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Neue Nationalzeitung · 1907-04-26 · Heft 20 (26.4.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 20 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 »Neue National-Zeitung; Seite 5 in feierlicher Form ausspricht, um sich materielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erkaufen, macht den getauften Juden so verabscheuungswürdig. Der Staat aber, dieser Wächter der Sitte und der Moral, belohnt die Charakterlosigkeit; er setzt eine Prämie auf sie aus; er heißt den Streber, den die Lüge nicht schreckte, willkommen, den charakterfesten Juden aber stößt er von sich. Wir verlangen volle Gleichberechtigung für die Angehörigen aller Konfessionen; die Frage aber wäre zu prüfen, ob nicht im Interesse der moralischen Reinheit der Beamtenschaft, dem getauften Juden, der ohne Ueberzeugung den »Glauben« wechselte, staatliche Stellen zu verschließen wären. Die Geistlichen aber, die — und das ist die Regel — in genauer Kenntnis der wahren Gesinnung des „von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugten" Juden, einen heiligen Akt ihrer Religion in dieser schmählichen Weise mißbrauchen lassen, scheinen uns auch merkwürdige Vertreter ihres Standes zu sein. Ihre Rechtfertigung einmal zu hören, wäre besonders interessant. Nun gibt es, wie wir oben angedeutet haben, noch einen anderen, heute recht gebräuchlichen Weg. Eltern, die selbst Juden bleiben, lassen ihre Kinder taufen.*) Die Eltern fühlen, daß es schmählich ist, ohne innere Ueberzeugung eine andere Religion anzunehmen; warum aber, so fragen sie, sollen wir nicht unsere Kinder vor den Vorurteilen bewahren, unter denen wir selbst so viel gelitten haben? Ich sehe ab von einer besonders heiteren Form, wo Eltern ihre Söhne taufen ließen — aber nicht ihre Töchter. Den Buben die Kirche, den Mädchen die Synagoge, den Söhnen die Karriere, den Töchtern die Ehe. Auf dieser Paarung christlicher und jüdischer Religion lastet zu sehr der Fluch der Lächerlichkeit, als daß man sich ernstlich damit zu beschäftigen braucht. Ich behalte die äußerlich ernstere und würdigere Form im Auge, wo Eltern, denen aus Gründen der eigenen Ueberzeugung der Uebertritt unmöglich ist, ihre Kinder ohne Unterschied des Geschlechts dem christlichen Glauben zuführen. Aber auch hier suchen sich die Eltern über ihre eigene Charakterschwäche hinwegzutäuschen. Stehen die Eltern noch auf dem Boden der jüdischen Religion, so wäre es ein grober Ueberzeugungsbruch, die Kinder um irgend welcher Vorteile willen einer anderen Religion zuzuführen; stehen die Eltern aber auf freireligiösem Boden, auf dem Boden keiner Konfession, so mögen sie ihre Kinder in ihrem freien Geiste erziehen; unverantwortlich aber ist es vor den Gesetzen der Wahrheit und der Vernunft, die eigenen Kinder einem Glauben zuzuführen, der nicht der Glaube der Eltern ist. Und dann die Erziehung des Charakters der Kinder! Wer es mit angesehen hat, für den wären Erörterungen wahrlich unnötig. Die Kinder merken in frühester Jugend, daß etwas nicht stimmt; sie sind Christen, die Eltern Juden; sie wachsen nicht auf einem festen Boden auf, auf dem allein sich Charaktere entwickeln können; eine Halbheit, eine Unsicherheit haftet sich ihnen an und läßt sie nicht los Zeit ihres Lebens. Da kommt der Augenblick, wo sie sich schämen, daß die Eltern Juden sind; da kommt das Erröten über die eigene Familie. Seelische Konflikte schlimmster Art sind unausbleiblich. Die Leidensgeschichte eines zartfühlenden jüdischen Kindes ist groß; die Leidensgeschichte dieser Kinder wird größer sein. Zuviel Tradition ist ein Unglück, aber ein Unglück, das eher zu tragen und zu überwinden ist, als der Mangel jeglicher Tradition. Und der Grund dieser Mißgriffe? Der Antisemitismus. Aber noch ein anderer. Der mangelnde historische Sinn vieler Juden. Wer historisch denkt, hat Geduld. Von der Emanzipation der Juden bis heute sind große Fortschritte gemacht; die Befreiung und Aufklärung der Geister schreitet fort, langsam, aber unaufhaltsam. Ob es nicht besser wäre, *) Solche Fälle kommen speziell in Wien häufig vor. Die Namen der Familien (Advokaten und Journalisten) sind allgemein bekannt. Da herrscht das Schlagwort: „Man hat kein Recht, den Kindern die Karriere zu verderben." (Anm. d. Red.) anstatt sich zu verleugnen, die Kinder zu Selbstbewußtsein und Charakterstärke zu erziehen? Ob das deutsche Volk, das schließlich doch einmal den Regierungen seine eigene bessere Moral aufzwingt, den Juden, der für seine Gemeinschaft eintritt, nicht höher wertet als den getauften Juden? Wir haben schwere und tiefe Fragen angeschnitten, und mancher denkt, es ist eine peinliche Sache, über die man besser schweigt. Wir haben aber stets die Wahrheit gesucht und ausgesprochen, wo andere ihr aus dem Wege gingen und sie zu verschweigen suchten. Ein jüdisch-riithenisches Bündnis *) Ton einem ruthenischen Politiker. Der hervorragende Führer der national-ruthenischen Partei, Herr ProfessorRomanezuk, hat bereits in dieser Zeitschrift die Wünsche auseinandergesetzt, welche die Ruthenen an die Juden zu stellen haben. Er setzte gewissermaßen die Modalitäten fest,, unter welchen einfür allemal in Galizien zwischen den Juden und uns eine Entente herbeigeführt werden könnte. Dieser Appell hat bisher bei der jüdisch-nationalen Parteileitung G-aliziens kein Echo gefunden. Ja, ich muß den Führern der jüdisch-nationalen Bewegung einen Vorwurf daraus macheD, daß sie es bisher unterlassen haben, zur Frage ihrer Stellungnahme gegenüber den Ruthenen bei den Wahlen ein offenes Wort zu sprechen. Das innerpolitische Programm der Jüdisch-Nationalen ist mir nicht bekannt; ich glaube, es existiert noch keines. Allein es muß doch irgend eine Parole für die jüdischen Wählermassen geben! Wie sollen die jüdischen Wähler in den Landgemeinden von Ostgalizien stimmen? Für die Polen oder für die Ruthenen? Für welche Ruthenen? Für die Ruthenisch-Nationalen, für die Russophilen oder für die Radikalen? Das müssen ja die Jüdisch-Nationalen ihren Anhängern sagen, ja sogar einprägen. Statt dessen hüllen sich die Herren ins Schweigen. Sie selbst rechnen dagegen, daß wir ihre Kandidaten, die zumeist in Bezirken aufgestellt wurden, wo die Juden nur zusammen mit Ruthenen die Majorität bilden, blindlings unterstützen werden. Sie könnten sich aber verrechnen..... Wir Ruthenen haben derzeit weder Pflicht noch Grund, die jüdisch-nationalen Kandidaten sans phrase zu unterstützen. Unsere Pflicht ist es blos mit der Opposition zu gehen, dort, wo wir keinen eigenen Kandidaten aufstellen. Die Jüdisch-Nationalen bilden aber nicht aliein die Opposition; in sehr vielen Wahlbezirken (Brody, Drohobycz, Stryj etc.) haben auch die Sozialdemokraten ihre eigenen Kandidaten nominiert. Auch sie verlangen unsere Unterstüzung als oppositionelle, freiheitliche Partei, als Gegner des Polenklubs. Der praktische ruthenische Politiker muß sich nun fragen: Was bieten mir die anderen Parteien für meine Unterstützung? Und da ist es allerdings richtig, daß es für die ruthenische Nation, ihre politische und nationale Entwickelnng von größerem Vorteile wäre, sich mit den Juden, die als Gemeindefunktionäre in den kommunalen Verwaltungskörpern sitzen oder als Steuerträger Gemeinde Wähler sind, die schließlich im Gegensatze zu den polnischen Sozialisten ohne jede Einschränkung unsere nationalen Rechte anerkennen würden, zu verbinden als mit den Sozialisten. Aber . . . Die Basis für diese Verbindung muß eben festgelegt werden. Die Jüdischnationalen müssen endlich den Mut finden, trotz aller Anrempelungen und Verleumdungen der polnischen Presse, sich oöen und klar über ihr Verhältnis zu den Ruthenen zu äußern: Was sie uns bieten können. *) Wenn wir auch nicht mit allen Ausführungen des geehrten Verfassers einverstanden sind, so halten wir es dennoch für unsere publizistische Pflicht, diesen Artikel wegen seiner großen Aktualität, wegen seiner Offenheit und Schneidigkeit ungekürzt abzudrucken. (Anm. d. Red.)

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