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Neue Nationalzeitung · 1907-03-22 · Heft 15 (22.3.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 15 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Neue National-Zeitung« Seite 5 Europas mit schwerster Schmach bedeckt. Es heißt da u. a.: ..Am fraglichen Taghaben ..Prozessionendie Stadt durchzogen. Plötzlich sind aus einem Eckhaus Schüsse gefallen; wie auch angegeben wird, ist auch eine Bombe geschleudert worden. Darauf hat das Militär auf das Haus geschosseu. Dies führte zu einem Alarmgerächt: Juden hätten auf Teilnehmer der Prozession geschossen und so entstand der Pogrom. Die gleichen Gerüchte hat man zur Aufreizung gegen die Juden auf der Bahnstation verbreitet: die Juden hätten ein Popen meuchlings ermordet und eine Frau, die an der Prozession teilnahm, sei durch eine Bombe in Stücke zerrissen worden. Kopflos vor Furcht flüchtete ein Teil der Juden zum Bahnhof um sich durch schleunige Flucht zu retten; der andere Teil bat inständig die Bahnbeamten um ein Versteck. Um 4 Uhr nachmittags sind mit dem Zug aus Grodno Leib Abramski und Moses Molowiest augekommen. Sie sahen, daß jammernde Juden im wahnsinnigen Schreck in die Waggons flüchteten. Die angekommenen Reisenden wurden mit dem Ruf empfangen: „Schlagt die Zydy (.luden) Eine Menge mit Stöcken bewaffneter Leute begannen zu arbeiten! Einige Juden flüchteten vom Büffet in die Küche. Aber von dort wurden sie von den Bestien aus der Küche auf die Stiegen verjagt uud mit grausamen Schlägen traktiert. Um sie)) vor den Unmenschen zu retten, springt der Jude Abramskj' ans dem Fenster. Unten langt er mit gebrochenem Bein an uud wird wieder mit unbarmherzigen Knüttelhieben und dem Ruf: „ermordet die Juden ' empfangen. Einer merkt, daß der gemarterte Jude im Sterben liegt und er fordert seine Spießgesellen auf, ihn liegen zu lassen. Dasselbe grausame Spiel ging vor sich, als der Postzug von der Süd- Westbahiilinie ankam. Die Juden hatten sich versteckt. Dafür würden sie noch grausamer gemartert und beraubt. Der Zeuge Rostschensky erzählt, daß mau einem Juden einen Strick um den Hals befestigte und ihn gezwungen hat, sich zu drehen, bis er atemlos umfiel. Nicht einmal die Toten und schon im Delirium befindlichen hat man verschont. Mit Steinen bewarf man sie und stieß sie mit den Füßen. Das Verhalten der russischen Justiz dem Bialystoker Pogrom gegenüber ist sehr charakteristisch. Jene Justiz, die jetzt trotz der Eröffnung der Duma so intensiv und rasch bei den Feldgerichten arbeitet, verhält sich gegen die Mörder des Bialystoker Progroms ganz indifferent. Im Gerichtssaal sah ich mir die Beschuldigten näher an. Von den 5o Augeklagten sind kaum 15 erschienen. Na u m o w, der Rädelsführer, ist während der Untersuchung spurlos verschwunden. Diese 15 sind nur die Werkzeuge, die ärgsten Auswürfe der echten, treuen russischen Huligane. An ihrem ruhigen Verhalten, ihren gleichgültigen Mienen und an ihrer gemütlichen Unterhaltung vor dem Gerichtshof merkt man das eine: Sie fühlen sich ganz sicher. Die Richter werden doch nicht viel Umstände machen wegen der „Zydy. So sicher fühlen sie sich, daß sie es nicht einmal für nötig gefunden haben, sich ihre bedeutenden Verteidiger, wie Schmakow und Bobrisch-Puschkin, zu nehmen, wie man es allgemein geglaubt hatte. Wozu sollen sie denn solche Umstände machen? Die Angeklagten nehmen die Sache gar nicht so ernst — sie brauchen ja keine Angst zu haben. Advokat Ratner hat in einer glänzenden Rede, die sich sehr scharf gegen die ungenügende Vorbereitung, der Verhandlung wendete, auch den Antrag gestellt, den Bahnhol-Pogrom-Prozeß mit dem in der Stadt zu vereinigen. Der^hohe Gerichtshof hat aber diesen Antrag abgelehnt, wenn er auch dem ersten Teil des Antrages freudig Folge gab. Denn die russische Justiz will den Prozeß spalten und verkleinern, um damit auch ihre eigene Schande zu verschleiern. Eine neue Anleihe steht bevor; man muß es ja den profitgierigen Bankjuden wieder leicht machen.•' 'A. 7. Zur Vorgeschichte der galizischen Stiftung* des Baron Hirsch. (Ein Sttiek Zeitgeschichte.) (1. Fortsetzung.) Aus seinen Briefen gewinnen wir an» besten einen klaren Einblick in das Streben und Wirken des Barott Hirsch; sie enthüllen uns den ganzen Mann und sein Trachten, kurz seine Persönlichkeit, die eine wahrhaft imponierende war. Wir haben uns an verschiedene Personen iu Wien, Galizien usw.. von denen wir wußten, daß sie in engeren Beziehungen zu diesem einzigartigen Philantropen standen.gewendetem Einblick in die Korrespondenz dieses Mannes zu gewinnen und wir können das Uild desselben, das wir heute nnsern Lesern vorführen, nicht besser illustrieren, als wenn wir ihn selbst über seine philanthropischen Absichten und Werke sprechen lassen. Der an seinen Wiener Vertrauensmann gerichtete vom 12. Mai 1890 datierte Brief betrifft die galizische Stiftung, die damals noch um ihre Genehmigung ringt. Der. Brief lautet: Paris 2 Rae de lElysee. 12. Mai 1890. „. . . Meine häufige Abwesenheit von Paris verhinderte mich, Ihnen zu schreiben. Und wenn ich es heute tue, so geschieht dies, weil ich aus Ihren Mitteilungen ersehe, daß mein Stillschweigen Sie einigermaßen beunruhigt und über die Festigkeit meiner Absichten in Zweifel gesetzt hat. Ich will deshalb nicht zögern, Ihrer Aktion die Unsicherheit zu benehmen, die sich Ihrer vielleicht als eine Folge der Gerüchte, die in Umlauf sind, und der Intriguen, die man ins Werk setzen will, bemächtigen könnte. Lassen Sie sich davon nicht beeinflussen; ich bin nicht w a n k e 1 m ü t ig, habe nicht die Gewohnheit von einmal gefaßten Beschlüssen abzugehen, u d Sie können nach wie vor mit der Ueberzeugung, von meiner Seite nicht durchkreuzt zu werden, mit Energie und Umsicht an die Verfolgung der gesteckten Ziele gehen. Es wird überhaupt zweckmäßig seiu, wenn Sie nach der erfolgten Genehmigung* der Stiftung auf einige Tage hieherkommen, sowohl zur Besprechung über die definitive Genehmigung des Stiftungswerkes, als zur Zeichnung der Eindiücke. die Sie auf Ihrer Reise in Galizien empfangen haben . . . Der Umstand, daß die Legalisierung der Stiftung bevorstehend ist, soll uns nicht hindern, den Beginn der Aktion — ins Werk zu setzen . . Hochachtungsvoll M. Hirsch m. p. (Fortsetzung fohet.) In der nächsten Nummer erscheint eine Studie von Dr. S. K. Landau: Kann ein Jude k. u k.Geiieimer Rat werden? (Die sakramentalen Worte der Eidesformel) Anf Grund von Materialien aus dem k. u. k. Haus- Hof- und Staatsarchiv.

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