Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 18 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425686--0081-2426337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 »Neue National-Zeitung« Nr. 18 Wahlbilder aus Gralizien. DieReichsratswahlen haben die jüdische Bevölkerung Galiziens mächtig aufgerüttelt. In den Städten und Städtchen, von Krakau bis an die nordöstlichste Grenze, wo der Wunderrabbi von Beiz sein Zepter schwingt, sind die Gemüter mächtig erregt. Ob am Markt oder im Bethaus, an Wochentagen oder am Sabbath bilden die Wahlen den einzigen Gesprächsstoff; selbst in den Köpfen der hunderttausende „Luftmenschen", die bisher, von des Lebens Sorgen niedergedrückt, nur an den Kampf ums Dasein dachten, regt sich ein politisches Bewußtsein, ja noch mehr: das Verlangen nach jüdischpolitischer Betätigung. In diesen Massen, die bisher unterdrückt und verachtet, unwissend und unreif, abseits von den Vorgängen des öffentlichen Lebens als Bürger und Juden eine Paria-Stellung einnahmen, herrscht jetzt ein Drang nach politischer Aufklärung, ein brennender Durst nach dem freien, gesprochenen Worte. Volksredner werden überall gesucht: wie einst das Volk Israel den Worten der Propheten, so lauschen heute die jüdischen Volksmassen den glühenden Worten noch so jugendlicher Redner, die sie mit zündenden Worten aus ihrer bisherigen Lethargie erwecken, die sie zum Kampfe für ihre staatsbürgerliche Stellung und ihre nationalen Rechte entflammen. Und es lachte mir das Herz vor Freude, als ich diese mächtige Volksbewegung sah. Es geschehen Wunder. Die KahalPräsidenten, bisher unbedingte Werkzeuge der Bezirkshauptleute und des Polenklubs, ermannen sich. Sie beginnen ihre Aufgabe zu erkennen: das Volk zu führen und nicht zu verschachern. Der Kultuspräsident von Kalusz stellt sich an die Spitze des jüdisch-nationalen Komitees; der Kultuspräsident vonKolbuszowa läßtinTarnow flehentlich um einen Jargonredner bitten, der in der Synagoge gegen den offiziellen Kandidaten, Exzellenz von Bobrzysnki, sprechen würde. * * In Kolomea gehören bereits die jungen Mädchen zur jüdisch-nationalen Garde. Am Pesachabend, beim Seder, haben sie auf Grund einer Verabredung• ihren Vätern das Versprechen abgenommen, daß diese nur für den jüdisch-nationalen Kandidaten stimmen werden. Es war dies nicht so leicht. Zuerst hatten die kleinen Mädchen den „Afikomen", jenes Stück Osterbrot, welches der Familienvater bei Beginn der Mahlzeit unter seinen Polster legt, durch List sich angeeignet. Als die Väter ohne den Afikomen den Pesachabend nicht abschließen konnten, waren sie ihren schelmischen Töchtern ganz ausgeliefert. So kam dann schließlich ein Vergleich zustande. Und wenn in Kolomea ein Abgeordneter ohne Bestechung und ohne tote Wähler aus der Wahlurne hervorgeht, so wird er dies den kleinen Mädchen mit ihrem „Afikomen" zu verdanken haben. * * * In der Redaktion des „Jüdischen Tagblattes1' in Lemberg geht es sehr lebhaft zu. Hier ist der Sammelpunkt aller gesprochenen, geschriebenen und telegraphierten Wahlberichte. Agitatoren kommen und gehen, Versammlungen werden angeordnet, Plakate korrigiert, Redner bestimmt, Parolen ausgeteilt. Hier fühlt man den lebendigen Puls des jüdischen Volkes. Es herrscht frohe Zuversieht. Das Volk rührt sich, es lehnt sich auf gegen den polnischen Nationalrat, es will nichts wissen von den oktroyierten konservativen Kandidaten; das jüdische Volk verlangt überall jüdische Vertreter. Und wenn das Volk will, wer könnte sich dem Volkswi 1 len entgegenstellen? Hier, beim grünen Tisch und zwischen den vier Wänden spricht man zuweilen von — zehn jüdischnationalen Abgeordneten des nächsten Reichsrates. Kaum einige Stunden von dieser Stätte der nationalen Begeisterung liegt Beiz. Eine kleine, arme, schmutzige Stadt, aber der Sitz eines reichen, über viele Seelen verfügenden Wunderrabbis. Beiz gehört zum städtischen Wahlbezirke Zölkiew-Sokal, in dem 60 % Juden wohnen: eine jüdische Wähler-Majorität. In diesem Bezirke kandidiert ein Christ, ein Allpole — Professor von S tarzy n ski. So will es der Beizer Wunderrabbi; er hat sich bereits für die Wahl Starzynskis beim Bezirkshauptmann von Sokal verbürgt. Wo ist der Volkswille? Wo bleibt die nationale Begeisterung? L. WAr*lBEW£GUNG Die Eherechtsreforni und die Wahlagitation. Wien. Die Tagblätter berichten über eine sehr stürmische Versammlung des Ehereformvereines, in welcher der „jüdische" und sozialpolitische Reichsratskandidat für den I. Wahlkreis der Leopoldstadt Doktor 0 f n e r das große Wort führte. Gerade dieser Umstand veranlaßt uns, unseren prinzipiellen Standpunkt zu dieser Versammlung und der ganzen Bewegung der Ehereformer darzulegen. Das Sakrament der Ehe ist eine spezifisch-christliche Institution, welche die Juden absolut nichts kümmert. Das jüdische Volk, welches die vollständige Autonomie für sich, in seinen nationalen und religiösen Angelegenheiten begehrt, muß logischerweise allen anderen Nationen und Religionsgenossenschaften der Monarchie es überlassen, nach Gutdünken ihre konfessionellen Bedürfnisse selbst zu regeln. Das einfache Taktgefühl gebietet dies den Juden. Das war ja die Erbsünde der Altliberalen und ihres jüdischen Anhanges dies- und jenseits der Leitha, daß sie den nationalen Hader und die konfessionelle Hetze gegen die katholische Kirche schürten und auf diese Weise dem nationalen und religiösen Antisemitismus den Weg ebneten. Ganz in denselben Fehler verfallen die Sozialpolitiker und die ,,deutsch-freiheitlichen-' Führer. Und darum können die Nationaljuden trotz ihrer demokratischen Anschauungen und ihres sozialen Empfindens ihnen nicht Heeresfolge leisten» Dr. Leopold Kahn für — Dr. Bloch. Die Kandidatur des Herrn Dr. J. S. Bloch in der Leopoldstadt I gegen den Obmann des zionistischen Landeskomitees, Herrn Dr. Schalit, findet ihre Unterstützung selbst bei Mitgliedern des — zionistischen Aktionskomitees. Herr Dr. Leopold Kahn, Mitglied des Aktionskomitees, schreibt an Herrn Dr. Lippe in Jä-sy einen Brief und übergibt ihn dem Herrn Dr. Bloch zur Veröffentlichung, in diesem Briefe nennt Herr Dr. Kahn die zionistischen Reichsratskandidaten Streber und ihr Vorgehen antizionistisch. Er sagt: „Wir, die alten Zionisten, haben an der gegenwärtigen Bewegung, am Eingreifen in die innere Politik als Zionisten,. welche sich im 1 etzten Ziele an der Ergatterungeiniger Mandate in den Reichsrat akzentuiert, gar keinen Teil. Ich für mich halte dieselbe als antizionistisch im Prinzipe und schädlich in der Taktik. Im Prinzipe aus dem Grunde, weil der Zionismus als Ausdruck der aus den bisherigen Erfahrungen und der langen Leidensgeschichte unseres Volkes geschöpften und geklärten Idee das Axiom aufstellte, daß es in den Gallith-