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Neue Nationalzeitung · 1907-04-19 · Heft 19 (19.4.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 19 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NflCMML-ZBDUNG /rr/tfl JUDlSQRPOUClSCfig WOCRBNSCRRIFC RERRÜSßliBER! Drs.R.LANDlSU!! IX. JAHRGANG. WIEN, 19. APRIL 1907. No. 19. Die jüdischen Reichsratskandidaten. i. Hofrat Camillo Kuranda hat sich im großen Musikvereinssaale als Kandidat des Kai's den Wählern vorgestellt. Es war wohl ein feierlicher Moment. Der Sohn eines der hervorragendsten Juden Oesterreichs, eines Meisters der Feder und des Wortes, des langjährigen Wiener Kultuspräsidenten und Abgeordneten, trat vor die Wähler des Kai-Bezirkes, vor die jüdischen Wähler, die Kraft des gesetzgeberischen Willens das Recht erhalten haben, mittelst ihrer erdrückenden jüdischen Majorität einen jüdischen Volksvertreter ins Parlament zu entsenden. Wem mochte nicht das Herz höher schlagen beim Anblick dieses Mannes, der berufen wäre, die Elite der österreichischen Judenschatt im Parlamente zu vertreten, der bereit wäre, sein Wissen, seine Erfahrung, seine soziale Position in den Dienst seines geschmähten, gehetzten und unterdrückten Volkes zu stellen und so das besondere Vertrauen zu rechtfertigen, das man ihm, dem Neuling im politischen Leben, voi schußweise entgegenbrachte? Herr .Hofrat Kuranda hat aber bitter enttäuscht Er hat bewiesen, daß alten ßureaukraten höchstens am grünen Tisch eines VerwalLungsrates, aber nicht im lebendigen Treiben des Parlamentes ein Platz gebühre. Seine von einem schwachen Stimmorgane vorgetragene Rede war zusammengestellt aus dem Zettelkasten der Wiener liberalen Presse und verbrämt mit Phrasen vom Deutschtum, slavischer Gefahr und Mittelstandsrettung. Herr Kuranda sprach über alles, nur nicht über das Wichtigste: sein Judentum. Der Kandidat des jüdischen Kai's widmete seiner Zugehörigkeit zum Judentum, der Lage der Juden in Oesterreich, den Pflichten eines jüdischen Abgeordneten kein einziges Wort. Doktor Vogler, Noske, Wrabetz, stünden sie an seiner Stelle, sie hätten gewiß mit aller Wucht die Gefahren geschildert, die den österreichischen Juden von jener Partei drohen, deren Führer sich anschicken, die Minister-Portefeuilles unter sich zu verteilen. Herr Kuranda hat darüber geschwiegen. Er hat -dies getan, weil er, der in Staatsdiensten alt gewordene Beamte, für die politische oder wirtschaftliche Notlage der österreichischen Juden kein Verständnis hat, oder weil er, der Herr Hof rat, zu jenen Salon] uden gehört, die sich zwar nicht taufen, aber doch nicht den Mut besitzen, ihr Judentum öffentlich zu bekennen. Allerdings stammelte Herr Kuranda in seiner Rede etwas von „konfessioneller Gleichberechtigung", aber auch darüber wußte er nichts anderes zu sagen, als daß er in diesem Punkte die Ansichten seines Vorredners, eines christlichen Kandidaten, teile . . . Und diesen Mann untersteht sich ein Zentral- Wahlkomitee der jüdischen Wählerschaft aufzuoktroiren! . . . Wenn das liberale Komitee dem Sohne Ignaz Kurandas ein Wiener Mandat einräumen will, so ist dagegen nichts einzuwenden. Der Kai-Bezirk ist aber nicht dazu da, um dem Parlament einen Eisenbahnfachmann zu schaffen, oder um einem pensionierten Hofrat, der durch den Zufall der Geburt Jude geworden ist, ein neues Gebiet der Betätigung zu eröffnen. Wer soll denn im Parlamente die Interessen der Wiener Judenschaft vertreten, wenn der Abgeordnete der Kais dazu nicht den Mut oder das Verständnis hat? Oder ist das Reichsratsmandat einer jüdischen Majorität eine Prämie für diejenigen, die sich ihr ganzes Leben um jüdische Angelegenheiten nicht gekümmert, die für das Judentum nie irgend ein Opfer gebracht haben, die bis in ihr Innerstes kalt und nüchtern bleiben, wenn man ihre Brüder auf den Gefilden der Walachei oder an den Ufern des Dniepr in Massen abschlachtet und anderseits in die höchste Extase geraten, wenn in einem deutschen Marktflecken ein tschechischer Nachtwächter angestellt wird? Fehlt es also in Wien, der Metropole des Reiches, an Juden von unabhängiger Stellung, geistiger Begabung, die bereit wären, nicht gegen die slavische Gefahr, nicht gegen die Unlösbarkeit der katholischen Ehe, nicht gegen eine italienische Universität zu kämpfen und dadurch den Haß der anderen Nationen

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