Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 20 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Nene Nattonii-Zeltung« Nr. 20 arbeiten, frei wohnen, sich frei entwickeln und ruhig schlafen gehen. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß die Kinder aus der Schule nicht mehr zurückkehren werden; sie brauchen nicht in Angst sein, daß die Ehre ihrer Kinder und Weiber geschändet wird. Der Jude in Amerika ist freier Bürger eines freien Landes und wenn er nur Mut und Kraft hat und ein bißchen Verstand besitzt, so kann er sein ruhiges Auskommen finden. Es ist freie Konkurrenz, freier Wettbeweib. Ich habe beinahe auch den krummen Rücken nicht gesehen-, der Jude in New-York geht aufrecht und blickt voll Hoffnung, Zuversicht in die Zukunft. Es sind ganz andere Juden und dabei darf man doch nicht vergessen, daß es dieselben sind, die erst vorgestern aus der Knechtschaft hinausgezogen, darf nicht vergessen, welch unsägliche Leiden sie auf der Reise von Rußland nach Amerika zu dulden hatten. Es ist keine Lustreise gewesen und die ersten Wochen in Amerika heißt es gar sckwer arbeiten. Nicht nur im Schweiße des Angesichts, auch ein paar Blutstropfen sind darin. In New-York leben heute ungefähr 800.000 JudeD. Es ist ein schönes Bild, wie diese Masse sich frei und selbständig entwickelt; da gibt es keine Nachahmuugssucht, wie in so vielen andern Ländern. Die Juden leben unter sich und für sich. Juden als Richter und Staatsbeamte. Wenn man von Frankreich spricht, so stellt man es als das Musterland für die Freiheit der Juden hin. Man hat darauf hingewiesen, daß es dort sogar einen jüdischen General gibt. Das ist dasselbe, wie wenn ich die Frage aufstellen würde, wie es den Juden in Ruß land gehe und man würde mir antworten: Es geht Gott sei Dank ganz gut, denn jedes Jahr gewinnt bei uns einer das große Los. (Großer Beifall). Um ein General zu werden, dazu gehört gewiß sehr viel. Wenn aber jeder Arbeiter drei B'ranks pro Tag verdient, so ist das wertvoller. Ich wollte in Amerika keinen jüdischen General suchen, sondern einen jüdischen Schutzmann, einen jüdischen Beamten, und in dieser Beziehung habe ich alles ganz anders und besser gefunden, als irgendwo sonst auf der Erde. Ich habe dort überhaupt keinen Soldaten gesehen, aber sehr viele jüdische Beamte, Als der bekannte Antisemit Ahlwardt zum erstenmale nach New-York kam und dort seine Pflanze weiter kultivieren wollte, bekam er angesichts der Verhältnisse ein bißchen Angst. Als er eine Versammlung veranstaltete und den Stadthauptmann hiezu um Schutz bat, gab ihm dieser 40 jüdische Schutzleute mit dem Bemerken, „Sie sind gut autgehoben, es sind lauter Juden". Und er war auch gut aufgehoben. (Beifall und Heiterkeit). Ich war auch in den Gefängnissen. Es gibt auch jüdische Sträflinge. Jedes Volk hat das Recht auch auf Verbrecher. Nur von einem Stiefkind verlangt man, daß es artiger, braver und besser sei, als das beste Kind. (Stürmischer Beifall.) Ein einfacher Bürger muß sich mit dem Durchschnittscharakter des Mensehen und Volkes begnügen. Ich habe dort auch jüdische Wärter und jüdische Richter gesehen. Es ist erfreulich, zu sehen, welches Zutrauen sie dort genießen. Und nirgends ein Unterschied. Ein Freund von mir ist Staatsanwalt in Chicago, ein zweiter Professor. Anderswo dauert es viele, viele Jahre, wenn es überhaupt für Juden erreichbar ist, hier fragt niemand nach Herkunft und Dienstzeit, sondern nur nach Begabung und Talent. Amerika ist das Land, wo jeder talentvolle Mensch emporkommen kann. (Schluß folgl.) Judentaufen.*) »Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, Der bleibt fürwahr ein erbärmlicher Wicht.« Die Uebertritte von Juden zum Christentum mehren sich von Tag zu Tag; bald treten Erwachsene über, bald lassen Eltern, die selbst noch im Judentum bleiben, ihre Kinder taufen. Das ist nun nicht, wie man auf den ersten Augenblick annehmen möchte, eine interne Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft, sondern es spielen hier Fragen herein, die das ganze deutsche Volk betreffen. Von diesem Gesichtspunkt aus treten wir einmal dieser Erscheinung näher auf die Gefahr mannigfachen Widerspruchs und vieler Mißverständnisse. Diese Dinge müssen einmal besprochen werden im Interesse der deutschen Volksgemeinschaft. Wir haben in Deutschland einen starken Antisemitismus, stärker, wie in den meisten anderen Kulturländern. Die Gleichberechtigung der Juden, in der Verfassung verbrieft, existiert in Wirklichkeit nicht; von der Verwaltung sind die Juden in allen deutschen Bundesstaaten so gut wie ausgeschlossen; die Richtercarriere verschließen ihnen einzelne deutsche Staaten, andere erschweren sie. Die ordentliche Professur ist an vielen Hochschulen von der Taufe abhängig; im Offizierskorps sind Juden nicht geduldet. - Noch schlimmer ist der gesellschaftliche Antisemitismus: Judenreine Vereine, judenreine Studentenverbindungen, judenreine Freimaurerlogen, »zur Pflege der Toleranz«. Wir treten in keine Kritik dieser Zustände ein; sie sind; sie werden in Jahrzehnten nicht verschwunden sein. Um den Schwierigkeiten, die der Antisemitismus ihnen bereitet, zu entgehen, lassen sich nun viele Juden, die zu ihrer Religion keine Beziehungen mehr haben, taufen. Sie eröffnen sich damit eine bessere Karriere; der unduldsame Staat wird plötzlich dem getauften Juden gegenüber merkwürdig tolerant. Erzählt man sich doch aus unserem badischen Musterlande das gute Stücklein von dem jüdischen Juristen, dem sie die Verwaltungslaufbahn zunächst verschlossen, aber nach der Taufe eröffneten. Als er dankerfüllt zum .Minister kam, soll der ihn mit den heiteren Worten empfangen haben: »Sehen Sie, es geht schon besser!« Die Argumentation dieser Christen ist sehr einfach: »Juden sind wir nicht; wir glauben nicht an unsere Lehre; die Gebote unserer Religion existieren für uns nicht; sie sind uns völlig unbekannt. Warum sollen wir nicht, um dem Antisemitismus auszuweichen, unsere Religion, der wir tatsächlich längst nicht mehr angehörten, auch formell aufgeben?« Bis dahin ist die Argumentation ganz gut, wenn schon vornehmere Naturen gerade wegen des Antisemitismus im Judentum bleiben. Fahnenflucht in Zeiten der Gefahr ist immer verächtlich. Aber die Sache hat eine andere, schlimmere Seite. Diese Juden treten nicht nur aus dem Judentum aus, um sich der Wahrheit gemäß freireligiös zu erklären. Das bringt keinen Nutzen; sondern sie treten zum Christentum über, an das sie so wenig glauben, wie an ihr altes Judentum. Die seltenen Fälle, wo Juden aus innerer religiöser Ueberzeugnng Christen werden, scheiden selbstverständlich aus unserer Betrachtung aus; ein Religionswechsel aus Ueberzeugung ist eine heilige Sache des Gewissens. Der Normalfall aber ist der, daß ein Jude, der so wenig an das Christentum, wie an das Judentum glaubt, sich taufen läßt. Und hier liegt das Tieftraurige der Sache. Nicht sein Austritt aus dem Judentum ist das moralisch Verwerfliche: sein Uebertritt zum Christentum, die g r o ß e L ü g e, die er *) Wir entnehmen diesen Artikel dem. »Badischen Landesboten«, dem Zentralblatt der demokratischen Partei im Großherzogtum Baden. Mit photographischer Treue werden hier Verhältnisse geschildert, wie sie auch in Oesterreich auf der Tagesordnung stehen. Anm. d. Red.