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Neue Nationalzeitung · 1907-04-12 · Heft 18 (12.4.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 18 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Juden und Ruthenen in Galizien.*) Von Professor J. Romanczuk, Landtags- und eh. Reichsratsabgeordneter. In Galizien leben, nach der letzten Volkszählung, auf 7,285.000 sämtlicher Landesangehörigen, 811.000 Juden, d. i. mehr als 11% und beinahe zwei Dritteile aller Juden Oesterreichs. Wie ist nun ihr Verhältnis zu den anderen Nationen des Landes, zu den 3,361.000 (?) Polen, 3,040.000 Ruthenen und 74.000 Deutschen? In nationaler Hinsicht rechneten sich die Juden ehemals, mit wenigen Ausnahmen, bekanntlich zu den Deutschen; jetzt haben nur 139.000 Juden das Deutsche als ihre Umgangssprache angegeben. Das Groß der Juden, 621.000, bekennt sich dagegen zu den Polen und nur 40.000 zu den Ruthenen. Die Deutschen, welche noch vor 50 bis 45 Jahren ein mächtiger Faktor in Galizien waren, spielen jetzt, nachdem sie ihre Stellung zugunsten der Polen aufgegeben haben, keine Rolle im Lande mehr. Die deutsche Sprache ist schon lange aus den Aemtern, Gerichten, Schulen und dem ganzen öffentlichen Leben verschwunden und auch ihre Ueberreste schwinden nach und nach (jetzt wird auch das eine von den zwei letzten deutschen Gymnasien, das hauptsächlich von Juden besuchte Gymnasium in ßrody, mit deren Willen polonisiert), und die deutschen Beamten und Lehrer, die deutschen Kaufleute, einst das Gros der galizischen Kaufmannschaft, die deutschen Gewerbetreibenden u. s. w. haben entweder den Polen Platz gemacht oder sind selber Polen geworden. Nur die deutschen Bauern-Kolonisten halten sich noch dort, wo sie in kompakten Massen wohnen und eigene Volksschulen haben; aber sie halten sich *) In der heftigen Wahlkampagne, die gegenwärtig zwischen den Polen und Ruthenen in Galizien ansgetochten wird nnd die für die gesamte parlamentarische Konfiguration sehr bedeutungsvoll werden kann, bilden die Juden einen entscheidenden Faktor. Beide Parteien buhlen um ihre Gunst; beide drohen den Juden mit Repressalien, wenn sie sich den Gegnern anschließen. Obiger Artikel, den uns der Herr Obmann des reichsrätlichen Ruthenenklubs über unsere Einladung freundlichst zur Verfügung stellt, dürfte zur Klärung der Beziehungen zwischen den Juden und Ruthenen beitragen. (Aura. d. Red.) nur kümmerlicli und werden auch mit der Zeit, sei es durch Auswanderung, sei es durch Entnationalisierung verschwinden. Es kommen also jetzt in Galizien nur die Polen und Ruthenen in Betracht. Das Verhältnis jeder dieser beiden Nationen zu den Juden ist aber ein ganz anderes. In wirtschaftlicher Hinsicht ist allerdings kein besonderer Unterschied wahrzunehmen. Trotzdem die Juden, namentlich ves der polnischen Presse, gemeiniglich als „Polen mosaischer Konfession" bezeichnet werden, wird von Seiten ihrer „nationalen Brüder" römischkatholischen Glaubens, d. i. der wirklichen Polen, ein Kampf gegen sie auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens geführt. Einen Kampf um ihre wirtschaftliche Selbständigkeit führen natürlich auch die Ruthenen, indem sie sich, namentlich durch Gründung von Finanzinstituten (Kredit- und Vorschußvereine), von Handelsgenossenschaften, Kaufhäusern u. dgl., in wirtschaftliche! Hinsicht von den Juden wie von den Polen möglichst zu emanzipieren trachten. Aber ganz verschieden ist das Verhältnis der Polen und der Ruthenen zu den Juden in nationaler und politischer Beziehung. Die Polen sind diesbezüglich den Magyaren ähnlich. Sie fordern von den Juden unbedingt, daß sie sich ihnen vollständig assimilieren, daß sie die polnische Sprache als ihre Umgangssprache annehmen, daß sie sich für Polen, für Angehörige der polnischen Nation ansehen, daß sie die polnischen Ideale zu ihren Idealen machen. Sie verlangen demnach, daß die Juden sich ihrer Nationalität entäußern und auf jede Sonderstellung verzichten, daß sie in allen nationalen und politischen Fragen mit den Polen zusammengehen, daß sie bei allen politischen Aktionen, bei sämtlichen Wahlen, Manifestationen u. s. w. sich ganz wie Polen benehmen., daß sie im Kampfe der Polen gegen irgend welche Gegner und speziell auch gegen die Ruthenen, an ihrer Seite stehen, oder eigentlich ihnen bei der Unterdrückung der

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