Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425686--0076-2426332
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18 Neue National-Zeitung-- Seite 3 heutzutage in allen Schichten die Versorgung der Kinder verursacht . . . ." Ihr Lieblingsgedanke, der, wie bereits angedeutet, sie viel und intensiv beschäftigte, war Mittel und Weg zu finden, die notleidende w ei bliche Jugend vornehmlich in Galizien zur gesunden und ehrlichen Arbeit heranzuziehen und sie davor zu bewahren, auf den ihnen entgegenwinkenden Weg der Prostitution zu geraten. Sie wußte, daß die Errichtung von eigenen Volksschulen für Mädchen liier nichts fruchten werde, daß solche ganz überflüssig, da ja jeder, auch der strengste Ühasid, seine Töchter die öffentliche Schule besuchen, während er die Söhne von dein Melammed erziehen läßt. Daher die schwere Anomalie, daß die Mädchen in wohlhabenden orthodox-jüdischen Kreisen durch den Besuch der Volks- und Bürgerschulen moderne Bildung sich aneignen, aber dadurch dem der Kultur sich verschließenden Elternhause oft entfremden; während andererseits der Knabe, der unter der Zucht des Melammed heranwächst, tief unter ihnen an Bildung zurückbleibt. So kommt es nicht selten, daß ein Mädchen aus diesen Kreisen, wenn ihm, heiratsfähig geworden, ein solch ungeschlachter, völlig ungebildeter und manierloser Junge als Bräutigam vorgeführt wird, die Flucht ins Kloster ergreift. — Ungleich schlimmer noch steht es um die Töchter der allerärmsten, am Hungertuch nagenden Kreise. Sie verfallen um so eher dem Laster, wenn sie einige Schulbildung genossen und einen, wenn auch flüchtigen Einblick in das moderne Leben und sei:e Bedürfnisse gewonnen. Hier nun, meinte die Baronin, sollte ihr Hilfswerk mit allem Nachdruck einsetzen. Das Ideal, das ihr da vorschwebte, war, Mädchen dieser Art zu tüchtigen, allen modernen A n fo r d erim gen entsprechenden Dienstboten. zu Köchinnen, Wäscherinnen. Näherinnen usw., theoretisch und in eigenen Schulen heranzubilden, sie förmlich dazu zu erziehen und ihnen Lust und Liebe zu ihrem Beruf und einem geradezu „fanatischen" Eifer für Reinlichkeit einzuflößen. Sie verfolgte diesen Plan mit der ihr eigenen Energie und wurde nicht müde, ihn zu besprechen und sich auf diese Weise zu immer größerer Klarheit emporgerungen. Sie machte zu diesem Zwecke, wie bekannt, als Annex der galizischen Baron Hirsch-Stiftung eine eigene Millionenstiftung und hatte noch die Befriedigung, das Werk verwirklicht und im ersten Aufblühen zu sehen. Ich hatte das Glück, sie noch in der Folge wiederholt sehen zu dürfen, zumeist in Eichhorn. Im letzten Jahre vor ihrem Hinscheiden war sie von schmerzhaften Siechtum befallen; aber es hinderte sie nicht, sich unausgesetzt mit den Werken der Menschenliebe im großen und kleinen eifrig zu befassen und über dieselben zu korrespondieren. Es war der letzte Herbst, den sie in Eichhorn verlebte. Ich war gerade in Galizien, als an mich wiederholt telegraphische und briefliche Einladungen, nach Eichhorn zu kommen, gelangten. Zurückgekehrt, eilte ich dahin. Vor dem Eingang des Schlosses kam mir die jüngst verstorbene Frau Gräfin Schönfeld, die sehr viel um die Baronin war, entgegen und erzählte mir, daß die letztere nach einer schwerer Krankheit sei. Die Gesundung schreite zwar allmählich vor, aber sie müsse sich über ärztliche Weisung jeder wie immer gearteten Arbeit enthalten und sich die größte Schonung im Schreiben wie im Diktieren auferlegen. Ich verstand den Wink und erwiderte, daß ich, wie sie wohl wisse, nur über wiederholte Einladung gekommen und daß, soweit es an mir liege, die Baronin keinen Schaden leiden werde, da ich ihr nur Erfreuliches und Zerstreuendes mitzuteilen habe; übrigens werde ich je eher, je lieber wieder heimkehren, da ich ja ohnehin wochenlang vom Hause fern gewesen. Ich fand die Baronin zwar leidend, aber geistig frischer als ich gefürchtet. Nach Tisch führte sie mich in ihr Arbeitszimmer, von dessen Balkon aus mau eine herrliche Fernsicht genoß. Ich schob ihr die Ottomane vor die weitgeöffneten Balkontüren, sie legte sich auf dieselbe und ich mußte auf einem Sessel neben ihr Platz nehmen. Es war ein idealschöner Herbsttag. Die Sonne warf eine ganze Fülle erwärmender und erquickender Strahlen auf das durchgeistigte Gesicht der edlen Dulderin, die wie eine Verklärte anzusehen war. Ich mußte ihr von meiner Reise, meinen Wahrnehmungen, von nieinen Erlebnissen erzählen und sie lachte einmal laut auf als mir aus den Papieren, die ich aus der Tasche zog, die Hülle eines Zigarettenpapiers auf den Boden fiel, auf welcher die tadellos geratene Photographie des seligen Baron Hirsch figurierte und ich ihr erzählte, daß ich dieses Zigarettenpapier in einer Schenke eines weltvergessenen Dorfes in Galizien gekauft habe. — So oft ich mich nun erheben mochte, um mich zu verabschieden, sie wollte es nicht zugeben und ich mußte bleiben. Ab und zu wurde die Tür leise geöffnet und der mahnpude Kopf des Sekretärs wurde sichtbar; aber sie Avinkte ihm immer wieder ab und so wurde die Unterhaltung, die sich fast ausschließlich um die Werke der Philanthropie bewegte, mit geringen Unterbrechungen bis zum Abend fortgeführt. — So beängstigend nun auch für mich der Gedanke war, mein ungewöhnlich langandauernder Besuch möchte nachhaltig auf den Zustand der Baronin wirken, die Frische, mit der sie sprach, die Aufmerksamkeit, mit der sie anhörte und die keinerlei Ermüdung verriet und nicht zum wenigsten die klaren und präzisen Weisungen und Anregungen, die sie mir gab, beruhigten mich immer wieder. Bei meiner Verabschiedung streiften mich vorwortsvolle Blicke; sie kamen aus der Umgebung der Baronin. Aber sie trafen mich nicht zu sehr; ich hatte ein gutes Gewissen: mein Besuch hatte der Baronin nicht geschadet und der Allgemeinheit genützt. Noch einmal sah ich sie auf ihrer Rückreise nach Paris und dann nicht wieder. Der briefliche Verkehr aber dauerte nngeschwilcht fort bis zu ihrem seligen Ende. Ich besitze und verwahre noch einige Zeilen aus ihrer eigenen Hand, die sie auf dem Totenbett vierzehn Tage vor ihrem Hinscheiden an mich richtete. Dann sah ich nur noch ihren Sarg, den wir zur letzten Ruhestätte begleiteten. Wann werden wir ihresgleichen wieder sehen! Wien, den März 1907. Zur Genesis der rumänischen Judenverfolgungen. (Von uusereni Spezhilberichterstatter.) J u s s y, 8. April. Die schmachvollen Greuel, welche sich in den Märztagen aller Kultur und Zivilisation zum Trotz abgespielt, haben einen Ministerwechsel zur Folge gehabt. Das konservative Ministerium 0 a n t a c u z e n e ist gestürzt, und auf dessen Trümim-rn hat der neuernannte Premierminister D i m i t r i e S t u r d z a die liberale Flagge gehißt. König Caiol hat ein Manifest erlassen -■- zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter —, die Zentralregierung versendet Hundschreiben an die Präfekten des Landes, aber weder das eine noch das andere enthält auch nur ein Sterbenswörtchen bezüglich der Verbesserung der trostlosen Lage der Juden. Nach wie vor sollen tausende Landessöhne, die Blutsteuer und Heeresdienste leisten, durch eine heimtückische Interpretation des Berliner Vertrages um ihr Staatsbürger- und Heimatsrecht bestohlen werden...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.