Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 19 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Partei, die den Freisinn und die Demokratie monopolisiert zu haben vorgibt, schwerlich zu einem Siege verhelfen. Wer mit solchen verzweifelten Mitteln arbeitet, scheint seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Die Ileichsiatswählen in Prag. Löbliche Redaktion! In der Sonntagsnummer des „PragerTagblatt" vom 24. März d. J. erschien in der Rubrik „Offener Sprechsaal", die bekanntlich jedem Abonnenten dieses Blattes angeblich zur freien Meinungsäußerung frei steht, ein Beitrag eines Herrn L. P. zu den Prager Wahlen. Dieser Herr richtete an die Prager tschechische Judenschaft angesichts der bevorstehenden Reichsratswahlen einen eigenartigen Apell. Er erinnerte sie an die Angriffe des Abg. Wenzel Breznovsky gegen die Juden, an die unzweideutige Antwort des Obmannes des Jungtschechenklubs Doktor Skardas gegenüber der Abordnung der tschechischen Judenschaft, die ihn in dieser Angelegenheit interpellierte, kurz, er führte diesen Juden so recht vor Augen, wie ihre „Anbiederungspolitik", wie er sie nennt, fehlgeschlagen hat und uns mit moralischen Fußtritten von seiten ihrer „Connationalen" belohnt wurde. Infolgedessen täten diese Herren am besten, das tschechische Lager zu verlassen und mit wehenden Fahnen dorthin zu ziehen, wohin sie eigentlich gehören: ins deutsche Kasino! Herr L.P. macht, mit wenigen Worten gesagt, Propaganda für den deutschen Zählkandidaten. Nun gestatte ich mir, als unabhängiger Nationaljude meine Ansicht über den vorliegenden Fall zu äußern: Die Worte des Herrn L. P. klingen ja recht, aber erinnert er sich denn nicht der deutschen Fußtritte, die die Deutschen mosaischen Glaubens bei jeder Gelegenheit erhalten? Ich gemahne ihn nur einer Angelegenheit, die erst vor kurzem peinliches Aufsehen in Prag erregte, als nämlich die Prager Deutschvölkischen in einer Wahlbesprechung im Deutschen Hause erklärten, unter keinen Umständen ihre Stimmen auf den liberalen Zählkandidaten (Judenknecht nennen sie ihn) zu vereinigen und lieber einen eigenen Abgeordneten aufzustellen! Im Anschluß an diesem Fall traten bestimmte Gerüchte auf, die Deutschvölkischen wollen aus dem Kasinoverein austreten und ein eigenes Vereinshaus bauen. Das „Prager Tagblatt" hat sich ja genug darüber aufgeregt! Die Prager Deutschen haben endlich einmal eingesehen, daß sie das, was sie mit Hilfe der Juden erreichten, oder besser gesagt nicht erreichten, auch ohne deren Mitarbeit erwirkt werden könne, und so entledigen sie sich, wie überall, wo der Jude nicht mehr gebraucht wird, dieser lästigen fremden Anhängsel. In Orten, wo die Deutschen nur mit Hilfe der Juden sich am Ruder erhalten können, wie z. B. in Budweis, da werden sie in politischen Vereinen eben noch geduldet. Aber Platz im Vorstande ist für sie niemals. Die Juden sind eben das reine Stimmvieh und weiter nichts! Und sind die Wahlen vorüber, und hat der Jude seine Pflicht getan, dann kann er gehen! Herr L. P. deklariert also mit seinem Artikel, daß er die deutschen Fußtritte den tschechischen vorzieht! . . . Meine Meinung ist aber, daß ein charaktervoller und selbstbewußter Jude weder die einen, noch die anderen „nationalen" Tritte nötig hat. Bekennt Euch frei und offen als das, was Ihr seid: als Juden! Dann wird uns auch keine Nation die uns gebührende Achtung vorenthalten können! . . . Den vorliegenden Brief habe ich als Antwort auf Herrn L. P.'s Epistel an das „Prager Tagblatt" geschickt. Bisher wurde aber mein Schreiben ignoriert. Und doch habe ich als Abonnent dieser Zeitung dasselbe Recht zur Begutachtung eines so aktuellen Themas wie Herr L. P. Der „offene Sprechsaal" sollte doch eben offen für alle Meinung sein, und dürfte nicht so parteiisch und einseitig benützt werden. Deshalb bitte ich, geehrter Herr Redakteur, meine vorliegenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Ich zeichne usw. Paul Porges. Prag, am 12. April 1907. Die Niederlage der „Unabhängigen Juden/* Krakau, den 10. April. (Orig.-Korr.) Die Siegeszuversicht unserer „Unabhängigen", die vorgestern mit ihrem Reichsratskandidaten Dr. G-ro ß in derWählerversammlung für den Kazmierz aufmarschiert sind, ist gedämpft. Die Partei, die aus einigen Offizieren im Talar und Barret besteht, und die nur dann zum Leben erwacht, wenn es gilt, öffentliche Mandate zu erobern, hat entschieden Pech gehabt. Sie mußte sich überzeugen, daß die Masse der Wähler hinter ihr — nicht steht. Ja selbst den Wahn, daß diese Partei auf eine eiserne Phalanx der — Chassidim rechnen könne, macht eiu chassidischer Wähler zu nichte, indem er im Namen der Chassidim erklärte, dieselbe verlange einen orthodoxen Juden als Abgeordneten. Diese Wählerversammlung, die" nach vierstündiger Beratung von den Einberufern selbst aufgelöst wurde, ohne die Kandidatur des Dr. Groß zu akzeptieren, ist ein klarer Beweis, daß Dr. Groß wohl unter den privilegierten Wählern des Judenviertels eine größere Partei haben mag; aber es ist noch lange nicht ausgemacht, daß die Wählermassen des allgemeinen Wahlrechtes hinter ihm stehen. Die „Unabhängigen Juden", dieser Bastard des verschämten Judentums und des polnisch-demokratisch-radikalen Wurstkessels, können in den breiten Massen des jüdischen Volkes keine Wurzel fassen, weil sie zwar über demokratische Phrasen, antiklerikale Rezepte und einem modern hergerichteten polnisch-jüdischen Januskopf verfügen, aber kein jüdisches Programm besitzen, weil sie die jüdischen Massen, deren Denken und Empfinden, gar nicht verstehen. Man kann sich wohl denken, daß sich Herr Dr. Groß ebenso wie sein Waffengefährte Daszynski einmal in sechs Jahren beim jüdischen Proletarier im Kaftan und mit Pejes um den Stimmzettel melden, aber es ist undenkbar, daß sie alle derselben Partei angehören. Die Kandidatenrede des Dr. Groß bestand daher zur Hälfte aus demokratisch-antiklerikalen Bekenntnissen, zur anderen Hälfte aus Angriffen gegen die „separatistischen" Zionisten. Die „separatistischen" Sozialdemokraten ließ er in Ruhe. Auch Herr Daszynski, der die jüdisch-sozialdemokratische Partei sonst „grüne Jungens" nennt, hat sie diesmal geschont, wahrscheinlich deshalb, weil diese an den Fingern abzuzählende „Partei" mit ihren anderthalb Wählern Herrn Dr. Groß zu unterstützen sich bereit erklärt hat. Ueber einen Punkt ging Herr Dr. Groß hinweg — über den wichtigsten: ob er bedingungslos dem Polenklub nicht beitreten wird. Der ganze Wahlkampf in Galizien bewegt sich um diesen einen hochwichtigen Punkt: Herr Dr. Groß hat darüber geschwiegen. Herr Daszynski, der sonst jedem Jaden den Eintritt in den Polenklub als Verbrechen angerechnet hätte, beeilte sich trotzdem, für Dr. Groß Partei zu ergreifen, wie wenn er oder seine Partei wirklich am Kazmierz was dreinzureden hätte. Es hat aber nichts genützt. Dr. Groß wurde von den anwesenden Jüdisch-Nationalen sehr scharf kritisiert und der Vorsitzende Dr. S e i n i e 1 d, sein Parteifreund, fand keine andere Antwort als die Auflösung der Versammlung. So endete das erste Debüt des Dr. Groß in der jetzigen Wahlbewegung. Die Zionisten sind also gegen Dr. Groß. Warum haben sie jedoch bisher noch keinen eigenen Kandidaten aufgestellt? Sie möchten — aber sie trauen sich nicht. Wollen die Zionisten, die in Ostgalizien selbst dort in den Wahlkampf treten, wo die Juden kaum 40 Prozent der Wählerschaft bilden, im Bezirke Kazmierz, wo doch mindestens 80 Prozent Juden wohnen, auf eine selbstständige Wahlkampagne verzichten und demselben Dr. Groß, den sie in den Parteiblättern das ganze Jahr hindurch angreifen, mühelos zum Mandate verhelfen, durch das er im nächsten Parlamente zum Führer der polnischen Demokraten zu werden sich