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Neue Nationalzeitung · 1907-03-29 · Heft 16-17 (29.3.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 16-17 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16/17 -Neue Nktional-Zeltung« Seite 5 noch dermalen eingeführten Toleranz-System auch den letztren die Gnade der persönlichen Verpflichtung angedeihen zu lassen, allermildest geneigt sein dürfte, so hängt es von der Allerhöchsten Willensmeinung ab, ob diese nicht nach der in der Gerichtsordnung eingeführten neuen Forme], welche auch bei der Huldigung in Galizien gebraucht worden ist, zu verpflichten, und bei den katholischen die gewöhnliche alte beizubehalten oder auch für alle geheime Rathe ohne Unterschied der Religion die neue allen anpassende Formel einzuführen sey, worüber den Allerhöchsten Ausspruch alleruntertänigst mir auszubitten die Gnade habe Darauf schrieb Kaiser Joseph II. Ich beghnemige die anehmung der neuen Formel Kaunitz-Ristberg,m.p. Josef, m. p. Wien, 4. Dezember 1781. Die Nachfolger Kaiser Josefs II. haben sich alle aucli daran gehalten. Die Eidesformel hat im Laufe der Jahre mehrfache, durch die staatsrechtlichen Aenderungen nötwendig gewordenen Aenderungen über sich ergehen lassen; die sakramentalen Worte sind seit Kaiser Josef II. unverändert geblieben. Der Ernennung eines Juden zum Geheimrate stünde also heute nichts im Wege. Allein es besteht eine andere Schwierigkeit. Der Geheimrat gehört zu jenen Funktionären, die vor dem Kaiser schwören. Ein Jude müßte schwören auf die Thora, vor dem Kaiser, bedeckten Hauptes. Während der bald sechzigjährigen Regierung hat vor dem Kaiser noch niemand auf die Thora geschworen. Ich lasse hier die Eidesformel folgen, wie sie heute von einem Hofrat bei der Beeidigung vorgelesen wird. Die Formel des Geheimen Rats-Eides. „Sie werden einen Eid zu Gott dem Allmächtigen schwören, und bei Ihrer Ehre und Treue geloben, dem Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Franz Josef dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich, König von Böhmen usw. und apostolischen König von Ungarn, unserem Allergnädigsten Herrn - getreu, gehorsam und gewärtig zu sein, Seiner kais. und königl. Apostolischen Majestät Ehre, Nutzen und Frommen zu betrachten und zu befördern, Nachteil und Schaden aber nach Ihrem besten Vermögen abzuwenden und davor zu warnen. Und nachdem Seine Majestät Sie zum Allerhöchstdero Geheimen Rate ernannt und autgenommen haben, so werden Sie Ihr schuldiges Aufschau auf Allerhöchstderoselben Dienst tragen, die Geheimnisse, die von Seiner Majestät oder jemand anderem von Allerhöchstderselben wegen, Ihnen anvertraut werden, oder sonst an Sie gelangen mögen, bis in Ihr Grab verschwiegen halten, auch in Allem, es betreffe das Gemeinwesen oder Seiner Majestät oder Allerhöchstdero Königreiche und Erbländer Interesse. Vorrechte, Ehre, Nutzen und Dienste, Gesetze und Ordnungen, oder die Justiz und andez-e Sachen, allein Jenes was recht und billig ist, ehrbar, aufrichtig und ohne Nebenabsicht raten, und dabei weder auf Freundschaft, Gunst oder Schenkungen sehen, sondern alles tun und leisten, was einem geheimen Rate Seiner kais. und kön. Apostolischen Majestät, bei Ehren und Eidespflichten gebühret, und Sie als solcher es zu^tun schuldig sind. Alles getreu und ohne Gefährde." Es folgen nun die sakramentalen Worte, die der k. u. k. Oberstkämmerer vorliest und die der Schwörende wiederholt: „Wie mir anjetzo vorgehalten worden und ich in Allem wohl und deutlich verstanden, demselben soll und will ich getreu und fleißig nachkommen, so wahr mir Gott helfe." Wenn also ein Jude in Oesterreich nicht Geheimrat wird, wenn er es auch werden kann, so hat dies seinen Grund in den Gesetzen und Eidesformeln, die nicht — geschrieben sind und die nicht — geschworen werden. Die Judenverfolgungen in Rumänien.*) (Von unserem Spezialberiehterstatter). J a s s y, den 24. März. Nicht nur im Zarenreiche finden Pogroms statt. Auch Rumänien, der „Kulturstaat" am Balkan ist nunmehr für alle ewige Zeiten von diesem Schandfleck gebrandmarkt. In der ganzen oberen Moldau haben sich furchtbare, die Zivilisation beschämende Vorgänge ereignet — der rumänische Mob wütet, brennt und plündert ganz ebenso wie die russischen „Schwarzen Hundert". Es dar! nicht verschwiegen werden, daß es sich um eine heftige antisemitische Strömung handelt, die sich in ruchloser Weise in Form einer Bauernrevolte Luft machen soll. Diese Bewegung ist ziemlich jungen Datums. Vor mehreren Wochen traten die Bauern in den Distrikten Botoschani, Dorohoj und Jassy an die Gutspächter mit der Forderung heran, den Pachtschilling, der in den mit ihnen abgeschlossenen Verträgen auf x Jahre festgesetzt war, zu reduzieren, obwohl der Grundpreis in den letzten Jahren bis aufs vierfache gestiegen und auch heute noch im Steigen begriffen ist. Die Gutspächter — durchwegs Juden — merkten sofort, daß sie einer gewissenlosen Agitation und rücksichtslosen Hetze gegenüberstehen, lehnten insgesamt diese maßlosen Forderungen ab, zumal sie dieselben nicht als Ausfluß agrarischer Not ansehen konnten. In dem Momente brachen die Bauernunruhen aus, die immer größere Dimmensionen annahmen und schließlich in große Exzesse gegen Juden ausarteten. — Viele Anzeichen sprechen dafür, daß auch die liberale Partei ihre Hand im Spiele habe. Der bekannte „Antrag Dissescu", der die Konservativen, die derzeit am Ruder sind, in eine höchst kritische Situation brachte, ist wider Erwarten zu gunsten der Konservativen erledigt worden, ja die Majorität des Parlamentes hat ihnen sogar das Vertrauen votiert. Nun suchten die Liberalen andere Mittel und Wege zu finden, um den Konservativen arge Verlegenheit zu bereiten und sie zu zwingen aus dem Amte zu scheiden und die Zügel der Regierung — ihnen zu überlassen. Judenhetzen schienen ihnen das geeignetste Mittel, um die Konservativen aus dem Sattel zu heben. Daß indeß der Mob Verwüstungen anrichtet, Hab und Gut ver- *) Unser Spezialberiehterstatter mag es uns nicht verübeln, daß wir tlen von ihm vorgesetzten Titel „Bauernunraben in der Moldau" uns zu ändern erlaubt haben. Mögen auch die rumänische Regierung und einzelne im Solde derselben stehende Wiener Tagblätter nur von einer „Agrarbewegnng * sprechen, am jetzt, wo Rumänien vom eutopäischen Geldmarkte ein Millionen-Anlehen dringend benötigt, das Schandmal der bestialischen Judeu-Maaacres vom rumänischen halbasiatischen Staatswesen wegzuwischen — so ist es doch Tatsache, daß die Bauern unter stillschweigender Duldung der rumänischen Regierung, von der Presse den Universitätsprofessoren und der Studentenschaft gegen die Jaden aufgehetzt wurden, sowie daß sich die Plünderungen und h'aubznge eine Zeit lang der wohlwollenden Passivität der Präfekten und der Militärkommandanten zu erfreuen hatten. Allerdings blieben jetzt die besoffenen Bauernbanden nicht bei den jüdischen Pächtern stehen, sondern schenkten auch den griechischen Pächtern und rumänischen Großgrundbesitzern ihre unerwünschte Aufmerksamkeit. Mit diesem Moment erst ergab sich für König Karol die Notwendigkeit eines Regimewechsels. (Anm. d. Red)

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