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Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 18 »Neue National-Zeitung« Seite 7 Wie eine Ritualmordhetze gemacht wird! Vor wenigen Tagen erstattete ein in Wien im III. Bezirke wohnhafter Kaufmann beim Polizeikommissariate die Anzeige, seine Dienst magd Karoline Podsednik, die um 4= Uhr morgens ihren Dienstplatz verlassen habe, verbreite das Gerücht, man habe ihr in seiner Wohnung kurz vor den jüdischen Ostern Blut zu rituellen Zwecken abzapfen wollen. Die Magd wurde vernommen und gab an, daß mehrere Männer, darunter ihr Dienstgeber — nachdem sie früher betäubt worden war - zu ihr ins Zimmer gekommen seien und ihr Schnitt- und Stich Verletzungen an den Füßen beigebracht hätten. Die Polizeiärzte Dr. Hagel und Dr. Stoiber untersuchten die Magd und konstatierten, daß keine Spur der von dem Mädchen geschilderten Verletzungen vorhanden sei. Dagegen erklärten die Aerzte, daß das Verhalten der Podsednik auf eine psychische Störung schließen lasse und sie wurde zur Prüfung ihres Geisteszustandes ins allgemeine Krankenhaus geschafft. Dies der Tatbestand, wie ihn die authentischen Behörden feststellten; der Tatbestand, welchen das „Deutsche Volksblatt" seit einer Reihe von Tagen mit blutrünstiger Phantasie und einem Massenverbrauch infamer Lügen und Erfindungen zu einer veritablen Ritualmordhetze ausschrotet. Die „Bluthunde von Polna" sind wieder an der Arbeit und erdreißten sich mit einer Frechheit, die selbst vor der gröblichsten Verdächtigung der Behörden und insbesondere der beeideten Polizeiärzte nicht zurückschreckt, das alte Ritualmordmärchen durch neue Lügen aufzuwärmen. Die Polizeiärzte hatten auf Grund ihrer selbstverständlich höchst minutiösen Untersuchung festgestellt, daß keine Spur einer Schnitt- oder Stichwunde an der Podsednik zu finden war. Das „Deutsche Volksblatf verdächtigt die Wahrheit des ärztlichen Befundes. Die Aerzte finden eine psychische Störung bei der Magd-, das „Deutsche Volksblatt" verharrt dabei, die Darstellung „der sicher normalen Podsednik" zur Hetze gegen die Juden auszubeuten. Nun, wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß das Ritualmordmärchen auch dann eine Ausgeburt des Wahnsinns und der Bosheit bliebe, wenn die Podsednik unglücklicherweise die Schnitt- und Stichwunden an ihrem Leibe zu zeigen in der Lage gewesen wäre. Es hätte sich auch dann immer nur um die Frage gehandelt, ob ihre Behauptung, daß diese Wunden ihr zu rituellen Zwecken von Juden zugefügt wurden, krankhaftem Wahnsinn oder verbrecherischer Böswilligkeit entsprungen sei. Die Aerzte haben, wofür nicht nur das Fehlen der vorgeblichen Stich- und Schnittwunden, sondern auch alle übrigen Begleitumstände zu sprechen scheinen, von allem Anfang an eine Geistesstörung der Podsednik angenommen. Sie wäre — hierüber werden das endgiltige Urteil die Gutachten der Psychiater geben - nicht die erste Unglückliche, deren schwacher Kopf durch die Lektüre der Ritualmord-Journale verrückt worden wäre. . . . Aber zweifellos und über jede Anfechtung erhaben steht vor jedem Unbefangenen die Tatsache fest, d a ß in einem Rechtsstaate, in welchem die bestehenden Gesetze respektiert werden, die jüngste Ritualmord-Hetze des „Deutschen VOlksblattes" im Gerichtssaale ihre Beleuchtung finden muß. Die Ritualmoid-Beschuldigung ist, mag sie direkt oder indirekt, unzweideutig oder verblümt erhoben werden, die vergiftetste, gefährlichste Waffe der Antisemiten im Kampfe gegen die Juden. Das Ritualmordmärcheu hat schon viel — jüdisches Blut gekostet und jeder Versuch, einen Ritualmord-Fall zu konstruieren, bedeutet eine neue Gefahr für die Juden. Vielleicht nicht für die Juden in Wien, aber sicherlich für die Juden in kleinen Ortschaften, wo die Hetzer für ihre Wühlarbeit den besten Boden finden. Der Fall Podsednik, den das „Deutsche Volksblatt" auch nach der authentischen Darstellung der Polizeibehörde zur schamlosesten Judenhetze fruktifiziert, ist ein klassisches Schulbeispiel dafür, daß der antisemitischen Presse jedes Mittel heilig ist. wenn es gilt, den Haß gegen die Juden zu schüren. Mit bewußtem Zynismus wird jede Lüge, auch die albernste und plumpste in die Oeffentlichkeit geschleudert und die Volksvergif ter können es mit der Ueberzeugung tun. daß keine Lüge so frech, so dumm, so gemein ist, um ihre Wirkung bei den Bekennern des Antisemitismus zu versagen. Das Justiz verbrechen, welches an dem unglücklichen Hilsner von einem Schwurgerichte zur Schmach der Juden, aber zur noch größeren Schande der österreichischen Justiz begangen wurde, hat seine einzige und ausschließliche Quelle in dem weitverbreiteten, von der antisemitischen Presse stets genährten und wachgehaltenen Ritualmordglauben. Das „Deutsche Volksblatt-' konstruiert eine Solidarität der gesamten Judenschafr, um diese für Verbrechen haftbar zu machen, die ihr Wahnsinnige und Verbrecher — andichten. Anläßlich des Falles Posednik — und zwar nach der authentischen behördlichen Darstellung — schrieb das ,.Deutsche Volksblatt" in einem von aufreizender Tartufferie überströmenden spaltenlangen Leitartikel u. a. folgende Sätze nieder: „Was wir behaupten und was durch zahlreiche Beispiele sich auch beweisen läßt, ist, daß es im Judenthume zahlreiche Elemente gibt, die noch am Blutaberglauben festhalten." „Das weiß die Judenpresse ganz genau. Sie weiß auch genau, daß darin ein Teil des Hasses und des Mißtrauens begründet ist, das die Arier gegen die in ihrer Mitte lebenden Juden hegen. Indem sie aber diese historisch nachweisbaren Tatsachen überhaupt ableugnet, macht sie alle Jnden der Mitschuld verdächtig." Hört es ihr Juden! Viele unter euch brauchen Christenblut, aber da ihr das nicht zugeben wollt, was nie geschehen, was nie bewiesen — es wäre denn, daß man die unter grauenhaften Foltern erpreßten Geständnisse armer Juden als „Beweise" annähme — seid ihr alle der Mitschuld an dem scheußliehen Verbrechen verdächtig! Die „Bluthunde von Polna" schreiben dies nieder und finden in den aufgehetzten Massen Glauben. Wenn die Juden einmal wirklich eine von der Ehre diktierte Solidarität bekunden würden, dann müßte sich diese anläßlich des Falles Podsednik in dem Bestreben äußern, das „Deutsche Volksblatt" zur Verantwortung in den Gerichtssaal zu schleppen. Die Bluthunde gehören auf die Anklagebank. Dort mögen sie ihre Behauptungen beweisen — wenn sie es können. Simson.

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