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Neue Nationalzeitung · 1907-03-29 · Heft 16-17 (29.3.1907) · p. Seite 13

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 16-17 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 16/17 Neue National-Zeitung« Seite 13 JIGUiLLSSON KUBEN BKAINO: (Der Roman einer jüdischen Studentin.) (Schluß.! Nach wenigen Minuten war Moses samt seiner Habe in meiner Stube untergebracht, und Rosa lief, nachdem sie ihn rasch noch umarmt und an sich ge drückt hatte., auf die Station, um die Mutter zu empfangen. Das Kind war in den ersten Stunden traurig- und weinte ein wenig. Es hatte Sehnsucht nach der Mutter, ich dünkte ihm fremd. Zuweilen lief es zum Fenster oder zur Tür, um die Mutter zu suchen. Am nächsten Morgen erwachte es und küßte mich mit dem Lächeln eines frohen Kindleins. Dann kam Rosa heimlich zu Besuch. Als sie sah, daß wir, ich und das Kind, auf dem Boden saßen und wie zwei Brüder scherzten, da rief sie voll Freude, aber mit einem schmerzlichen Grundton, aus: — „Wirklich, ein Onkel, ein Freund ... Ich fürchte, wenn meine Mutter abreist, wird Moses sich von Ihnen nicht trennen wollen, er gewöhnt sich an Sie ..." Am Abend legte ich das Kind auf sein Lager und ersuchte die Bäuerin, in deren Hause ich wohnte, eine Stunde im Zimmer zu bleiben, während ich Rosa besuchen ging. Sie stellte mich ihrer Mutter vor: einer alten, kranken Frau, die doch voller Lebendigkeit und Seelenkraft war. Auf ihrem Gesichte malte sich ihr Lebenswandel, man merkte, daß sie eine vielerfahrene Person sei. Als sie das freundschaftliche Verhältnis sah. das zwischen mir und ihrer Tochter herrschte, begann sie eifrig, Rosas Vorzüge, ihre Tugenden und ihre Unschuld zu preisen ... Rosa errötete. Es war klar, die Lobeshymnen der Mutter trafen sie wie spitze Nadeln. — Schäme dich nicht, mein Kind, sagte die gi'eise Mutter, ich sehe, der Herr ist dein „Verlobter." Dein Vater hatte sichs freilich anders gedachter wollte durchaus einen Gelehrten, einen Gottesfürchtigen ... Aber ich weiß, daß du zu der neuen Generation gehörst, daß du eine Studierte, eine Aufgeklärte bist. . . Natürlich mußt du dir einen Studiengenossen wählen .. . Gewiß weißt du, wen du erwählst ... Ich weiß, daß du rein bist, auch wenn du ihre Bücher, ihre Wissenschaften studierst. .. Sicherlich ist auch dein Verlobter ein gesetzter und anständiger Mensch .. . — Aber Mutter, was sprichst du. Schemiel ist mein Freund und wir studierten zusammen in N. — Schäme dich nicht, mein Kind, fürchte dich nicht, dein Vater wird dir bestimmt gestatten, einen solchen Mann zu heiraten, wenngleich er nicht so ist, wie er ihn wollte — eine andere Welt, andere Sitten herrschen heute ... Ich hoffe, daß die Hochzeit zu Sabbat Nachamu stattfinden kann ... Man muß dir neue Kleider nähen, wie dies bei vornehmen Leuten Brauch ist. Freilich, die schlechten Geschäfte heutzutage. Der Verdienst ist nicht gerade hoch, aber es wird auch ohne Seidenkleid gehen. Eine Samtrobe aber muß man haben, sonst kann man nicht unter die Chuppe*) treten, auch du nicht.. . Was aber die Mitgift anbelangt... da muß Gott helfen, ich habe nicht viele Töchter, und du bist nicht mehr jung . . . Gott wird helfen . . . — Aber Mutter, was sprichst du ... es . . — Schäme dich nicht, mein Kind, du bist eine Jüdin und mußt wie eine Jüdin handeln. Du hast genug *) Traohimmel. studiert ... Studieren, studieren . .. ohne Ende, ohne Zweck .. . Genug, du hast schon die ganze Wissenschalt erlernt... genug . .. — Aber, Mutter, was willst du von einem fremden Mann . .. — Dummes Ding, deine Mutter sieht und verstellt alles, ich war niemals dumm und nichts kann man vor mir verbergen . . . Von der ersten MiDiite, da ich diesen Herrn sah und die Blicke, mit denen er dich betrachtete, wußte ich. daß er dein Bräutigam ist, also möchte ich von dir rechtschaffene Kinder sehen . .. Aber wer weiß, ob es mir beschieden ist, dies mit meinen Augen zu schauen, mein Leben hängt an einem Haar . . . der Husten, der Husten ... Ich bemerkte, daß die Stunde verstrichen und ich zu dem Kinde zurückkehren mußte. Ich verabschiedete mich von Mutter und Tochter und eilte auf meine Stube. Im Lichte der Lampe, die auf meinem Tische brannte, betrachtete ich das Gesicht des schlafenden Kindes: Wirklich, es hatte das runde Kinn und die gewölbten, dicken Lippen — des Rumänen. 31. LAZAKEW: Äui Pesach. Channe, die Witwe, betrat mit einigen Kränzen Zwiebeln, die sie eben auf dem Markte für Pesach gekauft hatte, in der Hand, die Stube. — Zwiebeln hätten wir schon auf Pesach, was fehlt noch? — sagte sie mit bitterem Lächeln zu ihrer Tochter, einem Mädchen von zwölf Jahren mit blassem Gesicht, wie wenn sie eben eine Krankheit überstanden hätte. Das Mädchen lächelte ebenfalls. Channe setzte sich und begann zu frühstücken. Einige kleine Kinder, die bis dahin in eiuer Ecke fröhlich gespielt hatten, wurden plötzlich ruhig, als sie die Betrübnis auf dem Gesichte der Mutter bemerkten. Sie näherten sich dem Tische, an welchem die Mutter saß. Wann werden wir anfangen Mazzoth zu backen? — trug nun ein kleines Mädchen, das neben der Mutter gestanden hatte. Es ahnte nicht, daß die Mutter gerade deshalb betrübt war, weil sie an das Mazzoth-Backen gedacht hat. Vier Jahre sind's nun, daß Channe Witwe geworden, und gezwungen ist, ihre vier kleinen Kinder selbst zu erhalten. Sie ist eine noch junge Fran in den Dreißigern. Doch denkt sie wenig an sich selbst, ihr ganzes Leben ist ihren Kindern geweiht. So lange der Mann noch lebte, plagten sie sich beide um das Stückchen tägliche Brot: er war Markthändler und sie hatte einen kleinen Hauserwerb durch Brotbacken. Reich sind sie wohl niemals gewesen, doch wurde Channe im Städchen auch, Gott behüte, niemals zu den armen Leuten gezählt. Ja, sie hat, Gott sei's Dank, ein behagliches, menschenwürdiges Leben geführt. Und auch nachher, als der Mann gestorben war, hat sich Channe niemals auf das Almosennehmen verlegt. Sie hat etwas mehr gerackert, und etwas weniger geschlafen als früher und — Gott verläßt niemand. Schwierig wurde die Situation für Channe nur vor Pesach. Man muß die Kinder, wie es eben geht, kleiden; erst an einem solchen Festtag! Eine Kleinigkeit, Pesach!

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