Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 20 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NKE NKIONftL-ZBCUNG JÜDßCRPOUCiSCRg WOCRENSCRRiFC RERAüSGßBSR! DfS.R.UäNDAü:! IX. JAHRGANG. WIEN, 26. APRIL 1907. No. 20. Die jüdischen Reichsratskandidaten. ii. Der Kaibezirk der Inneren Stadt wäre also gerettet. Dr. Hein, der da glaubte, man könne auf der Leiter kommunaler Würden stufenweise vom Ortsschulrat sogar bis zum Reichsrats-Abgeordneten avanciren, hat schließlich seinen Irrtum eingesehen Er hat sich zurückgezogen und die Bahn parlamentarischer Karriere ist nun für den Hofrat Kuranda frei. Das deutsch-fortschrittliche Zentralwahlkomitee wird mit ihm vielleicht siegen und dann jubelnd ausrufen können: .Zwischen der Seitenstettengasse und der Börse sind Deutschtum und Liberalismus noch nicht ausgestorben." Weit schwerer wird jedoch die Aufgabe des Zentralwall lkomitees in der Leopoldstadt sein. Hier ist die Wählerzahl eine weit größere, der Perzentsatz der Juden geringer, die Parteischattirungen manigfaltiger, die Autorität des liberalen Zentralwahlkomitees minimal. Drei jüdische Kandidaten haben von vornherein die Wahlbewegung aufgepeitscht, sie haben Programme und Schlagworte in die Massen getragen, die alles nur nicht — partei-liberal waren. Sie haben aber alle einen Erfolg erzielt. Das Zentralwahlkomitee mußte sich entschließen, einen jüdischen Kandidaten zu ernennen. Noch vor sechs Jahren wurde Hofrat Kareis von der Wiederwahl ausgeschlossen, weil die „liberalen" Wahlmacher das Leopoldstädter Mandat nur durch einen Christen zu retten glaubten; heute hat sich das Zentralwahlkomitee, wenn auch schweren Herzens, dazu entschließen müssen, einen Juden zu kandidieren. Ja, noch mehr. Es wurde der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, aufgestellt, ein Mann, den die Sozialpolitiker und Sozialdemokraten zu einen jüdischen Klerikalen stempeln. Mit Dr. Kohn trat ein vierter jüdischer Kandidat in den Wahlkampf um ein und dasselbe Mandat, und es war unabsehbar, wohin dieser Selbstzerfleischungskampf innerhalb der Leopoldstädter Judenschaft fühcpa-rrsollte. Die öffentliche Meinung erwartete eine Einigung; den Kandidaten; es war auch davon die Rede, Mandat des Kais Dr. Ofner dem überlassen _ble&t, er die Leopoldstadt räume. <kg;g£ 4ri Doch weder das eine noch das andere ist geschehen. Nur Dr. Bloch hat auf seine Kandidatur v« rzichtet, die ohnehin schwache Aussichten hatte. Im Vordergründe des Kampfes bleiben Dr. Kohn und Dr. Ofner. Die Persönlichkeiten beider sind der Oeffentliclikeit gut bekannt. Dr. Kohn ist der Kahalmann, der Jahrzehnte in der jüdischen Gemeindeverwaltung sitzt und durch seine Dienstfertigkeit, Geschmeidigkeit, Konnivenz, die Bemühung, es allen Leuten recht zu machen, allgemein beliebt wurde. Er hat weder Temperament noch Energie; er hat nie opponiert, höchstens manchmal im stillen intriguiert; er ist kein Redner und kein Politiker; er steht im Greisenalter, wo man weder das Sprechen noch das Politisieren erlernt. Wer von einem jüdischen Abgeordneten ein energisches Auftreten gegenüber der zur Macht gelangenden antisemitischen Partei verlaugt, dessen Vertrauen wird Dr. Kohn nie rechtfertigen. Aber klein« Gefälligkeiten und Couloirdienste, Bitten und Beschwerden bei den Ministerien wird Dr. Kohn gerne und erfolgreich vermitteln. Nicht nur für Juden, sondern für alle seine Wähler. Dr. Kohn. der Mann, der sich rühmt, 25 Jahre im Wiener Kultusvorstand für die Judenschaft tätig zu sein, der Mann, der reichlich Gelegenheit hatte, zu empfinden, wie isoliert die Juden im öffentlichen Leben stehen, wie sich keine Partei der Juden annimmt — nicht einmal die fortschrittliche Partei als solche — wenn sie als Menschen verfolgt und als Staatsbürger zurückgesetzt werden; dieser Mann verspürt kaum einen leisen politischen Wellenschlag um seine Person und schon beeilt er sich, laut und feierlich zu verkünden, er kenne keine Differenzierung zwischen jüdischen und christlichen Interessen, er kenne nur allgemeine Interessen. In unserem Zeitalter des krassesten nationalen, wirtschaftlichen und sozialen Egoismus, wo jede Nation, jeder Stand und jede Klasse nur die spezifisch-eigenen Interessen vertritt, wo die Häupter des Adels als unbedingte Agrarier dem Volke das Brot verteuern, die großkapitalistischen Spitzen der Gesellschaft die notwendigsten Lebensbedürfnisse durch ihre