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Neue Nationalzeitung · 1907-03-22 · Heft 15 (22.3.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 15 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 »Neue National-Zeitung< Nr. 15 Aus Brody erhalten wir nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur \ Mit Erstaunen haben wir aus Ihrem geschätzten Blatte von dem anachronistischen Projekte der Chederrefonnierung. mit dem sich die Wiener Isr. Allianz in heutiger Zeit von neuem beschäftigt, vernommen. Wir erinnern uns hier noch sehr wohl des Allianz-Cheders, das vor etlichen zwanzig Jahren in Brody gegründet wurde. Es lebte nur ein kurzes Leben tmd verschwand dann aus Mangel an Teilnahme. Es wurde soo-ar von einem Mitgliede des Vorstandes der Wiener Allianz. Herrn Baum garten, inspiziert, der sich überzeugen mußte, wie ungleich nützlicher die hiesige regelrechte j üdi sch e Volksschule sei. Wir haben aber auch aus Ihrem Bericht erfahren, daß bei der von der Allianz zu diesem Zweck in Lemberg einberufenen Versammlung auch Vertreter der hiesigen Filiale der Allianz anwesend waren, und da überrascht es. zu sehen, daß dieselben mit keinem Worte des verflossenen Brodyer Allianz- (lieders gedachten, sich vielmehr für die Ersprießlichkeit einer solchen Institution aussprachen! Daß sich nun Herr Lazar Bloch nicht mehr der Brodyer Allianz- Cheders erinnerte, ist leicht verzeihlich : denn er stand damals noch lange nicht im Mittelpunkt des hiesigen Gemeindelebens: anders aber.verhält es sich mit Herrn Direktor Dr. Herzel. der ebenfalls in der Versammlung anwesend war und sich für das Projekt erklärte. Er konnte doch nicht an jenes Allianz-Cheder vergessen haben, zumal doch die Lehrer seiner Schule den Unterricht in demselben erteilten! Und endlich, wozu gibt die Allianz alljährlich Berichte hinaus, wenn sie verschollen bleiben, daß man sie in so wichtigen Dingen nicht einmal zu Rate zieht? Zentrale und Filialen, Mutter und Töchter, brauchten ja nur. wenn sie so sehr an Gedächtnisschwäche leiden, einen Blick in diese Jahresberichte zu werfen, um sich zu überzeugen, daß dieses ihr ..originelles" Projekt schon vor zwei Dezennien ein veraltetes gewesen. Wozu aber der Lärm? Helft lieber den bestehenden, aber notleidenden jüdischen Volksschulen, wenn es euch ernst um die Sache ist. und lasset die Toten ihre Toten begraben! Seh. jRPRRgSP0N[>6NZ£N Oesterreich Ungarn. Wien. (Orig. Korr.) Das hiesige „Deutsche Volksblatt" hat den neugewählten deutschen Reichstags-Abgeordneten Amtsrichter Lattmann, der auf Grund eines antisemitischen Programmes gewählt wurde, über die Stellung seiner Partei zu den Juden interviewt. Lattmann gab nun folgende Ansichten zum Besten: „Für mich steht es außer Frage, daß bei der Abwehr des Judentums das nationale Moment die Hauptrolle spielt. Unser Volk ist ein gesundes und wiid im Laufe der Zeit sicher imstande sein, die entsittlichenden Einflüsse des Judaismus zu überwinden; dann wird es auch gelingen, die wirtschaftliche Schädigung desselben zurückzudrängen. In dieser Hinsicht wird auf dem Lande bereits mit hübschem Erfolge gearbeitet — ich weise nur auf die Raifleisenschen Kassen hin — und wäre es dringend zu wünschen, wenn man sowohl im Interesse der Bauern wie der städtischen Konsumenten auf dem Gebiete des Viehhandels ähnlichen praktischen Antisemitismus betreiben wollte. Die antisemitische Idee macht in Deutschland entschieden Fortschritte; überall zeigt sich die stillschweigende Abwehr des Judentums. Viele stimmen einem vernünftigen, aus sittlichem Ernste und nationalem Empfinden geborenen Antisemitismus zu, wenn sie es öffentlich auch nicht zu sagen wagen Ein Radnuaniisemitismus ist widerlich und dabei politisch dumm. Mit ihm habe ich nichts gemein, aber ich scheue mich nicht, öffentlich von dem verderblichen Einflüsse einer steigenden Macht des Judentums zu sprechen". Wie man sieht, beschränken sich die deutschen Antisemiten nunmehr darauf, mehr in Geheimen zu wühlen, als öffentlich zu agitieren. Brünn, den 12. März. (Orig.-Korr.) Wie bei den letzten mährischen Landtagswahlen, so stehen sich jetzt auch bei der Reichsratswahlcampagne auf Grund des nationalen Katasters nicht Deutsche und Tschechen, sondern die verschiedensten deutschen und tschechischen Fraktionen gegenüber. Der Wahlkampf wird aber trotzdem ein sehr heißer werden, da sowohl im deutschen, wie im tschechischen Lager besonders die Christlichsozialen eine ungeheure Propaganda entfalten. Bei den letzten Landtagswahlen in Mähren entfielen in den deutschen Bezirken von den 102.000 abgegebenen Stimmen 1j6 auf die christlich sozialen Kandidaten, die Hälfte auf die sogenannten deutschfreiheitlichen Fraktionen (inklusive der verschiedenen Schattierungen der antisemitischen Deutschnationalen) und '/s au* die Sozialdemokraten. Diesmal dürften die Christlichsozialen noch besser abschneiden, und zwar infolge der Einführung der Wahlpflicht in Mähren, sowie des Niederganges der Altliberalen und Deutschnationalen, die in den ländlichen Bezirken alle ihre Positionen dem Klerikalismus werden räumen müssen. Dazu kommt noch, daß verschiedene deutsch-„freisinuige" Führer, wie der deutschvölkische Dr. Chiar i um die Gunst der Christlich sozialen, betreffs Bildung eines „deutsejien Blocks" betteln und ihrem ideal der einen ..großen deutschen Partei" und der „Vereinigung aller bürgerlichen Gruppen" ihr ..freiheitliches" Programm zu opfern bereit sind. Die deutsch-,,freisinnigen" Fraktionen sind auch jetzt, da ihnen ihr allerdings verkleinerter nationaler Besitzstand gesichert ist,.weniger auf die jüdischen Stimmen angewiesen und in der angenehmen Lage, ihren antisemitische n Neigungen freien Spielraum zu lassen und in dieser Hinsicht mit den Christlichsozialen zu wetteifern In den 19 Wahlbezirken der mährischen Deutschen haben bisher ausschließlich die Deutsch-„Freisinnigen" dominiert. Jetzt stellten sie auf ihrem Vertrauensmännertage nur für 6 Mandate Kandidaten auf: Jn Brünn, Iglau, Znaim, Ostrau und Olmütz. Die deutsche christlichsoziale Bewegung in Mähren setzt mit großen Bauernversammlungen in Neutitschein, Fulnek. Wagstadt, Groß-Waltersdorf und Milbes ein. Hiezu schreibt die klerikale. „Mähr.-schles, Post": „Frei und kühnwird die c h r i s 11 i c h s o z i a 1 e Partei zur kommenden Reichsratswahl ihr Haupt erheben". Die tschechischen Chrisüichsozialen, für die bereits der Olmützer Erzbischof Dr. Bauer mit einem Fastenhirtenbrief in die Wahlbewegung eingegriffen hat, sind eifrig an der Arbeit für ihre Reichsratskandidaten. Sie haben infolge der zunehmenden Zersetzung der jungtschechischen Partei günstige Aussichten auf Erfolge. Bei den letzten Landtagswahlen in Mähren wählten in der allgemeinen Kurie in den tschechischen Wahlbezirken 88% tschechisch-katholisch-national, 30% sozialdemokratisch, 10 % nationalsozial und nur 5% jungtschechisch! Selbst die radikalfortschrittlichen Kandidaten erhielten 7% und sogenannte „Wilde" 10% der abgegebenen Stimmen. Diese Daten sind ein deutlicher Maßstab für die Stärke der einzelnen tschechischen Gruppen und speziell die tschechischen Klerikalen in Mähren.

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