Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 19 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 19 und Konfessionen auf uns zu laden, dafür aber einzig und allein für das j ü d i s c h e Volk, den jüdischen Gewerbestand, das jüdisch« Proletariat in die Bresche zu treten? . . . Ja, es fehlt! Woher sollte man sie auch nehmen? Eine ganze Generation wurde großgezogen unter dem Schlagworte der Assimilation mit dem Deutschtum. Das jüdische Selbstbekenntnis wurde als Reaktion, als Klerikalismus, als Separatismus, als Ghetto-Politik solange verhöhnt, bis man es erdrosselt hat. Man hat auf die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte verzichtet und hat sich als Schutzjuden der liberalen Partei verschrieben. Die historische Solidarität des Judentums wurde beschränkt auf Fragen des Ritualbades und des Synagogendienstes. Und nun erschallt der Ruf nach jüdischen Männern. Die liberale Partei ist zerschmettert. Die blutigsten Feinde der Juden sind bis an die Ministerbänke vorgedrungen und strecken ihre Fäuste nach den Minister-Portefeuilles aus. Die Not lehrt beten : sie hat in den Juden den Selbsterhaltungstrieb geweckt. Nun zeigt sich's. daß die Juden keine Politiker haben. Sie haben höchstens liberal* Wahlagitatoren oder erbgesessene Kahalverweser. Jetzt haben sie Mandate, aber nicht die richtigen Männer. Wer sein ganzes Leben abseits vom lebendigen Judentum gestanden und ihm jede politische Existenz abgesprochen hat, kann nicht auf seine alten Tage Träger des jüdischen Selbstbewußtseins werden. Und das Schulbeispiel hiefür : die Kandidatur des Hofrates Kuranda. Die Juden und der Nationalitätenkampf in Ungarn. Ein Interview mit dem Reiclistagsmitglied Dr. A. v. Vayda. Der rumänische Abgeordnete Dr. Alexander von Vayda, einer der bedeutendsten Wortführer der nichtmagyarischen Nationalitäten im ungarischen Reichstage, welcher auch dort vorige Woche das Opfer der fanatischesten magyarischen Hetze war, weilte dieser Tage in Wien. Er hatte die besondere Liebenswürdigkeit, einen Redakteur unseres Blattes zu empfangen und sich ihm gegenüber über das Verhältnis der Juden zu den nichtmagyarischen Nationalitäten zu äußern. Abgeordneter Dr. Vayda ist ein hochgebildeter, moderner Mann, eine der Koryphäen des ungarischen Reichstages, Chefredakteur des rumänischen Tagblattes „Lupta" in Budapest und einer der maßgebendsten Führer der ungarisch-siebenbürgischen Rumänen. Ein begeisterter Sohn seines Volkes, ist Dr. v. Vayda keineswegs ein nationaler Fanatiker oder ein Antisemit im vulgären Sinne, sondern er huldigt entschieden demokratischen Prinzipien und tritt. für die vollständige Gleichberechtigung aller ungarischen Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Religion ein. Es ist dies umsomehr anzuerkennen, als ein großer Teil der liberalen Presse in Wien und Pest für die magyarischen Chauvinisten Partei ergreift und in gehässigster Weise die nichtmagyarischen Bestrebungen anfeindet, während die Christlichsozialen sich zu Anwälten der Deutschen, Slawen und Rumänen jenseits der Leitha aufwerfen. Abgeordneter Dr. v. Vayda bedauert, daß es in Ungarn keine national-jüdische Bewegung gibt, und daß die Juden dort sich dem magyarischen Chauvinismus dienstbar machen. Er setzt dann fort: „Der Antisemitismus ist im magyarischen Volke latent, während die niehtniagyarischen Nationalitäten infolge der bisherigen Politik der ungarischen Juden, die sich stets — schon im Jahre 1848 — auf Seite der Förderer der Magyarisierungstendenzen stellten, offene Gegner der Juden sind. Die Juden handeln äußerst unklug, weil die Verhältnisse in Ungarn sich dorthin entwickeln, daß auch die Magyaren offene Antisemiten werden und sich voraussichtlich dann mit den Nichtmagyaren auf antisemitischer Basis einigen dürften. Die bisherige Politik der Juden in Ungarn ist unbegreiflich und umso unverständlicher, da die Juden von der magyarischen öffentlichen Meinung, welche vom Gentrygeist beherrscht wird, als minderwärtige Magyaren angesehen werden, ebenso wie die anderen nichtmagyarischen Nationalitäten, die man auch als Staatsbürger zweiter Güte betrachtet. Da die nichtmagyarischen Nationalitäten nur eine sehr geringe Anzajil von Großgrundbesitzern und keine Kapitalisten aufweisen, so muß die besitzlose Schichte der Juden früher oder später zur Einsicht gelangen, daß sie schon mit Rücksicht auf ihre ökonomische Lage mit den Nichtm agy aren eine größere Interessengemeinschaft hat, als mit der jüdischmagyarischen Oligarchie. Es ist auch unbegreiflich, daß sich in der ungarischen Judenschaft der nationale Geist nicht rührt, und daß sie sich mit der Heloten Stellung zufrieden gibt, anstatt zusammen mit den anderen nichtmagyarischen Nationalitäten für die gemeinsamen nationalen Rechte zu kämpfen. Wenn aber die Juden in Ungarn ihre heutige Politik fortsetzen, dann wird der Antisemitismus dort noch größere Dimensionen annehmen als in Zisleithanien, weil dann eine Kooperation der Magyaren und Nichtmagyaren auf antisemitischer Basis, wie bereits früher erwähnt, wahrscheinlich erfolgen wird." Diese äußerst bemerkenswerten Ausführungen des Abgeordneten Dr. v. Vayda bestätigen vollinhaltlich, was unser Budapester Korrespondent in Nr. 18 unseres Blattes berichtet hat. Der magyarische Pseudoliberalismus kann für die ungarischen Juden ebenso gefährlich werden, wie der deutsche für die Juden hierzr'ande. Dr. K. Hermann Vämbery. Budapest, anfangs April. In voller Rüstigkeit des Körpers und mit seltener Frische des Geistes feiert im engsten Familienkreise der verehrte Mann, dessen Name diese Zeilen schmückt, seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Es sind aber auch jetzt gerade fünfzig Jahre her, daß Vämbery den ersten Schritt auf der Bahn tat, die ihn in ungeahnte Höhen führte. Vor einem halben Jahrhundert, an einem schönen Märzmorgen des Jahres 1857, bestieg der junge Hermann Vämbery das Donauschiff, das ihn nach Galatz bringen sollte, um von dort mit dem Lloyddampfer nach Konstantinopel, der feenhaften Stadt seiner Träume, zu gelangen. Das Hauptziel, das ihm dabei vorschwebte, war, die Urheimat der Magyaren aufzusuchen. Es war ein tollkühner Entschluß und Vämbery wurde einfach für verrückt gehalten. Doch nützten die wohlmeinenden Warnungen seiner hohen türkischen Gönner nicht. Man liest nicht ohne Rührung die Aeußerung Vämberys über diesen Wendepunkt in seinem Leben: „Welche Entbehrungen hätten es sein mögen, die ich in meiner Jugend nicht schon erduldet hatte? Den Hunger sah ich allzu oft zu Gast bis zu meinem achtzehnten Lebensjahre. Spott und Verachtung ward mir als armen Judenj ungen oft genug zuteil von meiner frühesten Kindheit angefangen. Zwischen den Hep- Hep!-Rufen und Stein würfen des christlichen Pöbels und den Verhöhnungen der fanatischen Schiiten vermochte ich keinen Unterschied zu entdecken." Und so machte er sich