Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 15 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 »Neue National-Zeitung< Seite 11 lEUiLLEtON RÜBEN BRAINDT: Rosa (Der Roman einer jüdischen Studentin.) (3 Fortsetzung.) Ich trat zum Ausgange. Die schöne Natur der Umgebung zog mich nicht mehr an. Alte Empfindungen, Liebesgelühle, die lange in meiner Brust geschlummert hatten, begannen, in mir von neuem zu erwachen. Aber ein volles Leben vermochten sie nicht mehr zu führen. Rosa erweckte in mir nicht nur Liebesempfindungen, sondern auch Mitleid. Ich schämte mich dieser Entdeckung. Mit eigenen Augen sah ich die Rosa von jetzt: Eine gebeugte Gestalt, halb welk, halb verbraucht. Aber im Geiste schaute ich die Studentin Rosa, die Schöne, die Reine, wie sie vor sechs Jahren gewesen. Im Geiste vergegenwärtigte ich mir die feinen Falten über ihren Augen, die Röte ihrer Wangen und ich fing jeden Blitz ihrer Augen auf, die noch schön waren und leuchteten, wenn auch nicht wie einst. Im Geiste suchte ich mir die Gestalt zu beleben, die jetzt so besudelt war, einen Abglanz jener Blüte und ihre feinen, schönen Linien. Ein hartes Ringen wogte jetzt in meiner Brust: Ein Ringen der Vorstellungen und des Sinnens einer alten Welt, die ich längst für tot hielt, die aber in meiner Seele Tiefen wohnte, wo sie während der letzten Jahre begraben war, mit der Liebe, die jetzt gewaltiger in mir erwachte, einer Liebe, die nichts von einem Beginne wußte, die nichts davon wissen, nicht zurückdenken wollte, keine Liebe von „gestern", sondern eine Liebe von „morgen". Ich verzieh Rosa die Folgen ihres Leichtsinnes und ich beschuldigte sie in einem Atemzuge, sie erschien meiner Phantasie zugleich niedrig und erhaben, ich glaubte an sie und mißtraute ihr zugleich; und meine Seele war trübe, zerrissen und wund. Ich liebe sie — Tik! Aber das Kind - und der Rumäne, sein Vater — Tak! Schön und rein ist sie — Tik! Aber der Fleck . . . Ihr Leichtsinn — Tak! Sie hat längst durch Reue gebüßt — Tik! Reue ist eine Schlaffheit der Seele — Tak! Also zitterte mein Herz wie ein Pendel zwischen zwei Enden. Tik — Tak, Tik — Tak! Kopf und Herz ringen, keiner bleibt Sieger. Während ich so in Gedanken über Rosas Leben versunken war, begann ich, mein eigenes Tun zu untersuchen: Hatte ich wirklich ein Hecht, Keuschheit, volle, unberührte Unschuld zu begehren? Habe ich nicht gefehlt? Habe ich wirklich alle Pflichten erfüllt, die mir gegen die künftige Generation erwachsen? Auch ich hatte möglicherweise Kinder, vielleicht nicht nur eines. Welch ein Unterschied zwischen mir und Rosa: — Jeden Tag brachte sie ein Opfer, Stunde für Stunde sühnte sie den Fehltritt, den sie einmal im Leichtsinn begangen hatte. Sie kannte wohl ihre Pflicht gegenüber dem Kind, um dessentwillen sie der ganzen Welt und ihren Wünschen entsagte. Ich aber kenne weder das Los noch die Größe des Schmerzes; ja, ich weiß gar nicht, ob sie leben. * * * Ich sitze in meiner Stube und blicke durch das Fenster. Traurige Empfindungen kommen über mich von dem Spiele der Wolken auf dem Himmel. Alles vergeht und verschwindet. Jedes Wesen ist nur für einen Augenblick, jedes Wesen existiert eigentlich nur in der schauenden Phantasie. An Stelle der einfachen, schönen Empfindungen, an Stelle des sanften, friedlichen Geistes den die Natur über mich in den ersten Wochen ausgegossen, trat die entsetzliche Philosophie, kamen die Gewissensbisse, pochten mit ihrem spitzen Schnabel an alle Wände meiner Seele und jedes Samenkorn des Frohsinns und Friedens, das noch aus den Kinder- und Jugendjahren geblieben, aus den Tagen der Unschuld und Reinheit, ward ihnen zur Beute. Der Gedankenfaden, den ich einmal zu spinnen begonnen hatte, dehnte sich weit und umstrickte mich. Plötzlich ward ich unterbrochen: Rosa trat aufgeregt und stürmisch in mein Zimmer. Als Rosa eintrat, drehte sich eben der Spinnrocken meiner dürren Gedanken um eine Spindel, die in einem tief verborgenen Winkel meiner Seele sich befand. Und eben waren diese Gedanken von einem Phantasiezauber eingefaßt und mit Gefühlsfäden verwoben, die in hellen Farben erglänzten und Rosas Gestalt mit einer Fülle von Schönheit und Anmut umgaben. Die ersten Minuten vermochte ich von ihr kein Wort herauszubekommen. Als sich der Sturm ihrer Gefühle ein wenig gelegt hatte, sagte sie laut: „Helfen Sie mir, Beweinensweiten! Soeben erhielt ich ein Tele gramm von meiner Mutter, daß sie heute abends zu Besuche zu mir kommt. Was tun? . . . Was tan? . . . Raten Sie . . ." Rosas Gesicht war bleich wie Kalk, ihre Stimme bebte und schien wie verdorrt. Schwer war es mir, ihre Verwirrung zu meistern, und ich fragte sie: — Müssen Sie sich nicht freuen, daß Ihre Mutter kommt, die Sie so lieben? . . . — Aber was soll ich mit dem Kinde tun? . . . Was wird mit dem Kinde geschehen? . . . Wo soll ich es verbergen? ... Sie weiß von nichts ... Sie meint, daß ich noch eine Jungfrau bin . . . Was und wie sage ich es ihr? - Sie ist krank und alt, wenn sie plötzlich erfährt, daß ich Mutter bin, und wer der Vater des Kindes, wenn sie erfährt, wie, auf welche Art ich Mutter wurde, dann stirbt sie gewiß an der Kunde . .. Nein, sie darf nichts erfahren . . . Was tun . . . Auch ich wußte im ersten Momente keinen Rat und war selbst ganz niedergeschlagen . . . — Sie darf nichts erfahren. Sie ist krank, kaum hält sie sich noch . . . Wenn ich ihr Leben verkürzte, wenn ich selbst sie des Restes ihrer Tage beraubte ... Ach, was tun . . . Das Kind muß, wenn es auch jetzt gesund wird, zart gepflegt, bewacht und gut genährt werden; es ist noch schwach . . . Da kam mir ein Vorschlag in den Sinn: — Fassen Sie sich, beruhigte ich Rosa ich weiß einen Rat . . . Und was raten Sie? Hilfe, Rettung ist schleunigst vonnöten, sofort ... Sie kommt sehr bald . . . — Geben Sie mir Ihr Kind, ich will es auf mein Zimmer bringen, bei ihm sitzen, ihm Nahrung reichen und es pflegen, bis Ihre Mutter fort ist. Wie ein Vater will ich ihm begegnen, seien Sie außer Sorge ... — Auf Ehre, ein wunderbarer, kluger Rat. .. Die Verwirrung raubte meiner Seele alle Fassung .. . Jetzt kommen Sie mit mir, aber schleunigst, mein Freund, um mir bei der Uebersiedlung des Kindes, seines Bettleins, aller seiner Geräte und Kleider behilflich zu sein ... Ach, wie schwer ist es mir, mich auch nur für eine Minute von meinem Kinde zu trennen. .. . Doch was kann ich tun, es gibt keinen anderen AUSWeg. (Schluß folgt.)