Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 16-17 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 Neue Natlonal-Zeltung« Seite 3 Galizien bereist, wird von manchem jüdischen Droschkenbesitzer, der ihn von der Bahn nach dem Städtchen führt, hören, daß er seine und seiner Familie Existenz der Baronin Hirsch verdanke: das Pferd, das ihn ernährte, sei ihm zugrunde gegangen, und die Baronin habe ihm die Mittel gegeben, sich ein anderes anzuschaffen; einem andern wurde der Wagen unbrauchbar, und die Baronin ermöglichte es ihm, sich einen neuen anzuschaffen u. s. w. Ich erwähne diese Kleinarbeit im Vorbeigehen nur deshalb, um zu zeigen, wie diese wackere Frau überall zu helfen bereit war und daß sie über dem Großen das Kleine nicht übersah. In Galizien weiß man, wie viele tausende und aber taufende von Gulden sie an die dortigen Abbrändler alljährlich verteilen ließ! Und ihre Losung war: rasch helfen! Bis dat qui cito dat! Man erinnert sich noch der schweren Kalamität, von der die jüdischen Grubenarbeiter in Boryslaw (1896) betroffen wurden, die sie brotlos werden ließ. Es handelte sich nun darum, vielen Hunderten dieser infolge einer bergbehördliehen Maßregel mit ihren zahlreichen Familien dem Hunger preisgegebenen Arbeitern über die Not des Augenblicks hinwegzuhelfen, ihnen die Mittel zur Erhaltung ihrer Familien und die Möglichkeit zu bieten, sich auswärts ihr Brot zu suchen. Ich schilderte der Frau Baronin die Situation und sie bewilligte ohne Verzug 20.000 fl. (zwauzigtausend Gulden) zur sofortigen Verteilung an die Notleidenden von Boryslaw. Ich befand mich damals auf Schloß Eichhorn bei Brünn und arbeitete mit ihr den ganzen Tag. Es gab da nämlich viel zu ordnen und zu besprechen, zunächst betreffs Subventionierung verschiedenster humanitärer Institutionen in Mähren. Am Abend wollte ich mich verabschieden. Sie bat mich, bis zum folgenden Tag zu bleiben, da noch manches zu besprechen wäre. Ich erwiderte: „Wenn ich noch einen Tag hier verweile, dann müssen die Hungernden in Boryslaw einen Tag länger auf Hilfe warten.-' Darauf fiel sie mir rasch ins Wort: „Gut, dann reisen Sie, und kommen sie bald wieder hieher zurück." Noch dieselbe Nacht reiste ich nach Boryslaw. Eiue ganz geringfügige Episode mag hier Platz finden, die, so unbedeutend sie an sich, doch zeigen wird, wie diese Frau bei der übergroßen Fülle philanthropischer Aufgaben, die sie auf sich genommen, auch an die kleinste Kleinigkeit nicht vergaß. Sie hatte mir, von Paris nach Eichhorn kommend als Zeichen ihrer Aufmerksamkeit ein sinniges Anhängsel für die Uhrkette gebracht und es mit eigenen Händen mir angeheftet, weshalb es mir so kostbar war. In Boryslaw aber, wo ich die wegen des großen Andrangs unsagbar schwer durchzuführende Geldverteilung des dortigen Hilfskomitees zu leiten hatte, gab es ein hartes Stück Arbeit. Das Gehäuse, in welchem das Hilfskomitee seines Amtes waltete, war ringsum von unübersehbaren Massen Unterstützungsbedürftiger belagert. Sie waren alle aus der ganzen weiten Umgebung herbeigeströmt. Bis tief in die Nacht wurde gearbeitet, aber der Belagerer wurden immer mehr und des Stoßens, Drängens und Schreiens war kein Ende. Endlich waren wir alle — nämlich die Belagerten — erschöpft und wollten für heute schließen. Aber die Menge draußen wurde bedrohlich. Ich begab mich hinaus. um sie zu beruhigen und sie zu versichern, daß die Verteilung am andern Morgen mit dem Frühesten wieder aufgenommen werden würde. Ich geriet in ein starkes Gedränge, das mir schier den Atem benahm — und im nächsten Augenblick war ein Stück meiner Uhrkette mitsamt dem daran geheftet gewesenen Anhängsel verschwunden. Als die Massen endlich nach vielem begütigen* den Zureden den Platz geräumt hatten, wurde dieser lange Zeit hindurch bei Lampen- und Kerzenlicht abgesucht. Doch vergebens. Man kennt den Boryslawer Kot, dort liegt es vergraben und wird vermutlich bis zum jüngsten Tag dort liegen. Nach Eichhorn zurückgekehrt, berichtete ich der Baronin über die Resultate meiner Mission, vergaß aber nicht des schmerzlichen Verlustes zu gedenken, den ich bei dieser Gelegenheit erlitten. Sie lächelte und meinte halb scherzend, ich solle mir nichts daraus machen, sie werde mir von Paris aus ein anderes Anhängsel schicken. Wochen waren seitdem vergangen. Ich hatte im Drange der Geschäfte halb und halb bereits an dieses Gespräch vergessen, da kam aus Paris ein kleines Schächtelchen, und darin lag das seinerzeit in der Flucht des Augenblicks angedeutete Anhängsel. Freilich die Hauptsache fehlte : die gütige Hand, die das erste mir anheftete. Und so liegt es seitdem in der Schublade. Sie war ungemein leutselig und bei ihrer Würde und Höhe von rührender Einfachheit und von einer an Demut grenzenden Bescheidenheit, wie sie nur wahrhaft großen und edlen Naturen eignet. — Leidend und ruhebedürftig schickt sie sich im September 1896 an, die einsame und stille Höhe auf Schloß Eichhorn aufzusuchen. Ihre Absicht wird ruchbar und allerorts rüsten sich die großen und kleinen Vertreter humanitärer Institutionen, um bei ihr Zutritt zu erlangen. Sie erfährt davon und läßt mir durch ihren Sekretär schreiben, ich solle jedermann gegenüber, wer er auch immer sein mag, in ihrem Namen erklären, daß sie absolut niemand empfangen könne: ausnahmslos niemand, es wäre denn, wenn sie selber zu sich lade. Da kommen die drei Inspektoren der Baron Hirsch- Schulen in Stiftungsangelegenheiten nach Wien. Sie hören, daß ich nach Eichhorn zur Baronin geladen bin und bitten flehentlich, mitgenommen und der Baronin vorgestellt zu werden, um ihr persönlich für die hochherzige und unvergeßliche Förderung der Stiftungszwecke und die großen, durch Schaffung eines Pensionsfonds und andere Widmungen den Lehrern erwiesenen Wohltaten den innigsten Dank derselben ausdrücken zu können. Es werde dies die schönste und erhebendste Erinnerung in ihrem Leben sein. Es fällt mir schwer, diesen Leuten, die es so aufrichtig meinen, ihre Bitte abzuschlagen und ich nehme sie auts Geratewohl mit. In der Nähe des Schloßparks setze ich sie ab und verabrede mit ihnen, in dem unweit gelegenen Gasthausgarten weitere Weisungen abzuwarten. Der mir zur Begrüßung entgegen kommende Sekretär der Baronin bittet mich, sobald ich ihm von meiner Begleitung Mitteilung mache, inständig, der Baronin gegenüber keine Erwähnung davon zu tun, da niemand, der nicht von der Baronin gerufen, empfangen wrerde.