Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 20 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 20 wucherischen Kartells hinaufschrauben, das Proletariat mit eiserner Konsequenz seinen Lohnkampf ausficht und die christlichsoziale Mittelstandspolitik mit ihrer Sonntagsruhe, der Beseitigung des Hausierhandels und dem Befähigungsnachweis für das Handelsgewerbe die Massen jüdischer Kleinhändler aushungert — erscheint auf der politischen Oberfläche Herr Dr. Kohn. um als Abgeordneter der Leopoldstädter Juden die Interessen der — Allgemeinheit zu vertreten. Und wer soll dann für die jüdischen Interessen kämpfen? Es mag wohl dem Herrn Dr. Kohn jene Äußerung von den liberalen Wahlagitatoren souffliert worden sein, um christliche Stimmen zu fangen. Aber noch hat Di*. Kohn nicht alle jüdischen Stimmen. Mit der bisherigen Taktik wird er sie schwerlich bekommen. Auch Dr. Ofner hat eine merkwürdige Taktik eingeschlagen, die am allerwenigsten in der Leopoldstadt berechtigt ist. In dem Bezirke, wo die Juden zur Hälfte galizischen Ursprungs sind, wärmt er allabendlich seine deutschnationalen Bekenntnisse auf und führt einen Don Quixote'schen Kampf gegen die katholische Ehe. Kann es denn Aufgabe des kleinen Mannes in der Leopoldstadt sein, das Deutschtum des Herrn Dr. Ofner zu schützen und die Lösbarkeit der katholischen Ehen durchzusetzen? Haben denn wirklich die jüdischen Hausierer, Dienstmänner, Agenteu und Ratenhändler keine anderen Sorgen? Es ist doch urdrollig, wie Dr. Ofner in den Versammlungen vor polnischen und ungarischen Juden sein Deutschtum beteuert und zwischen den trockenen, breitspurigen, hochpolitischen Redensarten sein Judentum nur sehr spärlich durchsickern läßt. So machen sich beide Bewerber um das jüdische Mandat der Leopoldstadt die hartnäckigste Konkurrenz im — Deutschtum. Der dritte Kandidat, der jüdischnationale Herr Dr. Schalit, ist vielleicht schon in dem Augenblicke, da diese Zeilen in die Oeffentliehkeit gelangen, zu Gunsten des Dr. Kohn zurückgetreten. Diese Kandidatur war ein Gebot der Notwendigkeit und sie wird auch gewiß Früchte tragen. Aber sie ist nicht haltbar. Die Leopoldstädter Wählerschaft ist für einen jüdischnationalen Kandidaten noch nicht reif. Hier muß zuerst eine rege, langwierige Agitation einsetzen; es kann nicht genügen, daß sich die zionistische Partei plötzlich angesichts des bevorstehenden allgemeinen Wahlrechts entschlossen hat, in die Gegenwartspolitik eingetreten. Die Kandidatur des Dr. Kohn war darauf berechnet, durch dessen persönliche Autorität die Chancen der Gegner zu schwächen. Das ist gelungen. Ob Dr. Kohn auch eudgiltig in das Parlament einzieht, läßt sich heute nicht voraussagen. Der Wahlkampf in der Leopoldstadt wird ein sehr schwerer sein und die Entscheidung dürfte, so bedenklich es auch ist, erst in einer engeren Wahl zwischen einem freisinnigen und dem christlichsozialen Kandidaten fallen. Damit sind die jüdischen Kandidaturen in Wien und Niederösterreich erledigt. Die Kandidatur des konfessionslosen Sozialdemokraten Dr. Ellenbogen im XX. Bezirk kommt wohl hier nicht in Betracht. Die jüdischen Wähler werden ihn gewiß unterstützen, ebenso wie sie im IX. Bezirke mit ihren 2500 Stimmen dem Freisinnigen Baron Hock zur Majorität verhelfen werden. Aber nur keine Illusionen_____ Die liberale und sozialdemokratische Partei nehmen sehr gerne unsere Stimmen und unser Geld; wenn.es sich aber einmal im Parlamente um jüdische Interessen handelt, dann verkriechen sie sich. So war es bisher. Daß es anders werde, wünschen wir, aber wir glauben es nicht. Die Zukunft des jüdischen Volkes. Von Dr. Schema rja Lewiii. Mitglied der I. russischen Reichsduma. (Ein Vortrag).*) Meine Damen und Herren! Die Gegenwart des jüdischen Volkes ist — das wird von seinen ärgsten Feinden nicht geleugnet — bitter, furchtbar bitter. Aber selbst wenn sie anders wäre: kein Volk der Gegenwart kann sich mit der Gegenwart zufrieden geben, denn in dem Augenblicke, wo dies der Fall ist, hört jeder Fortschritt, jede Weiterentwicklung und jedes Wachstum auf. Das Ferment, der Trieb zur weiteren Fortentwicklung ist die Unzufriedenheit in irgend einer Form. Diese Tatsache können wir bei jeder sozialen Bewegung, bei jeder Revolution und Evolution in der Geschichte aller Nationen beobachten. Die Unzufriedenheit mit der Gegenwart ist die Mutter aller Weiter- und Höherentwicklung. Wenn wir von der Gegenwart der Juden sprechen, so glaube ich, daß wir die Letzten sind, die Grund haben, mit der Gegenwart zufrieden zu sein. Wenn wir hier von Juden sprechen, so kommen die Juden als kompakte Masse in Betracht und der Schwerpunkt, die überwiegende Majorität der Juden ist — leider — in Rußland, Die zweitgrößte Zahl beherbergt Amerika, wo bereits zwei Millionen Juden leben. Es ist etwas Wunderbares: Das letzte Kapitel unserer Golusgeschichte wird in Amerika gemacht. Vor 15 Jahren sprach der russisch-jüdische Historiker D u b n o w die Vermutung aus, es sei nicht ausgeschlossen, daß der Schwerpunkt des jüdischen Volkes nach Amerika verlegt würde. Er wurde ausgelacht. Die Entwicklung der Dinge aber hat ihm Recht gegeben. Im letzten Jahre wanderten ungefähr 250.000 Juden aus Rußland aus und 90 Prozent gingen nach Amerika, Rußland und Amerika, diese beiden Länder müssen wir in erster Reihe in Betracht ziehen, wenn wir von der Gegenwart und Zukunft der jüdischen Nation sprechen. Die übrigen Länder, wo Juden leben, können nur als Illustration zum Gesamtbilde dienen. Wenn man aber den Charakter eines Volkes, seine Eigenschaften und seine Lage studieren will, so muß man gerade jene Schichten in Betracht ziehen, wo die Masse, der Kern lebt. Und deshalb wollen wir uns zuerst nach Rußland begeben und dann, obgleich die Geschichte und Wissenschaft keine Sprünge kennt, doch den Sprung nach Amerika machen. Rußland. Ueber Rußland ist namentlich in der letzten Zeit unendlich viel geschrieben worden, auch über die Lage der Juden dortselbst, sowohl in der allgemeinen, wie in der jüdischen Presse. Ich brauche Ihnen keine einzelnen Bilder vorführen. Ich bin nicht gekommen, um in Ihnen irgendwelche Gefühle zu wecken. Allzuviel und allzulang haben wir unser Volk mit Gefühlen abgefüttert. Das bißchen Rachmones, das für uns noch übrig bleibt, hat absolut keinen Wert. Ich bin auch kein Künstler und habe nicht die schwarzen Farben, die notwendig wären, um ein richtiges Bild von den unsäglichen Leiden der 5—6 Millionen russischen Juden zu entwerfen. Sie leben im Schrecken. Die ganze Umhüllung der jüdischen Seele in Rußland besteht aus einem Gewände, das gewoben ist aus Angst und Sehr ecken. *) Ueber Einladung des „Jüdischen Volksvereines" in Prag, hielt Dr. Lew in auf seiner Rückreise aus Amerika am 14. d. M. im großen Heinesaal vor einem zahlreichen Publikum obigen Vortrag, der in meisterhafter Weise die Lage unseres Volkes, besonders in Rußland und Amerika schildert. Anm. d. Red.