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Neue Nationalzeitung · 1907-04-26 · Heft 20 (26.4.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 20 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 »Neue National-Zeitung« Seite 3 Darum haben die Juden dort die Empfindunghiefür beinahe ganz verloren, sie sind abgestumpft. Angst Yor dem Morgen, Angst vor dem Abend. Auf den Vesuv kommen Leute und bauen dort Weinberge und Häuser. Sie wissen, es muß einmal zu einer Katastrophe kommen, es gibt aber für sie keinen anderen Platz und die Not stumpft schrecklich ab. Die Juden in Rußland machen alles mit, denn man kann die lebendige Seele nicht mit einer Zange ausreißen; sie stellt immer wieder ihre Anforderungen. Die Juden besuchen in Rußland das Theater, sie gehen spazieren, sie spielen sogar Karten und besuchen die Vereine. Aber dem objektiven Beschauer erscheint doch ihr Gebahren ganz befremdend; sie sind bei all ihrem Tun und Lassen von einer bedenklichen Nervosität. Die Welt hat keine Ahnung, welch furchtbare Leiden die Jnden Rußlands in den letzten Jahren durchgemacht haben. In der Straf rede Mosis heißt es: Wenn du schlafen gehst, wirst du sagen, es soll doch schon der Morgen kommen, wenn du aufstehst, wirst du den Abend herbeisehnen. Das haben wir in Rußland tatsächlich durchgemacht. Man hat Angst vor der Sonne, weil der Feind doch alles sieht; man hat Angst vor der Dunkelheit, weil man sich da nicht schützen kann. Das ist das Gesamtbild. Das Wahlrecht — aber keine Freizügigkeit. Gerade vor einem Jahre haben die Juden in Rußland sehr viel gehofft. Man muß zugeben, daß sie ein bißchen naiv in ihren Hoffnungen waren. Jetzt haben sie es eingesehen. Wie abnormal die Lage der Juden dort ist, dafür nur ein Beispiel: Wenn irgendwo eine Bevölkerungsschichte ein neues Recht vom Staate erhält, so muß sie selbstverständlich dieses Recht ausnützen und im Leben durchführen. Rußland ist das klassische Land der sinnlosesten Widersprüche. Die Juden, die nicht einmal das Wohnrecht im Lande besitzen, haben das aktive und passive Wahlrecht bekommen. Die Juden, die aus Petersburg, Moskau etc. binnen 24 Stunden ausgewiesen werden können, haben das Recht erhalten, an einer gesetzgebenden Körperschaft aktiv teilzunehmen. Das ist ein logischer Widerspruch. Wenn nun aber 5—6 Millionen Juden ein solches Recht bekommen, so müßten sie doch daraus Kapital schlagen können. Die jüdischen Abgeordneten. Die Juden sollten 25 Vertreter in die Duma bekommen. Tatsächlich erhielten sie in der ersten Duma 12 und diesmal mußten sie sich nur mit 3 Abgeordneten *) begnügen. Es ist eine ganz falsche Anschauung, die auf einer optischen Täuschung beruht, als ob die Juden in 15 Gouvernements ein Wohnrecht hätten. In Wirklichkeit steht ihnen eine Oberfläche von ungefähr 300 Quadratkilometern zur Verfügung, und zwar nur in Städten und in Kleinstädten. Auch bilden sie nirgends eine geschlossene Majorität mit Ausnahme von Wilna. Aber auch dort wurde ihnen diesmal das Wahlrecht entrissen, indem man einfach eine neue Vorstadt einverleibte und auf diese Weise die Zahl der Juden in der Stadt verminderte. So sind die Juden in Wilna ohne Vertreter geblieben. Ich betrachte diese ganze Angelegenheit nicht vom Standpunkte der Erreichung der Bürgerrechte für die jüdische Bevölkerung in Rußland, sondern vom rein moralischen Standpunkte. Meine Damen und Herren! Es ist unwürdig, wenn 5- oder 6,000.000 Juden durch Fremde vertreten sein müssen. Es ist überhaupt ganz falsch, wenn man meint, daß *) Inzwischen ist ein vierter hinzukommen. (Anm. d. Ked.) die jüdische Sache durch andere als d u r c h Juden selbst vertreten werden kann. Das jüdische Leben ist sehr differenziert in Rußland. Es ist äußerlich arm, aber reich und mannigfaltig im Innern. Ganz Italien gibt für das Volksschulwesen zirka 30 Millionen Franks aus. Die russischen Juden geben für die (Jhedarini, die absolut keinen Wert haben, zirka 0 bis 10 Millionen Rubel aus Während man anderen Völkern die Pflicht der allgemeinen Bildung durch staatlichen Zwang erst einimpfen mußte, war bei den Juden gerade das Umgekehrte der Fall. Auf Schritt und Tritt hat die Regierung dem Bildungsdrange der Juden Hindernisse in den Weggelegt. Unter den 5 bis 0 Millionen Juden haben sie keinen einzigen Vater, keine einzige Mutter, die nicht ihr letztes Kissen verkaufen würden, nur damit ihr Kind nicht ohne Schulbildung bleibe. Bauerntraire und .hident'ra^e. Die jüdischen Dumaabgeordneten in der ersten Duma standen angesichts der furchtbaren Lage der Juden vor einem schrecklichen Dilemma: die akuteste Frage in Rußland ist die Bau ein frage und wenn die jüdischen Abgeordneten zuerst die Juden frage auf den Tisch der russischen Dur gebracht hätten, dann wären sie ganz sicher sowohl vun den Bauern, als von der Allgemeinheit als Egoisten verschrieen worden, denn was man bei anderen Völkern berechtigte Selbsthilfe nennt, bei den Juden heißt man es Egoismus. Gestatten Sie, daß ich Ihnen hier einen Witz erzähle, einen traurigen, bitteren, aber lehrreichen: Man erzählt von einem frommen Juden, der am Freitag die ganze Nacht bis zum grauen Morgen zu studieren pflegte; einmal ging ihm aber die Lampe aus. Nun darf der Jude am Freitag abends kein Licht anstecken. Er hatte einen Christen bei sich, aber wenn man den Sabbath nicht entheiligen will, darf man auch einen Uhiisten nicht zu einer Arbeit verwenden. Klug, wie er war, weckte er seinen Nachbar und sagte ihm: Ich habe ein Glas Wein für dich, es ist aber dunkel im Zimmer. Das schadet nichts, erwiderte der andere, ich werde Licht anmachen. Und der kluge Jude hatte nun scheinbar seinen Zweck erreicht, er hatte Licht bekommen und jener den Wein. Als aber der Andere seinen Wein getrunken hatte, löschte er das Licht wieder aus, da er es nicht mehr brauchte. In ähnlicher Lage befinden sich die Juden. (Großer Beifall.) Wir wissen nicht, ob man nicht nach der Lösung der Hauptfrage (der Bauernfrage!, das Licht überhaupt auslöschen und sagen wird: „Jetzt haben wir euch nicht mehr nötig". In der richtigen Erkenntnis ihrer abnormalen Lage greifen die Juden zum Wanderstabe und so sind, wie bereits erwähnt, die letzten Jahre nicht weniger als 250.000 Juden aus Rußland nach Amerika ausgewandert. Amerika. Ich verlasse nun das Jammertal Rußland und begebe mich nach Amerika. Wäre ich ein frommer Jude, so hätte ich gleich bei meiner Ankunft in Amerika die Hawdala gemacht, damit ich doch Licht von Finsternis unterscheide. (Stürmischer Beifall.) Es ist etwas Großes, Kolossales, das uns auf den ersten Blick in Amerika begegnet. Auf der ersten Straße in New-York, die ich passierte, der Broadway, begegnete ich um 4 Uhr nachmittags ungefähr 250,000 Juden. In Rußland habe ich beinahe vergessen, wie normale Augen aussehen, denn dort spiegelt sich bei jedem Juden tief in seinen Augen der Schrecken ab, er blickt in die Ferne, er weiß nicht wohin. Freie Bürger. In Amerika habe ich auf einmal eine Masse von Juden zu sehen bekommen, die ohne Angst leben, frei

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