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Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung« Nr. 18 Ruthenen mithelfen. Wenn ein Jude irgendwo z, B. der deutschen Sprache sich bedient oder bei irgend einer polnischen Aktion nicht mittut, so wird er als ein Gegner des Polentums denunziert und gebrandmarkt, mit allen Pressionsmitteln bedroht und. terrorisiert. Gang anders ist diesbezüglich das Verhalten der Ruthenen. Diese stellen in nationaler und politischer Be¬ Beziehung keine Ansprüche au die Juden, sie verlangen von keinem Juden, daß er sich für einen Rutlienen ansehe, daß er sich zur ruthenischen Nationalität bekenne, daß er sich nur der ruthenischen Sprache, als seiner nationalen Sprache, bediene. Ebensowenig verlangen sie, daß die Juden sich politisch auf ihre Seite stellen, daß sie ihnen in ihrem Kampfe gegen die polnische Unterdrückung beistehen oder gar daß sie ihre nationalen und politischen Ideale sich zu eigen machen. Sie verlangen nur, daß die Juden im Kampfe zwischen ihnen uud den Polen sich ganz neutral verhalten, daß sie weder in nationaler Beziehung die Kadres der Polen vermehren, noch in politischer Beziehung irgend je Partei gegen sie ergreifen. Ich glaube, daß kein auch nur halbwegs gerecht und billig denkender Mensch in der ganzen Welt und somit auch kein auch nur halbwegs gerecht und billig denkender Jude dieses Verlangen der Rutheneu als unberechtigt und unbegründet ansehen kann. Selbst wenn die Juden gar keine Gemeinschaft mit den Ruthenen hätten, müßten sie sich, ebenso wie jedes andere Volk, zu einem solchen Verhalten ihnen gegenüber verpflichtet fühlen. Umsomehr muß dies hier der Fall sein, wo die Juden in Ostgalizien hauptsächlich unter den Ruthenen und von den Ruthenen leben. Ich gestehe auch aufrichtig, daß nebst dem Gerechtigkeits- und Billigkeitsgefühle, welches ich gegen alle, selbst gegen meine Gegner habe und nebst meinen national-politischen Prinzipien mich auch diese praktische Rücksicht zu meiner im Abgeordnetenhause gemachten Anregung bewogen hat, die Juden als eine besondere Nation gelten zu lassen, beiläufig bemerkt, der ersten solchen Anregung im österreichischen Parlamente, ja vielleicht in einem Parlamente überhaupt. Leider zeigt sich noch immer bei sehr vielen, ich glaube sogar bei den meisten galizischen Juden, weder ein rechter Nationalsinn oder Nationalstolz, das Gefühl ihrer nationalen Selbständigkeit und nationaler Würde, noch auch der Sinn für nationale und politische Gerechtigkeit, ja nicht einmal der richtige Sinn für das eigene nationale und politische Interesse. Ich habe zwar nach meiner Rede vom 1. Dezember 1905 viele zustimmende und anerkennende Telegramme und Zuschriften von jüdischer Seite erhalten, aber die Haltung der Juden im Lande ist im ganzen dieselbe geblieben. Verzicht auf jede Selbständigkeit, Dienstfertigkeit und Dienstbarkeit gegenüber den Polen und Teilnahme an deren Unterdrückungstätigkeit gegen die Ruthenen. Als offizielle jüdische Kandidaten in den Reichsrat wurden ausgesprochene polnische Assimilierungsjuden aufgestellt, die Mehrzahl der Juden scheint bereit zu sein, bei den Reichsratswahlen wieder mit den Polen gegen die Ruthenen loszugehen, und in den Gemeindevertretungen treten die jüdischen Gemeinderäte, bei der jetzigen Bewegung der Ruthenen zum Zwecke der Einführung der ruthenischen Amtssprache, in der Regel gegen diese Einführung auf. Bedenkt man noch, daß der Bauer, auch der ruthenische, in dem Juden zunächst seinen Ausbeuter sieht, so darf man shk nicht wundern, daß das ruthenische Volk im allgemeinen den Juden nicht besonders freundlich gegenübersteht. Die nationalen, zionistischen, sowie die sozialdemokratischen Juden nehmen allerdings eine andere Haltung ein, aber sie dürften sich doch nur in einer starken Minderheit befinden. Mit ihnen, die dem ruthenischen Volke auch wegen ihrer reineren Ethik viel sympathischer sind, ließe sich allerdings ein weit besseres Verhältnis als mit anderen Juden erreichen und wären auch etwaige Vereinbarungen betreffs der jetzigen Reichsratswahlen möglich. Wenn alle Juden oder doch eine bedeutende Mehrzahl derselben sich vom Polenklub und vom polnischen Nationalrate, d. i. dem polnischen Zentralwahlkomitee, emanzipieren wollte, so brauchten die Juden nicht auf die Gnade der polnischen Herren angewiesen zu sein, sondern sie könnten sich nach eigenem freien Willen eine vollständig unabhängige Vertretung schaffen. Ich lasse es dahingestellt sein, ob die Juden von den Polen die entsprechende Anerkennung für ihr polenfreundliches oder vielmehr polendienstbares Verhalten finden, ob sie wirklich wie gleiche Mitglieder der polnischen Nation behandelt werden. Ueber die Ruthenen haben sich die Juden jedenfalls nicht zu beklagen. Während es im Jahre 1898 in Westgalizien bei den Polen zu einer so heftigen Volksbewegung gegen die Juden kam, daß das Standrecht proklamiert und ein Scharfrichter geholt wurde, blieben die Ruthenen vollständig ruhig. Auch im vorigen Jahre haben es während der großen Wahlreformbewegung in Ostgalizien einzelne Hetzer nicht vermocht, die ruthenischen Bauern gegen die Juden aufzureizen, trotzdem in nächster Nachbarschaft, im rumänisch-russischen Bessarabien, Judenpogroms stattfanden. Allerdings ist auch der ruthenische Bauer, wie gesagt, im Grunde seines Herzens kein besonderer Freund der Juden, aber einerseits ist er viel bedächtiger als der Pole oder der Rumäne, andererseits läßt er sich diesbezüglich leichter von seinen Führern leiten. Es wäre aber doch im allseitigen Interesse sehr zu wünschen, daß die jüdischen Nationalen einen größeren Einfluß unter ihren Stammesgenossen gewinnen und denselben sowohl in ethischer als in politischer Richtung gehörig ausüben. M. FMEDLÄNDER: Baronin Clara v. Hirsch-Gereuth. (Ein Gi'-denkblnlt.) (Schluß.) Wie ihr Gatte, hatte auch sie die Gewohnheit, die Briefe zu diktieren, jedoch nur dort, wo es sich um Allgemeines handelte; waren es aber persönliche Dinge oder Mitteilungen privater Natur, dann schrieb sie eigenhändig, ja selbst die Adresse des Briefes Ich besitze eine ganze Reihe solcher eigenhändig geschriebener Briefe und will hier nur einige das Gesagte erhärtende und zugleich einen Einblick in ihr Gemütsleben gewährende Worte aus denselben reproduzieren. So schreibt sie einmal aus Pau unter dem 18. Jänner 1897: „Seitdem so plötzlich in Paris erfolgten Tod meines Schwagers James hatte ich ein Augenleiden, das mich zwang, alle Briefe zu diktieren. So kommt es, daß ich erst heute diese Zeilen an Sie richte, weil ich sie nicht diktieren wollte........Seit meiner Ankunft hier hatte ich wieder neue Sorgen und Kummer durch die schwere Krankheit, meiner langjärigen Kammerfrau, die wir heute zu Grabe getragen haben! So kam auch täglich wieder ein Aufschub und bin ich erst heute in der Lage, mein Vorhaben auszuführen....... Wir haben seit zwei Tagen recht schlechtes Wetter, so daß mein Zweck, um dessentwillen ich nach dem Süden ging, nicht erreicht ist ... . Ihre ganz ergebene Clara v. Hirsch-Gereuth." Und ein andermal schreibt sie: „Ich freue mich umsomehr, Ihnen zur Verlobung Ihres Frl. Tochter gratulieren zu dürfen, da sie zu deren Wahl so sehr zufrieden zu sein Grund haben und weil ich weiß, welche Sorge

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