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Neue Nationalzeitung · 1907-03-22 · Heft 15 (22.3.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 15 (22.3.1907)
Date
1907-03-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 'Neue National-Zeitung« Nr. 15 Israels und seiner Propheten — ich denke, ein Geschichtsunterricht, der dies den Schülern klar macht, kann nicht als unfruchtbar bezeichnet werden. Er wird und muß vielmehr gute Früchte tragen. Gehen wir nun auf den Unterricht in der folgenden jüdischen Geschichte über: Wir verstehen darunter das große Gebiet von den Zeiten der Hasmonaeer bis auf unsere Tage. Wer wird nicht vor den Schwierigkeiten erschrecken, die sich diesem Gegenstande, der außerhalb der biblischen Zeit liegt, entgegenstellen Auch hier ist es zunächst notwendig, daß der Lehrer mit der Weltgeschichte, mit dem hellenistischen und römischen Altertum vollständig vertraut sei. Ich sage das hellenistische Altertum und verstehe darunter jene Zeit, die mit Alexander dem Großen anhebt und zeigt, wie die Kulturvölker Asiens und Afrikas mit der hellenischen Bildung erfüllt wurden und auch das alte Juda in Palästina und Aegypten, der alte Sem sich dem griechischen Japhet nicht zu verschließen vermochte. Parallel mit dieser Betrachtung muß eine richtige Erkenntnis der Entwicklung der ureigensten Literatur des Judentums, der talmudischen, Platz greifen. Hellenismus und Talmudismus. Griechen und Juden, welch' scharfe Gegensätze stoßen da aufeinander! Und, wie schwierig ist es, diese Extreme Schülern im richtigen Lichte zu zeigen! Schon hier begreift man es, wenn man von besonderen Schwierigkeiten im Unterrichte der jüdischen Geschichte spricht. Wenn es aber dem Lehrer gelingt, gerade diesen Teil der jüdischen Geschichte den jungen Leuten in klarer Weise vorzuführen und zu zeigen, wie sich, trotz aller Hindernisse, der jüdische Geist in den Bahnen seiner Religion und Nationalität herrlich entwickelte, dann wird sein Unterricht gewiß ein gedeihlicher sein. Natürlich muß er auch hier auseinandersetzen, welch' reiches kulturelles Leben insbesondere die sogenannte talmudische Epoche aufweist. Mit anderen Worten: auch hier soll Geschichtsunterricht mit dem Hinweis auf die Literatur, die Ethik und die religiöse Praxis des Judentums Hand in Hand gehen. Noch größere Schwierigkeiten türmen sich auf, je weiter wir vorwärts schreiten. Die Juden unter den Mohamedanern, die Juden in Spanien, Frankreich und Deutschland beschäftigen uns in den Jahrhunderten des Mittelalters, ist es im ausgehenden Altertum notwendig zu zeigen, wie das Christentum in seinen Keimen auf dem Boden des hellenisierten Palästinas und Aegyptens seine einzige Pflanzstätte finden konnte, so muß weiter gelehrt werden, wie die andere Tochterreligion des Judentums, der Islam, so vielfache Beziehungen zu der alten, ein-würdigen Mutter aufweist. Diese Beziehungen treten insbesondere in Spanien hervor. Und hier ist es wieder die altgriechische Philosophie, namentlich die des Aristoteles, welche das Band darstellt, das Mohamedanismus und Judentum verknüpft. Daß der Lehrer auch Kenntnis der Geschichte des Mittelalters haben müsse, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Nicht nur die Staatenentwicklung soll er kennen, der Schüler soll auch mit der m i 11. e 1 a 11 e rliehen Kultur ent Wicklung bekannt gemacht werden, innerhalb deren die Juden ein so bedeutsames Element bilden. Nur dann kann der Schüler z. B. die Stellung der Juden in Deutschland den Kaisern, Fürsten und Städten gegenüber verstehen lernen. Die so eigentümliche synagogaie Poesie der Juden im Mittelalter soll dem Schüler als ein Produkt ihrer tragischen Geschicke dargestellt werden. Geschichte, Philosophie, Poesie, das sind drei Gebiete, deren Kenntnis für den Lehrer unumgänglich notwendig ist, soll sein Unterricht in der jüdischen Geschichte des Mittelalters ein erfolgreicher sein. In der beginnenden N e i. z e i t beschäftigt uns der Humanismus mit seinen Blüten einer Wiedergeburt der Wissenschaften, an der Juden so regen Anteil nehmen. Auch hier sind geschichtliche und literarische Kenntnisse unumgänglich notwendig. Und dann kommt das große Feld der. h a 1 a c h i s t i s c h e n Tätigkeit, die mit der Abfassung des ..Schulchan Aruch" um die Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt. Wir werden dann in das 17. Jahrhundert geführt zur Betrachtung der großartigen Entwicklung des Judentums in Holland, das einen Spinoza und Menasse ben Js r ae 1 hervorbrachte und gelangen endlich in das 18. Säkulum, das uns und die Menschheit mit einem Mendelssohn beschenkte. Namentlich der Letztere in seinen reichen Beziehungen zur Literatur und Philosophie Deutschlands, so sehr er auch dem heutigen Judentum fremd geworden sein mag, wird als eine gewaltige Erscheinung des Judentums der Aufklärungsepoche betrachtet werden müssen. Auch das 19. Jahrhundert, das des K r i t i z i s in u s und der Wissenschaft des J u d entum s, bietet natürlich einen reichen Quell der Belehrung und führt, endlich auf die Bestrebungen der neuesten Zeit. Wer mit mir diesen gewaltigen Zeitraum durchmessen hat, wird wohl einsehen, wie mannigfach die Kenntnisse sind, welche der jüdische Geschichtsunterricht den Schülern beizubringen vermag. Freilich gehört ein besonderer didaktischer Takt dazu, auf diesem Felde das nutzbare Korn von der flüchtigen Spreu zu sondern. Ein großes Gebiet tut sich vor unseren An gen auf. Der jüdische Religionslehrer kann, wenn er seinen Gegenstand mit überlegenem Geiste vorträgt, viel bei seinen Schülern bewirken. Aber es muß auch der richtige Geist im Schüler leben. Und hier komme ich auf einen Punkt, den man mir bei der Polemik gegen den Religionsunterricht wenig zu beachten scheint. Die besten Lehrer und Lehrbücher werden hier nichts vermögen, wenn nicht auch das Haus seine Pflicht erfüllt. Dieses muß gleichsam dem Lehrer vorarbeiten. Es muß dem Lehrer die Wege ebnen, Geist und Herz der Jünglinge aufnahmefähig machen für die Lehren des Unterrichtenden. Darum behaupte ich nochmals: Nicht die Lehrer sind in den meisten Fällen daran schuld, wenn im Religionsunterrichte nichts erzielt wird, die Gründe dafür sind anderwärts zu suchen: im Elternhans. Die Justizkomödie von Dialystok. (Von unserem Spey,i:ill>eiiditers1:ittci). Bi al ysto k. dun 14. Mär». Der in unserer Stadt am 1. Juni 1906 von langer Hand vorbereitete und mit spezieller Grausamkeit in Szene gesetzte Pogrom, welcher seiner Zeit in der ganzen zivilisierten Welt die größte Empörung hervorgerufen hat, war hier am 9. März Gegenstand eines Kriminalprozesses. Er wurde jedoch vertagt und zwar über AntragdesVertretersder Privatbeteiligten. Advokaten R a t n e r, welcher die Einwendung erhob, daß nicht alle Prozeßakten requiriert worden sind und den Beteiligten gemäß § ö72 des Strafgesetzbuches die Anklageschrift nicht bekannt gemacht wurde. Das Hauptthema des Prozesses bildeten die Exzesse und Mordtaten auf der Eisenbahnstation Bialystok. Nur hierüber allein sollte sonderbarerweise verhandelt werden, obwohl der Pogrom in der Stadt zur selben Zeit stattgefunden hat. Der Staatsanwalt schildert die Vorgänge am 1. Juni recht plastisch. Er weiß vielleicht selbst nicht, daß seine „Anklage" den russischen Staat vor den Augen

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