Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 15 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425684--0052-2426306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 >Neue National-Zeitung« Seite 9 Die Judeii bilden in den tschechischen Gegenden mit Ausnahme von Göding, Auspitz und Mähr.- W e i ß k i r c h e n eine unbedeutende Minorität und kommen daher als Machtfaktor nicht in Betracht. Dagegen könnten sie bei einer strammen Organisation innerhalb des deutschen Katasters in den beiden Wahlbezirken von Brünn genehme Kandidaten, und im Wahlbezirk Nikolsburg vielleicht sogar einen jüdischen Abgeordneten durchbringen. Leider fehlt den Juden Mährens eine einheitliche, volkstümliche jüdische Organisation mit einem klaren Programm, sie sind ebenso, wie die Deutscheu und Tschechen in zahllose Fraktionen gespalten und besorgen so Handlangerdienste fremdnationaler Chauvinisten und — Antisemiten. Prag, den 18. März, iOrig.-Korr.) Mit Gottlieb Bondy, der im 75. Lebensjahre am IT), d. M. hier verschieden ist; verliert die böhmische Judensehaft einen ihrer hervorragendsten und angesehensten Repräsentanten. Einer der ersten Juden, die sich den Tschechen angeschlossen haben, hat er es durch diese Partei zu den ersten Ehrenämtern gebracht: er war der erste tschechische Handelskammer-Präsident in Prag, tschechischer Landtagsabgeordneter, Comthnr des Franz Josefsordens mit Stern usw. Aber auf seine alten Tage hat er zusehen müssen, wie brutal die Tschechen den Juden ihre Assimilationspolitik vergelten. Einige Tage vor seinem Tode hat Breznovsky die Juden im Landtage angepöbelt und die tschechisch-jüdische Deputation, die beim Obmann des tschechischen Klubs, Dr. Skarda. Klage führte, erhielt die Antwort, der Klub könne dagegen nichts machen. Und so mußte sich auch Gottlieb Bondy auf seinem Sterbebette fragen, was seine ganze Tschechisierungspolitik den böhmischen Juden genützt hat. . . Für die jüdische Geschichtswissenschatt hat der Verstorbeue viel geleistet durch die von Dvorsky bewirkte Herausgabe des großen Werkes: ..Quellen zur Geschichte der Juden in Böhmen, Mähren und Schlesien von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1740", welches mehr als 2000 von ihm gesammelte Urkunden und Dokumente enthält und auch in Laienki eisen reges luteresse erweckt hat. Von den zahlreichen Wohltätigkeitsakteu des Verstorbenen ist der bedeutendste ein Beweis seines Tschechisierungseifers. Anläßlich seines 70. Geburtsfestes gründete er ' bei dem Vereine „Studenske koleje vysokych skol prazskyclr' für Studierende und Kandidaten der Prolessur der böhmischen technischen Hochschulen eine Stiftung von K 10.000, deren Genuß in erster Reihe für Bewerber israelitischer Konfession bestimmt ist, damit diese keine deutschen Hochschulen beziehen und „der böhmischen Nation er halten bleiben Das Leichenbegängnis fand am 17. d. M. statt. Im schwarz drapierten Sterbegemach war der Sarg, umgeben von zahlreichen Kranz- und Blumenspenden, aufgebahrt. Nach Rezitierung von Trauerpsalmen durch Oberkantor Mirsky wurde der Sarg gehoben und in den Hausflur gebracht. Hierauf wurde der Sarg in den sechsspännigen Galaleichenwagen gehoben und der Zug setzte sich in Bewegung. Den imposanten Kondukt eröffneten zahlreiche Vereine mit ihren Fahnen, denen sich das Grenadierkorps und die bürgerliche Infanterie mit Fahne und Musik anschloß. Im Zuge waren vier Kapellen und 25 Fahnen. Hinter dem von Kerzen tragenden Beamten der Firma und Palmen tragenden Arbeitern flankierten Leichenwagen schritten zunächst die beiden Söhne des Verblichenen und zwar der provisorische Vorsitzende der Handelskammer Leon Bondy und Otto Bondy, dann die Rabbiner und zwar: Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld mit den Rabbinern Prof. Dr. Kisch, Dr. Schwarz, Dr. Deutsch, Dr. Tieberger, Prof. Dr. Hirsch, Dozent Dr. Herzog usw. Ihnen schlössen sich die Trauergäste an und zwar: Minister a. D. Dr. Rauda, in Vertretung des Statthalters Vizepräsident Dötfi, der Vizepräsident der Finanzlandesdirektion Tersch. Staatsbahndirektor Hof rat Marek, die Herrenhausmitglieder Oberdirektor Mattus und Wohanka, Hofrat Generaldirektor Böhm, der Präsident der Handelskammer Rivuae mit dem Vizepräsidenten Abg. Nemec und nahezu sämtlichen Kamnierräten usw. Der Zug bewegte sich zum neuen israelitischen Friedhofe in Straschnitz, wo der Sarir in die Zeremonienhalle gebracht wurde. Nach Absingung von Trauerpsalmen durch den Chor der israelitischen Tempelgemeinde unter Leitung des Oberkantors Mohr wurde der Sarg zum Grabe gebracht, wo Magistratsrat Dr. Stein dem Verblichenen eine Grabrede hielt. Hierauf folgte die Beisetzung. Lemberg, den 10. März (Orig.-Korr ). Not lehrt beten. Und so ist der Landtagsabgeordnete Doktor Loewenstein zwar kein frommer Jude, aber doch über Nacht ein „eifriger- Jude geworden. Kassandrarufe entströmten seinen Lippen und Krokodilentränen flössen über seine Wimpern. In den vierzig Jahren zusammen, da Juden im Landtage Sitz und Stimme haben, sind im Verhandlungssaale nicht so viel Klagen erschollen, wie am gestrigen Tage aus dem Munde des Dr. Loewenstein. Sein sechsjähriges Mandat läuft bald ab und er hat bisher geschwiegen, ebenso seine jüdischen Kollegen. Da wußten sie nichts von j ü d i s c h e m M a s s e n e 1 e n d, von der Dek lasierung des jüdischen Mittelst a n d es, von der Verletzung der S t a a t s g r u n dbesetze durch die L a n d e s be bürden u n d Institute. Das hat Dr. Loewenstein erst jetzt entdeckt Denn die Reichsratswahlen stehen vor der Tür. Und da ihm die Handelskammer Brody kein ReiehsratsniandaT verkaufen kann, weil sie keines mehr hat. so zerreißt er sein Gewand, streut Asche auf sein Haupt, klajrt und jammert, um auf diese Weise ein Mandat von den Yolk-massen zu ergattern. Di". Loewenstein scheint jedenfalls die Broschüre ..Der Polenklub und seine Haiisjuden von Dr. Landau seinfleißig gelesen und auswendig gelernt zu haben. Seine gestrige Rede im Landtag war eine getreue Wiedergabe der in diesem Buche gegen die Schlachta detailliert erhobenen Anklagen. Sie bezog sich auf die Konkurrenz der christlichen Niederlagen gegen die jüdischen Kleinhändler, die traurigen Folgen der Sonntagsruhe und der Bewerbereform, die Unzugänglichkeit der Staats- und Landesämter etc. In Einem war Doktor Loewenstein originell, indem er folgende Resolution beantragte: „Der Landtag fordert den Landesausschuß auf. sofort die Gründe der Verarm ung der jüdischen Bevölkerung zu prüfen und die Resultate dieser Prüfung in der nächsten Session vorzulegen; gleichzeitig aber hat der Landesausschuß im Einvernehmen mit der Regierung dem Landtage passende Anträge wegen Hebung der Erwerbsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung und wegen Erteilung vou Notstandsuuterstützungen au die notleidende Bevölkerung zu unterbreiten." Nuv-h Dr. Loewenstein hielt der Statthalter Graf i'ot ocki eine sehr hinge Rede über die — Ruthenen. Auf die Ausführungen des Vorredners reagierte er nicht m i t ein e m W o r t e. Der Mann weiß am besten, wie (iie Anträge des Dr. Loewenstein gemeint sind; erscheint es daher vorgezogen zu haben, bei der Komödie seines Hausjuden nicht mitzuspielen. —r. Triest. Die Cnnard Line melilet: Dampfer Carpathia ist am .März in Newyork eingetroffen. Deutsches Reich. Straüburu-. An der hiesigen Kaiser Wilhelms- Universität hat sich in der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fakultät der Assistentam physikalischen Institut, Dr. Leonid Ma ndelstam als Privatdozent für das Fach der Physik habilitiert. Dr. Mandelstam ist