt einstimmig, die Kandidatur des Herrn Dr. Artur Maler anzunehmen und die Wahl desselben durchzuführen." Chrzanöw ist ein Landgemeindenbezirk mit mindestens 30.000 Wählern. Jüdische Wähler gibt es ca. 2000. Der Selbstmord eines Bezirkshaupt inaniies. Zborow. Es ist doch in der Politik so merkwürdig: Der dümmste Mann hat oft das sicherste Mandat. Ja, die Dummen haben das Glück — auch in der Politik. Während sich die polnischen Exzellenzen Graf Dzieduszycki undRit. von Abrahamowicz einem schweren Wahlkampf unterwerfen müssen und Dr. Ko lisch er, der beste Nationalökonom des Polenklubs, alle jüdischen Städte durchwandern muß, um sich nach einem Mandate umzusehen und bis jetzt noch gar nicht weiß, wo er kandidieren wird — sitzt Herr Dr. Josef Gold in Zloczöw, als Sohn des Kahalpräses und Spezialtät eines jüdischen „Allpolen" gut gebettet und hält es als offiziell geaichter Kandidat des Nationalrates in seinem Wahlbezirke Zloczöw-Zborow, s. A. nicht einmal für nötig, eine Wählerversammlung einzuberufen. Zwar ist dieser total unfähige Volksvertreter nicht nach dem Geschmacke der Bevölkerung, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession; allein es ist ihm gelungen, während der mehrwöchentlichen parlamentarischen Tätigkeit einen solchen Grad lakaienhafter Unterwürfigkeit zu entwickeln, daß sich der Polenkiub einen anderen Juden gar nicht wünschen könnte und daher seine Wahl betreibt. Ins Galizische übersetzt heißt es, daß die Bezirkshauptleute mit allen Mitteln hiefür zu sorgen haben ...

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