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Neue Nationalzeitung · 1907-03-29 · Heft 16-17 (29.3.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 16-17 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 xNeue National-Zeltungr« Nr 16/17 nichtet, scheint den Herren Liberalen keine Gewissensskrupel zu bereiten, wenn nur das Mittel zum Zwecke führt. — Ohne irgendwie zu zaudern, schleuderten sie das.Schlagwort: „Der Jude muß massakriert werden" in die rohen Massen, und die Folge davon war: Plünderung. Brandlegung und Mißhandlung in der ganzen Walachei. Die Bewegung hat in raschen Wellen nicht nur das ganze flache Land ergriffen, sondern auch auf die Städte und Märkte, die zwischen Bessarabien und Bukowina eingekeilt sind, und von einer dichten jüdischen Bevölkerung bewohnt sind, ihre Fangarme ausgedehnt. Mit den grauenerregenden Grausamkeiten in Tärgu-Frumos war das Signal zu den Pogroms gegeben, die sich mit reißender Schnelligkeit in andere Städte fortpflanzten, ohne daß eine Beruhigung bis jetzt eingetreten wäre. Sogar J a s s y. die Hauptstadt der Walachei ist von 30.000 Bauern zerniert. Man spricht davon, daß Prinz C a 1 i m a c h, Schüler des berüchtigten Herrn Jorga und Ehrenmitglied des akademischen Vereines „Solidaritatea" Führer dieser Bewegung ist, und die Bauern in giftigen Hetzreden auffordert, nicht eher von der Belagerung Jassys zu lassen, als bis sämtliche Juden Jassy verlassen hätten. In der alten Hauptstadt wimmelt es jetzt von Militärtruppen, die Jassy an allen Enden und Ecken okkupiert halten, und keinem Bauer den Eintritt in die Stadt gestatten. Die schrecklichsten Verwüstungen haben die Bauern in Botuschani angerichtet. Das ist wohl das unstreitbare Verdienst des berüchtigten Präfekten Vasescu — eines Judenfressers non plus ultra. — Die Botuschanier City gleicht einem Trümmerhaufen — und Herr Vasescus erfreut sich noch immer seiner Präfekten-Würde!.. .*) Das Städtchen B u c e c c a wurde devastiert, wobei eine Menge von Juden mißhandelt wurde. Kein jüdisches Haus, kein jüdischer Geschäftsladen blieb übrig, in welchem nicht die Scheiben eingeschlagen, und die Waren geplündert worden wäre. Auch die jüdische Synagoge wurde devastiert, die Tho rar ollen auf die Erde geworfen und in schändlichster Weise entehrt. Einige Juden erlitten solche Verletzungen, daß sie ins Spital geschafft werden mußten. Selbst Kinder wurden mißhandelt. Der Schaden, der durch die Devastierung verursacht wurde ist sehr groß, und das Städtchen bietet einen schrecklichen Eindruck dar. Im Grenzstädtchen Burdujeni begannen die Ausschreitungen um 10 Uhr vormittags und dauerten ununterbrochen bis in die späte Abendstunde. In verschiedenen von Juden gehaltenen Wirtshäusern wurden alle Getränke ausgeschüttet und die Gastwirte davongejagt. Unter den Juden des Städtchens herrschte große Panik. Sie schlössen schleunigst die Geschäfte und viele von ihnen hatten sich aus Furcht teils auf den Dachböden, teils in den Kellern ihrer Häuser versteckt. Die übrigen Juden Burdujenis flüchteten sich auf österreichisches Gebiet, nach Itzkany und Suczawa, wohin sie die Nachricht vom Vorgefallenen brachten. Im einzigen Distrikte Dorohoiu sind Ausschreitungen — bloß in den Dorfgemeinden vorgekommen, während die Städte durchwegs verschont geblieben sind. Vollster Dank und Anerkennung gebührt dem Prätekten Herrn Miele scu, der die Behörden des Distrikts in einem Rundschreiben aufgefordert hat, strenge Maßregeln zu ergreifen, um die Bauern vom Eindringen in die Städte abzuhalten. Militärtruppen, Infanterie und Kavallerie, wurden überall hin entsendet, um die Ruhe — uuter allen Umständen — aufrecht zu erhalten. Im Dorfe Päriu-Negru drangen mehrere mit Heugabeln bewaffnete Bauern in die Wohnung des Guts- *) Er wurde inzwischen vom neuen Ministerium abgesetzt. (Anmerkung der Redaktion). Pächters F r o i m Fischer, wo sie alles zerstörten, was ihnen in den Weg kam, und großen Schaden anrichteten. Fischer samt Familie retteten ihr Leben durch schleunige Flucht. Die Bauern waren mit Wagen gekommen, luden die geraubten Gegenstände, Wertobjekte, Eiü richtungsgegenstände etc. auf, führten sie ruhig nach Hause, so, als ob alles rechtmäßig erworben worden wäre. Die anwesenden 2 Gendarmen sahen den Vorgängen ganz ruhig zu, so daß die Bauern unbehindert ihr Zerstörungswerk fortsetzen und vollenden konnten. Mißglückter Ansturm auf Mihaleni. Donnerstag, den 21. März um 9 Uhr vormittags wurde auch die Grenzstadt Mihaleni durch Allarmsignale aufgeschreckt. Eine große Anzahl Bauern - etwa 1000 an der Zahl — zogen aus den Dörfern Verf u- Campului, Zvoristca, Gramest.i und Talpa auf verschiedenen Wegen in die Richtung nach Mihaleni. In Chindesti, einem Dorfe, das 6 km von der Stadt entfernt liegt, vereinigten sie sich, um in geschlossener Masse den Weg nach Mihaleni fortzusetzen. Angesichts dieser drohenden Gefahr herrschte bei den jüdischen Einwohnern eine furchtbare Panik. — Hunderte von Personen — namentlich Frauen, Greise und Kinder — verließen die heimatliche Scholle und flüchteten sich über die österreichische Grenze nach Untersynoutz und Sereth. Das österreichische Zollamt in Untersynoutz hatte militärischen Schutz erbeten. Es wimmelte von Flüchtlingen aus M i h a 1 e n i, die alle händeringend und weinend umhergehen. Der Bezirkshauptmann von Sereth, Herr Bohosiewicz, ist in Synoutz eingetroffen, und hat in besonders anerkennenswerter Weise für die Verpflegung der armen Flüchtlinge Sorge getragen. In Mihaleni herrschte große Panik, die wenigen Männer und Jünglinge, die zurückgeblieben waren, bildeten eine Selb st wehr, nahmen vor ihren geschlossenen Häusern Aufstellung, um ihr im Schweiße des Angesichts erworbenes Eigentum bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Um 11 Uhr waren die Hooligans an der Barriere angelangt und machten Anstalten, in die Stadt mit Gewalt einzudringen. Das an der Barriere postierte 4. Roschiorenregiment versuchte die Bauern auseinander zu treiben, allein diese setzten sich energisch zur Wehr, bewaffneten sich mit Knütteln und Steinen, mit denen sie gegen die Soldaten loszogen. Ein starkes Aufgebot des 29. Infanterieregiments rückte in Sturmschritten zur Verstärkung heran, und es kam zu einem verzweifelten Kampfe zwischen Militär und den Bauern, wobei drei Salven abgefeuert wurden. Infolge derselben wurden zwei Hooligans getötet und 14 Verwundete mußten ins Spital transportiert werden. Die übrigen flohen ungestüm davon. Mit Sonnenuntergang kehrten die Truppen in die Stadt zurück und nach kaum drei Stunden wurde über Mihaleni der Belagerungszustand verhängt .... Verstärkte Militärpatrouillen durchziehen die Straßen, die ganz menschenleer sind. Tagszuvor ereignete sich ein unerhörter Fall, der geeignet, war Furcht und Besorgnis in den Gemütern der jüdischen Bevölkerung hervorzurufen: Der Vizepräsident der jüdischen Kultusgemeinde hatte an den König und an den Ministerpräsidenten Telegramme abgefaßt - - allein der Postchef verweigerte ohne jede Begründung deren Annahme! ... Das Telegramm an Se. Majestät den König hatte folgenden Wortlaut: „Majestät! In tiefstem Jammer und namenloser Panik kommen wir, um die Gnade Ew. Majestät für die Sicherheit unseres Lebens anzuflehen." Das Telegramm an den Ministerpräsidenten lautete: „Exzellenz! Eine mehr hundertköpfige Bande von Devastatoren sind auf dem Wege in unsere Stadt einzudringen.

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