Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-03-29 · Heft 16-17 (29.3.1907) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 16-17 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425685--0065-2426320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 17 »Neue National-Zeitung« Seite 9 einen neuen. Aufschwung erhalten könnte. Die Besprechungen, die hierüber mit den beteiligten Personen gepflogen werden, sind noch nicht abgeschlossen. Dagegen ist der Vertrag mit einem Unternehmer in Przemysl. durch den eine Anzahl jüdischer Mädchen mit der Herstellung von Kragen, Manche tten etc. außerhalb seiner Fabrik beschäftigt werden soll, dem Abschlüsse nahe. Nach den. Feiertagen wird nach und nach an mehreren Orten G-aliziens eine nene Spitzenindustrie (Filet- Guipure) eingefühi-t werden. Was die Frage der Zuführung der galizischen Juden zur Landwirtschaft betrifft, so wurden die seinerzeit von einer Reihe fachkundiger Personen eingeholten Gutachten einem Komitee von drei in Galizien seßhaften, der Landwirtschaft kundigen Herren zur Stellung von Anträgen zugewiesen. Daneben beschäftigt sich die Vereinsleitung infolge eines dahingehenden Ansuchens einer galizischen Kultusgemeinde mit der Frage der Errichtung einer Gartenbauschule, die mit einer Korbfleehterschule so in Verbindung zu bringen wäre, daß die Schüler auch im Winter eine Beschäftigung finden. Der Sekretär gibt auch einige Daten aus dem II. Teile des Jahresberichtes pro 1906 bekannt. Die Zahl der Mitglieder betrug im letzten Jahre 3723 gegen 3918 im Vorjahre; die Einnahmen beliefen sich auf 56.487 K. 64.401 K im Vorjahre. Es zeigt sich daiaus, daß es dringend notwendig ist, die Zahl der Vereins Mitglieder und damit auch die Höhe der Jahresbeiträge zu steigern, damit das so ersprießlich begonnene Werk fortgesetzt und die Tätigkeit der Vereinsleitung eine immer ausgedehntere werden kann. Der Obmann des Auf sichtsrates, Herr Dr. Wilhelm Knöpf mach er, erstattete hierauf den Bericht über die Gebarung der Vereinsleitung und beantragt, ihr das Absolutorium zu erteilen, ein Antrag, der einstimmig angenommen wurde. Zu dem Punkte der Tagesordnung: „Anträge der Ortsgruppen" entwickelt sich eine kurze Diskussion. Herr Bruck, Obmann der Ortsgruppe Teplitz-Schönau, gab die Anregung, in Teplitz ein Spitzenlager zu errichten oder eine Ausstellung zu veranstalten. Herr Bacher. Obmann der Ortsgruppe Prag, gibt bekannt, daß möglicherweise in kurzer Zeit von dem Künstlerinnenklub eine zweite Ausstellung unserer Spitzen veranstaltet werden wird. Herr Wilhelm Pappen heim gibt als Vertreter der Israelitischen Allianz in Wien die Erklärung ab, daß dieser Verein gerne bereit sei, dem galizischen Hilfsverein in seinen Bestrebungen auch materiell zu unterstützen. Der Vorsitzende dankt den Obmännern der Ortsgruppen Teplitz und Prag für ihre Mitteilungen und letzterem insbesondere für die außerordentliche Tätigkeit, die von ihm und der Prager Ortsgruppe, dann von den Mitgliedern der dortigen B'nai B'rith-Vereinigungen und deren Damen anläßlich der Spitzenausstellung entwickelt wurde, mit herzlichen Worten und nimmt die Erklärung des Herrn Pappenheim zur befriedigenden Kenntnis. Die bisherigen Funktionäre werden wiedergewählt. Darunter aus Galizien der bekannte Herr Samuel von Horowitz. Unter den Neugewählten befindet sich dessen Schwiegersohn, der unseren Lesern ebenfalls wohlbekannte Herr Dr. Nathan Löwen st ein. Gerade weil wir diesem Verein, der in den wohlsituierten Kreisen Galiziens leider noch immer nicht die verdiente Beachtung und Unterstützung gefunden hat, so wohlwollen, müssen wir an dessen Leitung die Frage richten: „Gibt es denn in Galizien keine selbstlosen, ideal gesinnten, opferwilligen Männer, die zur Mitarbeit herangezogen werden könnten? Muß man denn auch dort, wo das Wohltun Selbstzweck ist, den Namen begegnen, die von der jüdischen öffentlichen Meinung in Galizien nur mit Verachtung genannt werden, den Namen der Leute, die alles in den Schlamm ihres politischen Strebertums herabziehen? Will der Hilfsverein in Galizien Anhang und Unterstützung finden, dann muß er sich eine andere Patronanz suchen, als die Horowitz und Genossen. Wegen des „Kadisch"-Orebetes entlassen. Wien. Vor dem Gewerbegerichte unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Dr. Kau er wurde am 21 März über eine Klage.des Privatbeamten David Bicker verhandelt, der gegen seinen früheren Chef, den Möbelfabrikanten Isidor Feilbogen, eine Klage auf 3300 K überreicht hatte. Die Verhandlung über diese Klage gestaltete sich ziemlich erregt. Während der Kläger darzutun, bemüht war, daß der Chef ihn nicht entsprechend beschäftigt, ihm nicht einmal einen Schreibtisch beigestellt und vorgehalten habe, daß er doch nnr ein Gnadenbrot beziehe, führte der Geklagte aus, daß Bicker sich geweigert habe, den Geschäftsschlüssel zu übernehmen und dies aus dem Grunde, weil das Aufsperren die Arbeit des Hausknechtes sei, während er als Bureauarbeiter engagiert sei. Außerdem sei Bicker, statt, wie es seine Pflicht war, um 7 Uhr früh zu kommen, erst um 8 Uhr im Geschäfte erschienen Dies habe er damit motiviert, daß er als Sohn eines orthodoxen Rabbiners verpflichtet sei, für seine kurz vorher verstorbene Mutter die rituell vorgeschriebenen Tote uge bete im Tempel zu verrichten. Der Beklagte bestreitet, daß diese Gebete, das sogenannte KKadisch"-Beten, um ^^1 Uhr t'iüh gebetet werden müssen. ,Ich selbst"*, sagte der Beklagte, „bin der Sohn eines Rabbiners, mein Vater aber hätte gewiß nichts dagegen, wenn ich das „Kadisch^-Gebet verschieben würde. Wenn Moses damals gewußt hätte, daß ich für ein Lokal achttausend Gulden zahlen muß..." — Richter: „Halt, halt! I^;is-geht nicht! Er ist eben religiös, und Sie nicht!" Zur allgemeinen Überraschung weist nun der Kläger ein Attest vor, worin der Rabbiner Feilbogen, der Vater des Geklagten, bestätigt, daß ein orthodoxer Israelit verpflichtet sei, das r K a d i s c h"-G e b e t am Morgen zu verrichten. Nachdem der Fabrikant noch ausgeführt hatte, daß er seinen Angestellten, als dieser am 5. März dem Geschäfte gänzlich ferne blieb, brieflich verständigt habe, daß Arbeit für ihn vorhanden sei, nnd daß Bicker, statt sich im Geschäfte einzufinden, geantwortet h;i!»e, er erwarte den Ruf seines Chefs, wurden mehrere Angestellte der Firma einvernommen, die im wesentlichen angaben, daß Bicker vernichtet gewesen sei, um 7 Uhr früh im Geschäfte zu erscheinen. Das Urteil lautete dahin, daß die Klage zur Gänze abzuweisen sei, da Bicker tatsächlich die ihm zugewiesenen Agenden nicht erfüllt habe. Die Verrichtung des Totengebetes könne nach dem Gesetze nicht als ein triftiger Entschuldigungsgrnnd angesehen werden der Kläger hätte sich diesbezüglich mit seinem Chef auf gütlichem Wege ins Einvernehmen setzen müssen. Der Kläger erklärte, gegen dieses Urteil die Berufung zu ergreifen. (Unseres Erachtens steht dieses Urteil in entschiedenem Widerspruch zum Wortlaut des Gesetzes. Im Handelsgesetzbuch (Art. 64, Abs. 3) heißt es: Ein Handlungsgehilfe kann entlassen werden . . . , wenn derselbe seine Dienste zu leisten sich weigert oder ohne einen rechtmäßigen Hinderungsgrund während einer den Umständen nach erheblichen Zeit unterläßt." Der Handlungsgehilfe, der wegen des Kadisch eine Viertelstunde später ins Geschäft kommt, hat seine Dienste nicht verweigert. Allerdings wer sein Personal chikanieren will, findet sehr leicht einen Prügel. Anm. d. Redj Deutsches Reich. Berlin, den 24. März (Orig.-Korr.). Das „Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten" berichtet: Die jüdische Einwanderung nach Amerika betrug im letzten Jahr 153.748 Personen, d. i. gegen das Vorjahr (129.910) eine Zunahme von 23.838. Im Verhältnis zur Gesamteinwanderung, welche sich in diesem Jahre auf 1,100.735 beziffert, gegen 1,026.499 im Vorjahre, ist die jüdische Einwanderung von 12.Ö % (1904 5) auf 13.97 % gestiegen. Unter den eingewanderten Rassen nehmen die Juden wie im Vorjahre den zweiten Platz ein. Nur die Süditaliener sind in größerer Zahl (240.528) eingewandert. Von den jüdischen Einwanderern kamen aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.