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Neue Nationalzeitung · 1907-03-29 · Heft 16-17 (29.3.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 16-17 (29.3.1907)
Date
1907-03-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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■Seite 2 >Neue National-Zeitung« Nr. 16/17 diesem Vertrage übernommene Verpflichtung, die staatsbürgerlichen Rechte nicht von der Konfession abhängig zu machen, seit Jahrzehnten verhöhnte. In Marokko wurde ein französischer Untertan ermordet und Frankreich schritt sofort mit Waffengewalt ein, um Genugtuung zu erlangen. In Rumänien wurden österreichische Untertanen mißhandelt und beraubt. Hat unser Minister des Auswärtigen, Herr von Aehrenthal, außer einer brieflichen Reklamation an Rumänien welche ernstliche Vorstellungen erhoben? Kümmert sich auch sonst ein einziger Staatsmann in ganz Europa überhaupt um die furchtbaren Greuel, die täglich in jenem Lande begangen werden? Demnächst wird Rumänien mit einer Anleihe an den Geldmarkt herantreten. Werden sich auch da wieder jüdische Finanzgrößen nach bekanntem Muster beeilen, diese Anleihe abzuschließen? Im Vergleiche zu Rußland und Rumänien ist die Lage der Juden in den Kulturländern freilich eine beneidenswerte, aber stündlich kann die Nachricht eintreffen, daß die Judenverfolgungen auf österreichisches Gebiet, auf die Bukowina und Galizien übergreifen. Der Boden für die blutige Saat ist von Ernst Schneider und seinen Anhängern seit Jahren gedüngt worden. Eine verruchte antisemitische Presse fordert täglich ungestraft zur Verfolgung und Unterdrückung der Juden auf. Auf dem Papier sind wir in Oesterreich den anderen Staatsbürgern gleichgestellt. In Wirklichkeit werden wir als Bürger zweiter Klasse behandelt und zurückgesetzt. Die bevorstehenden Reichsratswahlen sollten das Stammesbewußtsein der österreichischen Juden aufrütteln. Wir müssen alle Kraft aufbieten, um in das neue Haus Männer zu bringen, die mit Begeisterung und Unerschrockenheit für die wirkliche Gleichberechtigung der Juden eintreten, die jeden Angriff auf unser Volk und unseren Glauben energisch zurückweisen, jede ungesetzliche Beeinträchtigung jüdischer Bürger öffentlich brandmarken würden. In ernster Stimmung gehen wir diesmal dem Feste entgegen, das uns an die Befreiung unserer Väter aus dem Pharaonenlande erinnert. Unsere freudige Erinnerung an eine ferne Vergangenheit wird getrübt durch den Ausblick auf eine düstere Gegenwart. Das Rote Meer, durch das unsere russischen und rumänischen Glaubensgenossen ziehen, ist ein Meer von Blut. ... Wo ist der Weg, der zu ihrer Befreiung führt? . . . R. W, M. FRIEDLÄXDER: Baronin Clara v. Uirsch-Gereuth. (Ein GcdeiikMaM.) Man spricht wohl ab und zu vom Baron Hirsch und von seinen philantropischen Schöpfungen, die freilich noch lange nicht nach Gebühr gewürdigt sind; aber von der Seele dieser Schöpfungen, von der Baronin Clara von Hirsch, ist niemals die Rede. Verdankt sie wohl dieses völlige Stillschweigen über ihre Person dem Umstände, daß sie „die beste Frau" war, „von der man nicht spricht"? Es ist wahr, sie ist niemals und nirgends öffentlich hervorgetreten, es war ihr peinlich, von sich reden zu machen, ihren vornehmen Geist, ihr edles, tief fühlendes Herz verlangte es nicht nach Dank und Anerkennung; sie fand die größte Befriedigung im wohltätigen geräuschlosen Wirken, und sie war selig, wenn sie den Samen, den sie im Verborgenen ausgestreut, in die Halme schießen sah; aber sie wollte unerkannt im Hinteigrund bleiben. Sie erschrak förmlich, wenn ihr lautes Lob gespendet wurde; sie scheute es als einen Mehltau, der sich ungerufen auf die heilige Saat ihres Wohltuns, wozu sie sich verpflichtet und mächtig gedrängt fühlte, legte. Sie vermied es ängstlich, Gegenstand der Beobachtung zu werden und man schwieg über sie. Sie war die Seele, die große und tief empfängliche Seele der humanitären Schöpfungen ihres scharfblickenden und weitausschauenden Gatten. Sie bestärkte ihn in seinen noblen Absichten, belebte seine philan tropischen Ideen mit der Wärme ihres Herzens und war rastlos im Streben, die Verwirklichung herbeizuführen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie etwa vor einem Vierteljahrhundert eines Tages Herr Eduard R. v. Wiener*), ein Verwandter des Baron Hirsch, von einem Besuch bei diesem auf Schloß St. Johann a. M. kommend, strahlenden Angesichts bei mir eintrat mit dem Ausruf: „Wir haben einen Haupttreffer gemacht! Baron Hirsch will Millionen zur Hebung des geistigen und materiellen Niveaus der jüdisch-galizisehen Bevölkerung widmen! Bei meinem Besuche auf Schloß St. Johann fand ich den Baron und die Baronin bei der Lektüre Ihrer Schilderungen der galizischen Verhältnisse, der Baronin rannen die Tränen von den Wangen und sie rief einüber das andermal aus: Hier muß etwas, und zwar bald geschehen!" Nun, es geschah auch in Wirklichkeit etwas, und gar nicht lange darauf. Nach dem Hinscheiden des Baron Hirsch, im Frühjahr 1896, von welcher Zeit ab sie die philanthropischen Aktionen in die eigene Hand nahm, trat ich in unmittelbaren brieflichen und persönlichen Verkehr mit ihr, der bis zu ihrem seligen Ende aufrecht erhalten blieb. Es war ein ungemein anregendes und erhebendes Arbeiten unter der Aegide dieser merkwürdigen Frau, die für nichts auf der Welt als für Werke der Menschenliebe r Sinn und Zeit zu haben schien. Sie verfolgte mit gespanntester Aufmerksamkeit und imgeschwächtem Interesse die Entwicklung der bereits im Aufblühen begriffenen Baron Hirsch'schen Institutionen, überall tatkräftig nachhelfend, überall vorhandene Lücken ausfüllend, Mängel verbessernd, keine noch so großen Opfer scheuend, wo es galt, sie zu heben und dauernd zu befestigen. Sie schuf in großherzigster Weise einen Pensionsfond für die hunderte von Lehrern der Baron Hirschschulen und für die Beamten, der früher nicht bestand, und widmete ihm nahezu eine halbe Million. — Die Schulen waren in sehr vielen Orten aus Mangel an vorhandenen geeigneten Schulhäusern schlecht untergebracht, und sie ließ prächtige, den betreffenden Ortschaften zur Zierde gereichende Schulgebäude aufführen, die Hunderttausende verschlangen. Alle notleidenden und auch nicht notleidende Vereine, Gemeinden u. s. w. wandten sich an sie mit Petitionen; turmhoch lagen letztere vor ihr, sie las sie alle, ließ sich beraten und half. Und erst die Armen und Elenden, die Schwerbeladenen und Bedrückten-, sie alle bestürmten sie mit Klagen und Bitten. Die Gesuche waren zahllos; tut nichts, ihre Beamten müssen sie lesen und sichten, und wo nur irgend ein berücksichtigungswerter Fall vorzuliegen scheint, da muß recheriert, und wenn würdig, geholfen werden. Ich wüßte was davon zu erzählen; denn die meisten dieser Gesuche mußte ich im Schweiße meines Angesichts durchlesen und meine Vorschläge erstatten. Ich weiß aber auch, wie viele tausende verlorene Existenzen da in tiefster Stille gerettet, wie viele Familien dem Verderben entrissen wurden! Es gibt Avohl keinen, größeren Ort. auch keinen weltvergessenen Winkel in Galizien, wo nicht die helfende und rettende Hand der Baronin dankerfüllt verspürt wurde. Wer heute noch nur einmal *) Mitglied des Vorstandes der „Israelitischen Allianz* zu Wien.

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