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Neue Nationalzeitung · 1907-04-19 · Heft 19 (19.4.1907) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 19 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Nene National-Zeitung« Nr. 19 Das Stück macht den Eindruck, wie wenn der Verfasser bei seiner Abfassung weniger an die Wirklichkeit als an das Spiel auf der Bühne dachte. Wie wird sich diese oder jene Szene auf der Bühne ausnehmen? wie wird diese oder jene Handlung wirken? wie wird diese oder jene Redewendung aus dem Munde eines stimmbegabten Schauspielers klingen? — so und ähnlich ~ scheint sich der Verfasser beim Schreiben seines Werkes gefragt zu haben. So kam es, daß er sich über die Wirklichkeit hinwegsetzte, um die Eingeweihten sich nicht kümmerte und den Uneingeweihten etwas vormachte, was den Tatsachen nicht entspricht. Vor allem sind sämtliche Personen des Dramas keine Juden. Sarah, Riwkele, Hindi. Manjka, Bassja und wie all die Dirnen heißen — nichts Jüdisches ist an ihnen. Worin erkennt man den Juden in Jankel Schepschowitsch? oder im Zuhälter Schlojme? (Man vergleiche Juschkiewitsch's Schlojme im Drama „Die Juden"). Seit wann ist ein Schadehen so unbeholfen und witzlos wie Reb Elje? (Ich erinnere an den Heiratsvermittler Türkischgelb bei Karl Emil Franzos.) Die paar nichtssagenden Worte, die der Thoraschreiber Reb Aron spricht, kann auch ein russischer Pope gesagt haben. Kurz, nehmt die Thora aus dem Hause Jankels, ändert die jüdischen Namen und die Ghettotracht — sonst kann alles bleiben, der Szeuenbau, die Dialoge. Monologe, sogar die alten Bettelweiber, die von Jankel am Festtage der „Thoraeinweihung" reichlich beschenkt werden — und das Stück hat einen internationalen Charakter. Gewiß, der Dichter hat das Recht, sich nur an das rein Menschliche zu halten. In diesem Falle lag durchaus kein Grund vor, den lieben Gott und seine Thora in ein Freudenhaus zu stecken, und dadurch ein dramatisches Werk auf falscher Grundlage aufzubauen. Erstens wird kein Schadehen den Rat erteilen, für solchen Zweck eine Thora schreiben zu lassen. Um seine Wohnung vor bösen Geistern zu schützen, genügt eine fehlerlose „Mesuso" ... Zweitens wird ein frommer Reb Aron, der so salbungsvoll vom Gott der Rache spricht, unter keinen Umständen die heilige Thora in ein Haus des Lasters bringen lassen. Reb Aron weiß ja, in was für einem Hause er sich befindet... Drittens darf man in dem Zimmer, wo eine Thora aufbewahrt ist, nicht schlafen. Diese Vorschrift wird gerade in den untersten Schichten der jüdischen Bevölkerung des Ostens peinlich befolgt... Und viertens besitzt Jankel Schepschowitsch, der sündige Mensch, gesunden Menschenverstand genug, um zu wissen, daß ein kostbarer Schatz viel sicherer durch ein eisernes Schloß als durch eine Thora gehütet ist. Jankel würde überhaupt, seiner Charakteranlage nach, anders handeln. Er würde sich vielleicht entschließen, sein gutgehendes „Geschäft" mit einem Pferdehandel zu vertauschen; zum mindesten aber würde er seine Privatwohnung weit, weit weg von dem schmutzigen Winkel der roten Laternen verlegen. Die Szene, in der Jankel Schepschowitsch mit Gott hadert, ihm Rachesucht und Schlechtigkeit vorwirft, ist höchst philosophisch und höchst unjüdisch. Jankel spricht mit einemmale wie ein philosophischer Hiob und Reb Elje weist ihn wegen der unerhörten Gotteslästerung zurecht . . . Beim Juden ist Gott immer gerecht. „Du bist gerecht und dein Urteil ist gerecht, aber wir sind sündig!" „Unserer Sünden wegen kam all dies Unheil über uns!" „Unsere Väter sündigten und wir müssen die Last ihrer Sünden tragen!" — Diese Aussprüche bilden die Theodicee des Juden. Schalom Asch, der angeblich bisher von der westeuropäischen Kultur „verschont" geblieben sein soll, scheint doch Schiller fleißig gelesen zu haben. Welcher Mann im Ghetto, der deutsch lesen kann, liest nicht „seinen" Schiller. In der Braut von Messina findet sich der folgende Dialog: Isabella (Jankel Schepschowitsch): So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte? Das, das ist eure Wahrheit? Wehe dem, Der euch vertraut mit redlichem Gemüt! Worauf hab' ich gehofft, wovor gezittert. Wenn dies der Ausgang ist —------ Glaube noch einer an der Götter Mund! Erster Chor (Reb Elje): Wehe! Wehe! Was sagst du? Halt ein, halt ein! Bezähme der Zunge verwegenes Toben! Isabella (Jankel Schepschowitsch): Nicht zähmen will ich meine Zunge, laut, Wie mir das Herz gebietet, will ich reden. Warum besuchen wir die heiligen Häuser Und heben zu dem Himmel fromme Hände? Gutmüt'ge Toren, was gewinnen wir Mit unserm Glauben?-------— Kein Gebet durchbohrt den ehernen Himmel. Zweiter Chor (Reb Elje): Halt ein, Unglücklicher! Wehe! Wehe! Eingesendet. Erste Wiener TeicHA iä Verkaufs-Anstalt neu eröffnet Wien, I., Krugerstraße 13. 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