Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 16-17 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nftjg NTONÄL-ZggJNG IX. JAHRGANG. WIEN, 29. MÄRZ 1907. No. 16|17. Zum Passahfeste. In einem Roman von Oskar Wilde findet sich der Ausspruch,, daß es den Schmerz eines Menschen lindert, wenn er sich daran gewöhnt, ein Zuschauer seines eigenen Lebens zu sein. Die objektive Betrachtung" des eigenen Leidens — das ist wohl der Sinn dieses geistvollen Paradoxons, das der englische Dichter einer seiner Personen in den Mund legt — gewährt die größere Möglichkeit, es zu ertragen. Wir sollen unser eigenes Sein aus einem Gesichtspunkte betrachten, der gewissermaßen außerhalb unserer selbst liegt, um uns darüber zu erheben und zu einer höheren Auffassung zu gelangen. Wir Juden befinden uns seit jeher in der Zwangslage, Zuschauer unseres eigenen Lebens zu sein. Wie Archimedes einen Punkt außerhalb der Erde brauch! e, um diese aus den Angeln zu heben, so müssen wir Juden einen ähnlichen Stützpunkt suchen, um die Bedrängnisse, die auf uns einstürmen, als objektive Zuschauer unseres eigenen Lebens zu betrachten. In dieser Stimmung, von Wehmut und Resignation erfüllt, mit geringen Hoffnungen auf bessere Zeiten und doch kampfesmutig und entschlossen gegen unsere Bedränger und Feinde, gehen wir diesmal dem Passahfeste entgegen, dem Feste unserer Befreiung aus dem ägyptischen Sklavenjoch. Sklaven waren wir einst des Pharao in Mizrajim, so heißt es in der Hagadah. Sklaven waren wir in Aegypten und Sklaven sind auch unsere Stammes- und Glaubensgenossen im Reiche des Zaren. In dem klassischen Lande des Despotismus und der Reaktion, wo das ganze Volk aus einer rechtlosen, aller Willkür preisgegebenen Masse besteht, teilen die Juden nicht bloß das Schicksal der anderen Untertanen, sondern sind überdies das Opfer von Ausnahmsmaßregeln, die sie ihrer speziellen Eigenschaft als Juden danken. Ihre staatsbürgerlichen Rechte sind noch viel mehr eingeengt als die jedes anderen Russen, ihre Freizügigkeit, ihre Berufswahl, ihre Erwerbsmöglichkeit sind einem Komplex raffinierter Unterdrückungs- und Beschränkungsmaßregeln unterworfen. Ihres Lebens und ihres Eigentums sind sie keinen Augenblick sicher. Die Pogroms mit allen ihren Schrecken und Greueltaten haben der zivilisierten Welt die Augen darüber geöffnet, wie es mit dem Schicksal der russischen Juden bestellt ist. Sie teilen das Sklavenjoch aller übrigen russischen LTntertaneo. LTnd doch schützt sie das gleiche Schicksal nicht vor dem Hasse und der Verfolgung ihrer Leidensgenossen. Künstlich wird der Haß gegen die Juden geschürt, Mord und Plünderung, an Juden begangen, gelten als straflos und glücklich sind noch diejenigen zu preisen, denen es gelingt, dem Kosakenreiche den Rücken zu kehren und in der P'remde eine neue Existenz zu suchen. Sklaven waren wir in Aegypten und Sklaven sind wir in Rumänien, welches sich die Errungenschaft der russischen Progroms zu eigen gemacht hat. Mord und Brandstiftung, Raub und Plünderung werden vor den Augen des Militärs an Juden verübt. Untätig sehen rumänische Offiziere und Truppen zu, wie fanatische Bauernhorden über wehrlose Juden herfallen, ihre Heimstätten in Brand stecken, ihr Hab und Gut rauben, Frauen und Greise niedermetzeln. Man lese nur den Bericht jenes Majors, der selbst erzählt, er habe wiederholt auf die Plünderer blinde Salven abgeben lassen, wie sie die Truppen zurückdrängten und dann über die Wohnungen und Läden der Juden herfielen. Die rumänischen Greueltaten hatten einen Ministerwechsel zur Folge. Wird aber unter dem neuen Ministerium die Rechtlosigkeit der Juden in bürgerliche Gleichberechtigung umgewandelt, wird der Judenhaß, der seit Jahrzehnten systematisch von oben her genährt und gesteigert wird, verschwinden *? Waren es nicht vielmehr auch die Mitglieder der jetzigen Regierung, denen die Judenverfolgungen ein stets bereit gehaltenes Requisit im politischen Kampfe waren? Keine Hand in Europa rührt sich zum Schutze der am Leben und Eigentum bedrohten rumänischen Juden. Wo sind die Signatarmächte des Berliner Vertrages? Sie dulden es stillschweigend, daß Rumänien die in Wegen der Feiertage erscheint die nächste Nummer am 12. April 1907.