Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 16-17 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 »Neue National-Zettung« Seite 15 eine Quittung über das empfangene Geld aus. Dann kamen diejenigen daran, welche Geld nehmen wollen. — Sie wurden mit drei Rubeln eingestellt — sagte er zu einer armen Jüdin. — Was soll ich mit dem bei einer großen Familie anfangen? — Was kann ich tun? — erwiderte Rabbi Joel halb bittend und halb ungeduldig. Sie sehen ja, wieviel unsere reichen Leute hergeben! — Wenigstens noch einen Rubel. — Auf Ehre, es ist unmöglich. Warum wollen Sie mir das nicht glauben? Die arme Jüdin nahm endlich die drei Rubel und entfernte sich. Allmählich kamen auch die übrigen armen Leute heran. Channe saß da, ihre Hände und Füße zitterten, als sie daran dachte, daß nun auch sie werde bitten müssen.-- — Was machen Sie? Wie geht es Ihnen? Was schreibt Ihr Sohn? — begann Rabbi Joel das Gespräch mit Channe, nachdem alle armen Leute abgefertigt waren. — Man muß Gott danken! — antwortete sie. Rabbi Joel begann nun von neuem die Listen zu studieren. — Mein Gott! — sagte er, wie zu sich selbst — nun sinds zwölf Jahre, daß ich Gabbe der Pesachgelder bin, aber in keinem Jahre hat es so viele arme Leute gegeben, wie diesmal. Wenn Sie wüßten, wer alles heuer Pesachgeld nimmt .... das Herz bricht einem, wenn man sieht .... — Wie fängt man zu bitten an, du lieber Gott! — Ich sag' Ihnen — setzte Rabbi Joel fortfahrend hinzu — ich habe wahrhaftig kein Herz mehr im Leibe. Die armen Leute klagen mich zu Tode und die Besitzenden geben wenig. — Nein, besser ein Kissen zu verpfänden, als bitten! Channe erhob sich. — Gute Nacht! Ich kann nicht länger warten. Auf dem Heimweg begegnete sie ihrer kleinen Tochter. — Mutter, Jankele ist angekommen. Channe vergaß völlig ihre Notlage, und rannte, was sie konnte, heimwärts. — Mein Kind, mein Leben, mein Herz! — rief die Mutter aus, dem Sohne um den Hals fallend. — Er ist gekleidet, wie es sein soll! Dank dir. o Gott! Einige Minuten später erinnerte sie sich wieder all' der Qualen, welche sie soeben im Zimmer des Rabbi Joel erlitten hatte, und sie ward wieder niedergeschlagen. Mutter, warum bist du so traurig? — frug nun der Sohn. — Ich bin nicht zufrieden, daß du gekommen bist, — sagte sie lächelnd. — Nein Mutter, wahrhaftig du bist über etwas besorgt. Brauchst du Geld? — Und wenn ja, bist du etwa der reiche Mann, mir welches zu leihen? — gab sie mit glückseligem Lächeln zurück. Als Antwort holte der Sohn einen Beutel aus der Tasche und reichte der Mutter sechs Rubel, welche er „in der Fremde gespart hatte". Am ersten Sederabend ging es in der Stube der Witwe Channe fröhlich zu. Hell erleuchtet und feiertäglich geputzt erstrahlte die armselige Wohnung. Rings um den Tisch saßen die Töchter der Witwe, die ihre Blicke von ihrem einzigen Bruder nicht abzuwenden vermochten. Er saß obenan und gab den Seder. ... Channes Gesicht glänzte vor Freude. Sie betrachtete ihr Kind, und ihr Herz erfüllte Hoffnung. ... Sie war auf Menschen nicht angewiesen; Gott sei's gedankt. . . . Vom Himmel wurde ihr ein Engel entsendet . . . und dieser Engel ist ihr lieber, einziger Sohn.. .. ■JHTSRÄTUR: Im Aprilheft der Monatsschrift »Pall Mall Magazine« wird eine sehr interessante Novelle von Zangwill, betitelt »Die jüdische Dreieinigkeit« erscheinen. Die Dreieinigkeit verkörpert der Verfasser in der Person des reichen Juden Sir Asher Aaronsberg, welcher gleichzeitig Brite, Jude und Antisemit ist. Wiewohl er jeden Tag als gläubiger Jude, für die Rückkehr der Juden nach Jerusalem betet, haßt er aus tiefster Seele den Zionismus und weist die Werbung des hervorragenden Bildhauers Leopold Barstein um die Hand seiner Tochter zurück, weil dieser ein Zionist ist Die Novelle enthält sehr viel Satire und verkörpert in ihrer Hauptperson einen markanten Typus der englisch-jüdischen Gesellschaft. - Die brennende Agrarfrage in Rumänien wird durch einen höchst aktuellen Artikel, den die »Zeitschrift für Staats- und Volkswirtschaft« unter dem Titel »Das unbewegliche Vermögen in Rumänien« soeben veröffentlicht, sehr grell beleuchtet. Die markantesten Stellen dieses Artikels lauten: Der überwiegende Anteil des anbaubaren Bodens entfällt auf den Großgrundbesitz (von 100 Hektar aufwärts), der 3,787.192 Hektar oder 47.52 Prozent der gesamten anbaubaren Fläche in Händen hat. Die Gesamtzahl der Grundbesitzer beträgt 4171 und unter diesen wieder entfällt der Löwenanteil auf die 1563 Latifundienbesitzer (von 500 Hektar aufwärts), die nicht weniger als 3,001.473 Hektar oder 37'66 Prozent der gesamten anbaubaren Fläche in ihrem Besitz haben. Die kleinen bäuerlichen Grundbesitzer (bis zu 10 Hektar), in der Gesamtzahl von 1,015.302, nennen im ganzen nur 3,319.695 Hektar oder 41 "66 Prozent des anbaubaren Bodens ihr eigen. Der mittlere Grundbesitz (10 bis 100 Hektar) zählt 38.699 Personen, die 861.409 Hektar oder 10'81 Prozent der anbaufähigen Fläche in ihrem Besitz haben. In diesen Verhältnisziffern drückt sich die ganze Schwierigkeit des Agrarproblems in Rumänien aus. In einem Lande wie Rumänien, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, besitzen die fünf Millionen bäuerlicherBewohner wenigerGrund und Boden, als die paar tau sendGroßgrund-undLatifundienbesitzer. Dazu kommt noch, daß die allerwenigsten der Großgrundbesitzer selber ihre Güter bewirtschaften, sondern die meisten es vorziehen, ihren Grundbesitz in Pacht zu geben, während sie selbst sich in den Städten den freien Berufsarten, insbesondere der Advokatur und der Politik, widmen oder im Auslande ihre Renten verzehren. Die Pächter, die einen verhältnismäßig hohen Pachtzins bezahlen müssen, haben kein anderes Bestreben, als durch schonungslose Raubwirtschaft und durch die unbarmherzige Ausbeutung des Bauern die Pacht hereinzubringen und einen möglichst hohen Reingewinn zu erzielen. Das ist mit vielem anderen der Grund für den jammervollen Zustand des rumänischen Bauern. Der geniale Ghetto-Dichter Morris Rosenfeld befindet sich infolge seines schweren Augenleidens in der größten Notlage. „The Modern Review" berichtet über ein Interview, das Ihr Berichterstatter mit Morris Rosenfeld hatte, wie folgt: „Die Zusammenkunft hat mich sehr schmerzlich berührt. Ich habe Morris Rosenfeld zum letztenmale vor 15 Jahren gesehen, aber welcher Gegensatz! Ich fand einen Mann, verhältnismäßig jung an Jahren, aber trotzdem alt, schwach und vor allem — blind. Morris Rosenfeld saß, als ich zu ihm kam, auf einem Rohrstuhl, er hielt einen Stock zu seiner Stütze in der Hand. Er sagte, daß er sich freue, daß ich ihn besuchte, nur bedauerte er, mich nicht sehen zu können. Ich sprach ihm von dem Auftrage, der mir geworden, und erzählte ihm von der Veranstaltung, die man zu seinen Gunsten in St. Louis unternehmen will. Auf die Frage nach seinem Gesundheitszustande antwortete er: „Die Lähmung ist beinahe beseitigt, nur meine rechte Hand kann ich noch nicht rühren, aber meine Augen sind sehr schwach geworden und ich sehe nur mehr Schatten. Meine Ärzte raten