Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 16-17 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Neue National-Zeitung« Nr. 16/17 An Wochen tagen geht es noch wie immer, aber am Feiertag ......Deshalb begann Channe schon immer im Winter auf Pesach zu sparen. So, wie sie sich's zur Pflicht gemacht hatte, jeden Feiertag zwei Kopeken in die Büchse zu werfen, so vergaß sie auch nie. jeden Donnerstag, nach dem Markte einen Rubel „auf Pesach" beiseite zu legen. Auch in diesem Jahre hatte sie fleißig gespart . . . Da hat aber Gott den Typhus geschickt...... Ihre ältere Tochter lag mehrere Wochen krank zu Bette. Wer konnte da noch an Pesach denken? In solcher Zeit vergißt man an alles. So kam es, daß Channes Pesachgeld allmählich schwand und sie noch einige Rubel Schulden machen mußte .... Wie soll man jetzt Pesach machen? Zu Pesach ist es schwer. Geld geliehen zu erhalten und besonders für sie, die schon stark in Schulden steckte . . . Was tun? Channe denkt schon seit Wochen über diese Frage nach und kann keinen Rat finden. Dazu kam noch ein Brief von ihrem einzigen Sohn, der ihr seine Ankunft für Pesach meldete. (-banne hat einen einzigen Sohn. Es ist ihr bestes Kind, von dem sie sich noch viel Freude versprach. Er lernt schon das dritte Jahr in der Fremde, und Channe bekommt von ihm regelmäßig gute Nachrichten, aus denen die Kindestreue spricht. Geld verlangt er von ihr niemals, und schreibt ihr stets, daß es ihm gut gehe. Bei dem Gedanken, daß Jankele auf Pesach heimkommen werde, erstrahlte das Gesicht der Mutter vor Freude. Schon seit drei Jahren ließen ihre Festtage die ihnen innewohnende Fröhlichkeit vermissen ... Es kommen die Sederabende... bei jedem geht es da fröhlich zu. nur bei ihr ist es traurig, trübe . .. kein Mann bei Tische ... die Kinder überfällt der Schlaf und so gehen die Feiertage vorüber. „Wenn Jankele kommen wird, da wird sie erst wieder wissen, was ein Feiertag ist. Er muß schon ein großer Junge sein . .. Wie erlebt man's nur schon, ihn zu sehen 1" „Gewiß — sinnt Channe weiter — braucht der arme schon einen neuen Rock, oder frische Stiefel... und ich habe noch nicht einmal auf Mazzoth." „Gott wird gewiß noch helfen" — das ist die einzige Hoffnung, die Channes Herz noch ein bißchen erleichtert. * Acht Tage fehlen noch zu Pesach. Die reichen Leute haben schon ihre Mazzoth versorgt und Channe hat noch immer kein Mittel gefunden, um „Pesach zu machen4'. Bitter!.. . Im Städtchen hat niemand eine Ahnuug von ihrer Notlage. Sie hat eine eigene Wohnung mit einem bescheidenen Erwerb, wer sollte auch daran denken, daß sie noch nicht Mazzoth auf Pesach habe? „Was tun? Was tun?" Hundertfach hat sie darüber nachgedacht und konnte keinen Rat finden, so sehr sie sich auch den Kopf darüber zerbrach. „Soll ich etwa ..." Ein Gedanke durchzuckte ihr Hirn, ein Gedanke, der ihr das Herz zusammenpreßte. „Nein! Gott behüte mich davor!" Möge mir meines Mannes S'chus beistehen, auf daß es nicht „dazu" kommen müsse. Aber am nächsten Morgen erschien ihr dieser Gedanke nicht mehr so schrecklich. „Not bricht Eisen" denkt sie. „Nur stehlen ist eine Schande ... In schlechten Zeiten muß man sich an alles gewöhnen ..." Sie nimmt ein Tuch um und geht hinaus. Draußen bleibt sie stehen. „Ich will hingehen und Armengeld auf Pesach verlangen. Ich?! Sie geht zurück in ihre Wohnung. Der Gedanke schnürt ihr das Herz zusammen. „Wodurch habe ich mich so sehr an Gott versündigt?" „Was soll aber doch geschehen?" sinnt sie weiter. „Ist's etwa schöner ein Kissen zu verpfänden? ... Nein ... es ist im Grunde genommen gar keine so große Schande. Wenn Gott wieder hilft, werde ich die etlichen Rubel, die ich vom Armengeld nehmen will, wieder zurückgeben. Hab' keine Sorge, Rabbi Joel, der „Gabbe" vom Armengeld auf Pesach kennt mich ganz gut und wird es begreifen, daß ich es nicht aus Wohlergehen tue . . . Sie erhebt sich und geht aus der Wohnung. Sie rennt, was sie kann, quält sich den ganzen Weg ab, um die drückenden Gedanken zu verscheuchen ... Je mehr sie sich aber dem Hause des Rabbi Joel nähert, desto langsamer werden ihre Schritte. Ein eisiger Schauer überläuft ihre Glieder und sie kehrt wieder um, nach Hause. Den ganzen Tag war Channes Herz beklommen. Das Weinen lag sonst nicht in ihrem Wesen, aber heute entströmten unwillkürlich Thränen ihren Augen ... Abends endlich faßte sie ein Herz und entschloß sich, hinzugehen und zu bitten. Mag kommen was will! Es gibt keinen anderen Ausweg! Im Vorhause des Rabbi Joel begegnete sie einer armen Jüdin mit verweintem Gesicht. — Von heut1 in einem Jahr soll er gezwungen sein, Armengeld auf Pesach zu nehmen, großer Gott! — schrie die Jüdin laut. — Zwei Rubel gibt er mir, zwei Beulen soll er kriegen. Was soll ich mit zwei Rubeln anfangen? Die Jüdin warf einen Blick auf Channe. Channe erbleichte. Es schien ihr, daß die Jüdin erraten habe, warum sie, Channe, hiehergekommen ist ... . Hastig öftnet sie die Tür und tritt ins Zimmer eiu. Im Zimmer sind mehrere Menschen. Ein Teil kam, um Geld für die Armen auf Pesach zu spenden und andere wieder sind da, um welches zu holen. Lauter Bekannte von Channe. Sie bedauert schon, überhaupt gekommen zu sein .... aber gleich wieder umkehren wollte sie auch nicht . . . da wird man erst recht wissen .... Rabbi Joel sitzt an einem Tische, auf welchem zwei Papierbogen ausgebreitet liegen. Es sind die Listen der „Geber" und der ..Nehmer", welche vor Pesach beim Rabbiner zusammengestellt werden. Der „Gabbe" blickt bald in die eine, bald in die andere Liste. Als er Channes gewahr wird, meint er in freundlichem Tone: — Sie wünschen wahrscheinlich etwas von meiner Frau, sie wird bald hereinkommen. — Hören Sie Rabbi Jüdel — wendet er sich nun an einen Mann mit auffallend rotem Gesicht — da wird Ihnen nichts helfen. Sie sind mit zehn Rubeln auf die Liste gesetzt worden und ich nehme nicht eine Kopeke weniger von Ihnen. Sie sind gottlob ein reicher Mann und arme Leute gibt es ohne Zahl. Rabbi Jüdel geriet in Wut — Seht mal her, für fremdes Geld ist er wohltätig! Und wenn ich doch nicht mehr hergeben will als einen Rubel? — So wird man Ihnen die Herausgabe der Mazzoth beim Bäcker verweigern. — Das möchte ich sehen! Und hastig verließ er das Zimmer. Nun trat ein armer Schneider an den Tisch. — Wieviel soll ich geben? — frug er. — Wieviel Sie können. Der Schneider nahm zwei Silbergulden und legte sie auf den Tisch. — Gebe Gott, daß Sie übers Jahr zehn Rubel geben können — wünschte ihm Rabbi Joel und stellte ihm