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Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 •Neue National-Zeitung« Seite 5 Man gibt zu, daß die Bauern recht zum klagen hätten, und will ihr Los verbessern. Das ist billig und klug; doch scheint man die ganze Angelegenheit nur von der agrarischen Seite behandeln zu wollen •, denn von der Aenderung der Rechtsstellung der Juden, von der ganzen Erscheinung des ausgebrochenen Pogroms und der notwendigen Verhütung einer Wiederholung wurde nichts verlautbart. „Nicht antisemitisch": dieses Schlagwort wird festgehalten; „die Juden verfielen der Volkswut nur in ihrer Eigenschaft als Pächter, nicht als Juden" heißt es. Vergißt man, daß die revoltierenden ivon gewisser Seite, vielleicht von unterschiedlichen ausländischen Kruschewans gehetzten) Bauern und mit ihnen der Städtemob nicht nur die jüdischen Pächter angegriffen haben, sondern die jüdischen Kleinkrämer und Handwerker, Kanfleute, kurz alle, die kein Heiligenbild an ihren Fenstern hatten? Die Judentrage hat mitgespielt, und will man Wandel schaffen, so muß sie in aller Offenheit und mit aller Entschlossenheit angepackt und gelöst werden, wie es gesitteten, gerechten und humanen Menschen geziemt, das heißt, durch Herstellung gesetzlich gewährleisteter Gleichstellung — und daraus folgender Gleichachtung — der jüdischen Bevölkerung überall. Daß es irgendwo in zivilisierten Ländern Menschen gibt, die erst weinend um ihre Menschenrechte flehen müssen, beweist, daß diese Länder — und damit sind etwa nicht ausschließlich Rußland und Rumänien gemeint - nicht voll zivilisiert, sondern mehr oder minder von mittelalterlicher Finsternis überschattet sind". Frau von Suttuer gelangt zum Schlüsse, daß die Judenfrage in Rumänien die bevorstehende Haag er Konferenz beschäftigen sollte: sie hat damit die einzig mögliche, aber auch notwendige Lösung vorgezeichnet. „In kurzem tritt im Haag eine Konferenz zusammen, die im Namen von 46 Staaten für das Wohl der Menschheit, für das Weiterschreiten der Kultur wirken soll. Das wäre eine herrliche Gelegenheit, die Frage der Rassenentrechtungen zur Sprache zu bringen und gemeinsam zu überwinden. Angesichts des schreienden Unrechtes und des grausamen Unheils, wie es in den letzten Pogroms sich geäußert, läßt sich die dringende Pflicht nicht abweisen, damit aufzuräumen, wenn man zusammenkommt, um für den Sieg des Rechtes und das Heil der Welt zu arbeiten. Freilich steht die Frage nicht auf dem Programm und kann daher nicht zur offiziellen Verhandlung gestellt werden; aber einige Delegierte könnten sich einigen, dieselbe an anderer Stelle zur Diskussion und Lösuug zu bringen. Solcher Alp muß von unserer Brust gewälzt werden; die Vorstellung, daß es in unserer Zeit noch möglich ist, daß wilde Horden auf wehrlose Unglückliche herfallen können, die nichts anderes verbrochen haben, als einem anderen Glauben und einem anderen Stamme anzugehören: diese Vorstellung, mit den daran geknüpften Bildern der tiefsten Barbarei auf Seite der Henker uud der höchsten Verzweiflung auf Seite der Opfer — die müssen wir endlich loswerden können, aber anders als durch die kalte, feigherzige Beschwichtigungsphrase: „Es ist übertrieben." Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz44 für Rumänien. Nachdem in der Moldau die Ruhe vollständig wiederhergestellt wurde, kehrten kurz vor den Feiertagen etwa 350 Familien von den in Itzkany und Suczawa angesammelten Flüchtlingen in ihre Heimatsorte Burdujeni, Buceca und andere Städte zurück. Durch das von der „Israelitischen Allianz" eingesetzte und von Herrn Oberrabbiner Dr. Rosenfeld in Czernowitz im Vereine mit Herrn Kultusvorsteher Di\ Finkler in Suczawa geleitete Hilfskomitee wurden den Aermsten dieser Familien zunächst für die Feiertage Unterstützungen in der Höhe, von zusammen 8000 Kronen gewährt. Diejenigen, welche noch etwas von ihrer Habe gerettet hatten, verzichteten auf die momentane Unterstützung, da sie der Hilfe nur zur Wiederherstellung ihrer Existenz bedürfen werden. Nach den Feiertagen wird eine von der Üzernowitzer Filiale der „Israelitischen Allianz" ernannte verläßliche Kommission sich nach den rumänischen Orten begeben, um den Schaden genau zu erheben und für die notwendige Hilfe Vorschläge zu machen. Im ganzen hauen nach dem Berichte des Lokalkomitees der Allianz" in Itzkany während 10 Tage ca. 2600 jüdische Flüchtlinge auf österreichischem Boden geweilt und für Rechnung der „Allianz" Unterkunft und Verpflegung gefunden. Mit vieler Autopferung und Hingebung haben die ganze Zeit sich dort der Unglücklichen angenommen die Herren Samuel und Max Hellmann, Marcus Grünberg, Leiser Peretz, Adolf Goldberg und Max Dische; ferner das Komitee des „Zion"-Vereines: Hermann Peretz, Adolf Grünberg, Adolf Hellmann u. a. sowie die Damen Regina Weinberg, Ida Pollatschek, Sofie und Karoline Klein. Unabhängig von dieser Aktion für die dem österreichischen Gebiet benachbarten Orte wird von Bukarest aus seitens der Wiener Allianz im Einvernehmen mit den anderen Organisationen eine Hilfsaktion für die inneren Orte Rumäniens geleitet, die durch die Exzesse geschädigt wurden. Zur Linderung der momentanen Not hat die „Allianz" dem Bukarester Komitee zunächst einen Betrag von 5000 frs. überwiesen. Die weitere Hilfe wird nach zuverlässiger Feststellung des Schadens an den einzelnen Orten gewährt werden. Der Sekretär der „Israelitischen Allianz", Herr Dr. A. Kaminka, hat sich nach Bukarest begeben, um im Verein mit den Delegierten der anderen Organisationen das Hilfswerk zu regeln. „Die Bodenreform", das Organ der Deutschen Bodenreformer, nimmt zu den jüngsten rumänischen Unruhen in einem Artikel „Die Fla mm enzeichen Rumäniens" Stellung. In diesem Artikel, der schon deshalb Beachtung verdient, weil diese Unruhen in der Bodenfrage ihre tiefste Ursache haben, heißt es: „Noch vor wenig Wochen galt Rumänien als der best geordnete Staat im Südosten Europas. Die Parlamentswahlen hatten gerade jetzt wieder einem konservativen Ministerium die sichere Mehrheit verschafft. Wer diesem Volke rücksichtslos die Wahrheit grundlegender Bodenreform verkündet hätte, der wäre gewiß mit dem Hinweis auf die „bewährten Zustände" zum Stillschweigen gebracht worden. Jetzt aber nach der Katastrophe weiden überall Zahlen veröffentlicht, die es als unbegreiflich erscheinen lassen, daß man früher an ihnen achtlos vorbeigegangen ist. Wer aber früher mahnend auf sie hingewiesen hätte, den hätte man gar zu leicht als einen „Störer des Friedens", als einen „Doktrinär" oder „Fanatiker", als einen Erreger von gefährlichen Wünschen in Acht und Bann getan. Und doch wäre ein solches Aufrütteln, Mahnen, Drängen der größte Dienst an dem rumänischen Staate gewesen! Jetzt wird man sich wohl entschließen müssen, bodenreformerische Maßnahmen zu treffen. Aber nun geht der Weg über rauchende Trümmerhaufen und zackende Leiber. Und eine Saat von Haß und Schuld ist ausgestreut, die an einem Tage böse Frucht bringen muß. Wrer die Revolution nicht will, muß die Reform wollen! Keine aber ist so groß und wichtig als die, welche darauf hinausläuft, ,die fortschreitende Organisierung des Bodens durch immer engere Verbindung mit dem Volke' herbeizuführen.'4

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