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Neue Nationalzeitung · 1907-04-19 · Heft 19 (19.4.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 19 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 19 »Neue Nsttonal-Zeitung« Seite 11 JfEUiLLEüON S. ME1SELS (Berliu): „Der Gott der ßache." (Drama in 3 Akten von Schalom Aseh.) „Nichts ist weniger verheißend als Frühreife." — Ein schönes Wort. Ich kann mich nicht entsinnen, wer es gesagt hat. Jedenfalls wird es einer gesagt haben, der im Leben eine reiche Erfahrung gesammelt hatte. Was früh reift, erlangt eigentlich nie die gehörige Reife. Was sich rasch und sprunghaft entwickelt, bleibt auf dem halben Wege der Entwicklung stehen. Denn jedes Ding verliert soviel an Kraft, wieviel es an Zeit gewinnt, Das ist eine Art von Naturgesetz. Eine frühreife Frucht besitzt ein täuschendes Aeußere, das der Reife ähnelt, in ihrem innersten Kern jedoch ist und bleibt sie unreif, roh, herb und ungenießbar. Entfernt man die Schale, so kommen alle Merkmale des Halbentwickelten zum Vorschein .... Die frühreife Frucht eines frühreifen Talentes ist das Bühnenwerk „Der G-ott der Rache" von Schalom Asch, welches dieser Tage im hiesigen „Deutschen Theater" zur Aufführung gelangt ist. Aeußerlich: ein künstlerisch gutgegliederter Aufbau von Szenen, eine konsequent durchgeführte dramatische Handlung, eine geschickte theatralische Technik: innerlich: ein stark auffallender Mangel an Logik, eine ungeschickt entworfene Charakterzeichnung, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Inhalt des Stückes: Jankel Schepschowitsch hat ein unsauberes Gewerbe in Händen. Er steckt bereits, wie die Kabbalisten sagen würden, in der neunundvierzigsten Schicht der Unreinheit, aus der es keine Rettung mehr gibt. Er und seine Frau Sara, die vormals selbst ihren Körper mitsamt ihrer Seele feilbot, sind des Satans Macht verfallen. Jankel Schepschowitsch fühlt es. Sie sind sündige Menschen und ihre Seelen werden in Schmutz und Sünde untergehen. Aber in Jankers Brust glüht noch ein Funke wahren Menschentums, der sich in einem mächtigen Verlangen nach der Schuldlosigkeit, in einer tief empfundenen Sehnsucht nach Reinheit offenbart. Aber Jankel Schepschowitsch weis es, daß, wer im Leben arg gefehlt, nimmer wieder schuldlos sein könne; daß, wer seine Seele mit Schmutz besudelt, nie jene Reinheit erlangen könne, die dem unentweihten Heiligtum gleicht. Er sucht daher auf einem Umweg zur Reinheit zu gelangen. Er treibt direkt einen Reinheitskult. In seinem einzigen Töchterchen Riwkele will er sich ein Heiligtum der Reinheit aufbauen. Sie soll eine keusche jüdische Tochter bleiben und womöglich einen Schriftgelehrten heiraten. In Riwkeles Adern kreist jedoch das Dirnenblut ihrer Mutter. Der unwissende Jankel scheint etwas von einer Vererbungstheorie zu ahnen. Er kennt das: es ist kochendes, siedendes Blut, das nicht eher zur Ruhe kommt, bis es in den Pfützen der Sünde die lohenden Flammen gelöscht hat. Er sinnt daher auf ein Mittel, wie sein Kind vor der drohenden Gefahr zu schützen wäre. Er entdeckt sich seinem Nachbar Reb Elje, einem Heiratsvermittler, und dieser gibt ihm den Rat, eine Thora schreiben zu lassen und sie in das Schlafzimmer Riwkeles zu stellen. So eine Thora ist ein guter Schutzengel und behütet vor allem Bösen. Jankel Schepschowitsch, der sündige Mensch, läßt von dem Thoraschreiber Reb Aron eine Thora schreiben, die er im Schlafzimmer seiner Tochter unterbringt. Riwkeles Keuschheit ist beschützt. Jankel Schepschowitsch kann ruhig schlafen. Also in seiner Privatwohnung, im oberen Stock seines Hauses, bewahrt Jankel sein Heiligtum: die Thora und die Keuschheit seiner Tochter. Dagegen im Souterrain desselben Hauses opfert er dem Moloch. Buchstäblich Menschenopfer bringt er ihm dar. Da hat er sein „Geschäft," Ein gutgehendes Geschäft, meinte sein Weib Sara, des Hauses Wirtin, da wird wenigstens bar gezahlt. Ein Geschäft mit Pferden,' wie es zum Beispiel Jankels Vater betrieben hat, dürfte kaum soviel eintragen. Das sieht am Ende auch Jankel ein; er bleibt bei seinem „Geschäft" und läßt die Pferde laufen. Aber sein Heim soll mit seinem Geschäft nicht in Berührung kommen. Der obere Stock soll von dem Souterrain abgetrennt sein, wie Reines vom Unreinen. So will es Jankel Schepschowitsch, aber Gott, der ein Gott der Rache ist, will nicht. Gott will nicht, da hilft kein Sinnen und Raten und Hüten und Beschützen. Zwischen „unten" und „oben"1 spinnen sich geheime Fäden. Die Hölle verfügt über gar mächtige Kräfte. Gegen die Macht der Hölle erweist sich selbst die Thora wehrlos. Die Sünde hat hundertfach geflochtene Stricke; sie zieht, und zieht, langsam aber sicher, bis ihr Opfer in den Abgrund stürzt, aus dem es keinen Aufstieg mehr gibt. Auch Riwkele zieht es hinunter, und in einer schwülen Maiennacht eilt sie mit Manjka. die bis jetzt zum Warenlager Jankels gehörte, zum Zuhälter Schlojme, der sich selbständig gemacht und ein gleiches Geschäft eröffnet hat. Jankel erwacht — der Vogel ist ausgeflogen. Da gibts ein Schreien und Wehklagen. Jankel rechtet mit Gott. Er wirft ihm Rachesucht, ja sogar Schlechtigkeit vor. Gott sei an allem Schuld. Seine Thora habe sich als machtlos erwiesen. Sara, die die Sache nicht so tragisch nimmt, sucht zu besänftigen. Sie will wieder alles gut machen. Sie gibt Schlojme ein Lösegeld für die Tochter. Riwkele kommt zurück. Ihre Verteidigung lautet: „Mutter hat gedurft!. .Reb Elje erklärt sich sogar bereit, Riwkele noch jetzt einen Schriftgelehrten als Ehemann zu verschaffen. Aber Jankel Schepschowitsch will von nichts wissen. Jankel ist kein zärtlicher Vater; er liebt sein Kind nicht mit jener Vatersliebe, die dem Kinde auch seine Fehltritte verzeihen kann. Riwkele war ihm bloß das Gefäß der Reinheit und deshalb von unschätzbarem Wert. Kaum hat das Gefäß einen Sprung erlitten, so schlägt er es vollends in Trümmer. „Hinab!"' schreit er und stößt die Tochter hinunter ins Erdgeschoß. Schon aus dieser kurzen Inhaltsangabe ersieht man, daß Schalom Asch dramatisches Geschick mit einer unverzeihlichen Oberflächlichkeit verbindet. Betrachtet man die Sache näher, so merkt man erst recht, daß sie von Anfang bis zu Ende gut erdichtet, aber schlecht erlogen ist Ich gehöre nicht zu den Wahrscheinlichkeitsfanatikern in der Kunst. Ich halte es mit Goethe, der da sagt: „Ihr wollet Wahrheit, ihr wollet Wahrscheinlichkeit, und schlägt dadurch alle Poesie tot.1' Allein in Asch's Bühnenwerk gab es keine Poesie totzuschlagen. Ein Bühnenstück, das Anspruch erhebt, wahr zu sein, muß doch wenigstens wahrscheinlich sein. Und das ist es nicht, weil Asch nicht nach dem Leben schildert, sondern einfach Bruchstücke aus französischen Halb Weltgeschichten ins „Ghettoische" übersetzt hat. Wenn schon Schalom Asch durchaus in einen faulen Apfel beißen, das heißt das Leben in einem Freudenhaus behandeln wollte, so hätte er sich doch lieber an seinen Meister Mendele Mocher Sforim (S. J. Abramowicz) halten sollen, der in einer Novelle „Korbunos" (Die Opfer) die große Tragik im Leben der von Mädchenhändlern entführten Opfer meisterhaft und herzerschütternd schildert. Hätte Asch diese Novelle dramatisiert, er hätte sich und der Jargonliteratur einen viel bessern Dienst erwiesen.

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