Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 19 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Natlonal-Zeitune« Nr 19 anschickt? Die zionistischen Führer in Lemberg haben den älteren Zionisten, die der Wahlkampagne aus dem Wege gehen wollen, bisher entgegengehalten, daß dieser Wahlkampf das beste Mittel für die zionistische xAgitation bilde. Und nun zeigt sich, daß sie auf den hiesigen Versammlungen allerdings den Kandidaten kleine Nadelstiche versetzen können, aber zu einer positiven Stellungnahme unfähig sind. Das Prestige der Partei wird diese Haltung gewiß nicht stärken. Sie begnügt sich ja selbst mit der Rolle einer — quantite negligeable. Oesterreich-Ungarn. Eine Öffentliche Sitzung des Kultusvorstandes. Wien, den 15. April. (Orig. Bericht) Während in allen kommunalen und repräsentativen Körperschaften die öffentlichen Sitzungen zur Regel, hingegen die geheimen zur Ausnahme gehören, praktiziert es unser Vorstand umgekehrt. Von Fall zu Fall hat er das Bedürfnis sich dem „Volke" zu zeigen; gewöhnlich zu dem Zwecke, um irgend eine „Tat" ins öffentliche Licht zu stellen, oder um sich mit der Oeffentlichkeit auseinander zu setzen. Dann wird die Sitzung öffentlich. Sie war es auch Sonntag. Auf der Tagesordnung stand nichts von wesentlicher Bedeutung und die Sitzung verlief auch ziemlich langweilig — für die paar Zuhörer, die sich im engen Räume, genannt Sitzungssaal, zusammenfanden, um die Oeffentlichkeit zu repräsentieren. Da plötzlich verliest der Präsident Herr Dr. Stern eine an ihn seitens des Herrn kais. Rates Sachs gerichtete Interpellation. Das war die piece de resistance. Herr Dr. Stern scheint auf den Fall großes Gewicht zu legen, denn er hat die Sache nicht bloß breitspurig behandelt, sondern auch ein ellenlanges Communique darüber an die Blätter versendet. Unsere Leser werden uns gewiß Dank wissen, wenn wir sie mit den langatmigen Darlegungen des Dr. Stern verschonen: ihnen aber dafür den ganzen Fall in Kürze schildern. Es handelt sich um den Fall David. Wie bekannt, hat der G-emeinderabbiner Dr. Elieser David, importiert aus Düsseldorf, anfangs November 1906 in einer Predigt die polnischen Juden unter Hinwe-is auf den Prozeß Schapira geschmäht. Offenbar glaubte er als Schützling des Herrn Dr. Stern sich so etwas gegen die „Polischen" leisten zu können und wahrscheinlich rechnete er auf die bis dahin und leider auch jetzt noch mangelnde Organisation der polnischen Juden in Wien. Trotzdem entstand eine Reaktion: Protestversammlungen fanden statt; selbst im Kultusvorstande wurde interpelliert; Abgeordneter Breiter interpellierte den Kultusminister und Herr Dr. David — revozierte. Herr Dr. Stern aber, der Kultuspräsident, gemeinsam mit seinen Mannen hatten dafür ihr Bedauern den — polnischen Juden ausgesprochen, weil diese den Mut hatten, gegen die Rede Dr. Davids zu remonstrieren. Es wurde nämlich in der Vorstandssitzung vom 11. November 1906 nachstehende Resolution beschlossen: „In Angelegenheit der gegen den Gemeinderabbiner Dr. David in den letzten Tagen eingeleiteten B e w eg u n g sieht sich der Kultusvorstand veranlaßt, sein Bedauern über dieselbe (d. h. über diese Bewegung. Anm. d. Red.) auszusprechen, weil er nach Kenntnisnahme des Wortlautes der Predigt die Ueberzeugung gewonnen hat, daß die Intentionen des Predigers unzweifelhaft die besten und edelsten (!) waren, wenn auch — wie schon der Präsident in der vorigen Sitzung enunziert hat — einzelne Redewendungen bedauerlicherweise zu Mißverständnissen (?) Anlaß geben konnten." Damit war der Fall erledigt für — den Kultusvorstand. Nicht aber für die polnischen Juden, somit nicht für deren Repräsentanten, den Vorstand des Vereines „Beth Israel". Ueber Abwesenheit des Obmannes Salo Landau kam daher dessen Stellvertreter Herr Max Rosenfeld in der Generalversammlung vom 24. März 1907 auf den Fall zurück und brandmarkte voll edler Entrüstung die Rolle des Herrn Dr. David und seiner Protektoren. Herr Dr. Stern, der sehr empfindlich ist, wenn sich ein Angriff gegen — ihn richtet, warf nun Herrn Rosenfeld in einem seiner Gemeinde- Moniteure Unwahrheit vor. Die Interpellation des kais. Rates Sachs sollte ihm Gelegenheit geben, mit Herrn Rosenfeld ausführlicher zu polemisieren, d. h. seinen durch obige Resolution gekennzeichneten Standpunkt neuerlich breit zu treten. Herr Dr. Stern hat die Vorstandssitzung einberufen, um zum Fenster hinauszusprechen. Jetzt hat der Verein „Beth Israel" wieder das Wort. Wien, den 16. April. (Orig.-BerichR Eines plötzlichen Todes ist am letzten Sonntag Herr Salo Landau, der Obmann des polnisch-jüdischen Tempelvereines „Beth-IsraeP' und Mitglied des Kultusvorstandes, gestorben. In ihm verliert die Wiener Judenschaft einen ihrer besten und wohltätigsten Repräsentanten. Salo Landau hat nie geleugnet, daß er ein polnischer Jude war. und es hat ihn daher die zweideutige Rolle, die der Kultuspräsident Dr. Stern in der Affaire David — noch in den letzten Tagen — spielte, sehr gekränkt und entmutigt. Er trug sich in den letzten Tagen infolge der Stellungnahme des Dr. Stern gegen Herrn Rosenfeld (vergl. unseren Bericht über die Vorstandssitzung) mit dem Gedanken, seine Obmannstelle niederzulegen. Nun ist er, kaum 63 Jahre alt, verschieden. Die ungemein zahlreiche Beteiligung der vornehmsten jüdischen Kreise an seinem Leichenbegängnisse hat bewiesen, welche Lücke der Verstorbene in der jüdischen Gesellschaft hinterließ. Eine 600.000 Kronen-Stiftung. Wien. Wie wir erfahren, hat die Witwe nach dem im Vorjahre dahingeschiedenen Industriellen Philipp Thorsch, Frau Ernestine Thorsch, den Betrag von 600.000 Kronen zur Errichtung einer Stiftung für vierzig Betten im israelitischen Versorgungshause gewidmet. Die Nachricht von diesem Wohltätigkeitsakt wurde von der israelitischen Kultusrepräsentanz mit lebhafter Genugtuung aufgenommen. Nach dem Tode Philipp Thorsch', der in seinem Testament den Betrag von mehr als 840.000 Kronen zu wohltätigen Zwecken bestimmt und schon im Jahre 1898 anonym zwei Stiftungen im Betrage von zusammen 400.000 Kronen je zur Hälfte für israelitische und christliche Waisenkinder errichtet hatte, setzt dessen Witwe, den Intentionen des Verstorbenen folgend, dessen humanitäre Akte fort und zahlreiche wohltätige Institutionen wurden von Frau Ernestine Thorsch mit Spenden bedacht. Gegenwärtig sind im israelitischen Altersversorgungsheim 174 alte Leute untergebracht. Der „jüngsteist 70 Jahre alt, die ältesten sind hohe Neunziger. Dem Versorgungshaus, das sich in der Seegasse im 9. Bezirke befindet, ist ein Heim für unheilbare Kranke angeschlossen. Die Stiftung gilt lediglich dem Altersversorgungsheim, das aber in seiner gegenwärtigen räumlichen Ausdehnung eine Vermehrung der Betten nicht zuläßt. Der Ausschuß der israelitischen Kultusgemeinde für Wohlfahrtsinstitutionen beschäftigt sich nunmehr mit der Frage der Etablierung der Stiftung. Wie verlautet,