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Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue Natlonal-Zeitung« Nr. 18 Gemäß der Zweiteilung des Landes in Moldau und M u n t e n i a (Walachei) müssen wir die stattgehabten Exzesse in zwei Gruppen zergliedern : solche, deren Motive rein antisemitische sind, und solche, denen agrarisch-anarchistische Motive nicht fehlen. Zuerst kommen die Ausschreitungen, die einen rein antisemitischen Charakter zeigen. Gegenüber den Revolten in der ganzen Moldau, denen die armen Juden zur Beute hingeworfen wurden, hatte die Regierung — erwiesenermaßen — anfangs mehr als wohlgefällige Duldung, und erst als der beutelustige Mob, der von den gemeingefährlichen Individuen Cuza, Pavlescu, Jorga und V a s e s c u ausschließlich auf die Juden gehetzt wurde, auch vor den Häusern mit den Heiligenbildern nicht mehr halimachen wollte, erst als das morsche, total durchseuchte und bankerotte Bojarentum am Halse gepackt, und die Wut und Rachsucht der aufgereizten, bestialischen Instinkte des Pöbels auch gegen die reichbegüterten Bojaren in der Mud tenia (Walachei) sich wendete, erst in dem Momente kam über den Kriegsminister Herrn Averescn die Erleuchtung und er wußte seine Soldaten „gut" zu kommandieren! Die Mordbrennerei in der Moldau am Beginn zu verhindern, im Keime tm ersticken, dazu hatte die Regierung nicht den leisesten Willen bekundet ... Ja noch mehr. Während in so vielen Städten der Moldau barbarische Judenhetzen ganz nach russischem Muster arrangiert wurden, während trunkene Bauern in friedliche, jüdische Gehöfte eindrangen, sengend und raubend durch einen gioßen Teil der Moldau zogen, Städte überfielen und darin wie Eroberer hausten, beeilte sich die Regierung, diese Szenen der entfesselten Grausamkeit unter dem euphemistischen Namen „AgrarUnruhen" der Welt bekannt zu geben. Das war eine bewußte und beabsichtigte Lüge! Denn ganz und gar nichts hat es mit Agrarunruhen zu schaffen, wenn in den Städten Podul-Iloie, T i r g u - f r u m o s S u 1 i t z a , Bucecca, Burdujeni, Panciu etc. jüdische Kramladenbesitzer, Handwerker und Trödler au? ihren Wohnsitzen verjagt, ihres Eigentums beraubt, wenn ihre Geschäfts- und Wohnhäuser demoliert wurden! Der Name „Agrarrevolution" war nur eine Tarnkappe, ..inter der sich eine blutrünstige Hetze gegen die Juden 'erbarg! Ein vor wenigen Tagen erschienener Artikel im „Adeverul" hat den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß bei den Judenverfolgungen das nunmehr gottselige Ministerium Cantacuzene geradezu seine Hand im Spiele hatte. Der Artikel ist überschrieben: „Schwere Beschuldigungen, erhoben gegen Ex-Minister Cantacuzene". Das gesamte Ministerium wird darin arg kompromittiert. Erbarmungslos wird dem Herrn Cantacuzene vor der großen Oeffentlichkeit die Maske heruntergerissen, und ganz unzweideutig wird ihm die Beschuldigung ins Gesicht geschleudert, daß ihn — als Chef des Ministeriums — in erster Reihe die Schuld trifft, wenn aus den Verwüstungen „der anfangs geduldeten und gehätschelten" Bauernrevolie in der oberen Moldau eine Katastrophe der gesamten Verwaltung eingetreten und eine Schande für das ganze Königreich entstanden ist. Der Artikelschreiber schreit dem früheren Ministerpräsidenten förmlich in die Ohren, daß er vor den antisemitischen Bewegungen in den Dörfern der Moldau die Augen schloß und nicht sehen wollte, was vor ihm geschah: eine schamlose, verbrecherische Aufreizung gegen die unglücklichen, entiechieten Juden! .. . Wörtlich fährt dann der „Adeverul" fort: „Fast zwei Jahre wurde das Bukarester Publikum von verkommenen Individuen molestiert, die an den Boulevards in der Calea Victoria, an der Mahala sich herumtrieben und die vom giftigsten Judenhaß durchdrängte Zeitschrift „Liga Ant isemita", in lauten Anpreisungen feilboten. Die feinfühlenden Ohren der Bukarester Polizei überhörten absichtlich, daß diese Individuen xmal im Tag auf olfener Straße zu schreien pflegten: „Kaufet die „Liga A n t i s e m i t u", damit ihr, fromme Christen, die Ueberzeugung gewinnet, daß die Juden, unsere Blutsauger, uns vernichten wollen! Kaufet gheti crestini die „Liga Antisemitu" Jos. Jidani! Nieder mit den Juden!i; Der „Adeverul" knüpft nun daran die Frage: „Hat die Regierung wirklich nichts davon erfahren, was bereits alle Spatzen am Dach wußten? Oder wird die Regierung soweit verlogen sein, um. in Abrede zu stellen, jemals ein solches Exemplar zu Gesicht bekommen zu haben? Ist es der Regierung völlig verborgen geblieben, daß der Herausgeber der „Liga Antisemitu", dessen Name auf dem Titelblatte einer jeden Nummer in fettem Druck prangt, derselbe Herr Sachelarie ist, der gleichzeitig als Sekretär im Ministerium des Innern amtiert?! Weiß die Regierung wirklich nicht, wer diesen Sanskulotten, Jahreskarten, gilti~ für das gesamte mm. Eisenbahnnetz, eingehändigt hat, wie sie bei diesen verkommenen, armen Teufeln gelegentlich ihrer erst vor wenigen Tagen erfolgten Verhaftung de facto gefunden wurden?i£ Mit einer Antwort auf all diese brennenden Fragen ist Herr Cantacuzene bis heute im Debet geblieben. Solch' schwere gegen ihn erhobene Beschuldigungen läßt er auf sich sitzen, ohne zu reagieren, ohne zu berichtigen! , Sein Amtsnachfolger Herr D i m i tr i e S t u rd z a hat nichts versucht, was geeignet wäre, bei der Judenschaft des Landes Hoffnungen auf. bessere Zeiten zu erwecken. Bemerkenswert ist, daß HerrSturdza keinen geeigneteren Präfekten für den Dorohoier Distrikt gefunden hat, als Herrn Vase sc u, den gleichgesinnten Bruder des berüchtigten Botuschanier Präfekten, der Agitationsreisen durchs Land unternimmt, und allerorts Hetz- und Brandreden gegen die Juden hält. Herr Vasescu junior, der sich im Distrikte Dorohoiu der Präfektenwürde erfreut, übt schreckliche Chikanen aus, indem er selbst die jüdischen Gutspächter aus den Landgemeinden vertreibt, und deren Rückkehr unter Androhung harter Strafen verbietet! . . . Nun drängt sich doch die Frage auf aller Lippen : Wird die europäische Diplomatie gegenüber der — Recht und Humanität mit Füssen tretenden — Regierung Rumäniens noch weiter stumm bleiben? Wo sind die Signatarmächte des Berliner Vertrages? So rufen wir, alle Juden Rumänieus. Quousque tandem! W. * Die Stimme der Baronin Berta von Suttner. Von allen Artikeln, die die Wiener Tagespresse den rumänischen Greueln gewidmet hat, verdient die meiste Beachtung der herrliche, freimütige und schonungslose Aufsatz der großen Menschenfreundin Frau Berta von Suttner im rNeuen Wiener Tagblatt". Während ein anderes „großes" liberales Tagblatt sich mit einer Kritik kaum hervorwagt, um, behüte Gott, das rumänische Königspaar nicht zu verletzen, trifft Frau von Suttner mit ihrem Artikel „Es ist stark übertrieben" direkt in den Kernpunkt der Frage. Sie entlarvt den ganzen Schwindel, den die rumänischen Regierungen ohne Unterschied der Partei treiben, indem sie von „Agrar"-Unruhen, von einer Agrar-Reform etc. sprechen, um einerseits vor dem Ausland den antisemitischen Charakter der Massacres zu verbergen und anderseits nach wie vor den Juden ihre Gleichberechtigung wegzustehlen. „Jetzt wird in Rumänien an der Pazifizierung gearbeitet und Agrarreformen sollen eingeführt werden.

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