Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 15 (22.3.1907)
- Date
- 1907-03-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 »Neue National-Zeitung« Seite 3 nationalen und christlichsozialen Antisemitismus großzogen. M a s a r y k wieder gehört zu jenen wenigen Männern in Oesterreich, die den Mut besitzen, gegenüber der kompakten Majorität das zu vertreten, was sie als für ihr Volk nützlich ansehen, für Oesterreich, für den politischen und sozialen Fortschritt der Kulturmenschheit. Gegenüber den Chauvinisten im eigenen Lager kämpft Professor M a s a r y k unermüdlich für die deutsch-tschechische Verständigung; gegenüber dem latenten Antisemitismus im tschechischen Volke trat er für Hülsner ein, sich allen Verdächtigungen aussetzend und seine ganze Popularität opfernd. In so z i a 1 er Hinsicht ist er trotz seines sozialistischen Glaubensbekenntnisses ein entschiedener Gegner des Marxismus. Dieser tschechische Universitätsprofessor gehört eben zu jenen wenigen Kämpfer im öffentlichen Leben, für welche die Politik nicht ein Mittel ist, die Herrschaft einer Koterie zu erhalten oder einer Clique den Weg zur Macht bahnen, sondern ein nicht zu entbehrendes Mittel zur Verjüngung unseres ganzen Kulturlebens bildet, Gerade vom Standpunkte unserer jüdischen Renesancebewegung, die so mißverstanden wird, am meisten von einem großen Teile unserer eigenen Volksgenossen, ist die Kandidatur Professor Masaryks für den österreichischen Reichsrat aufs wärmste zu begrüßen und energisch zu fördern. Das neue Parlament, welches an den staatsrechtlich-nationalen Umbau unseres pnlyethnischen Eeiches wird schreiten müssen, bedarf solcher Männer von der Gesinnungstüchtigkeit, der Energie und dem Wissen Masaryks; die volkstreuen Juden aber, die im neuen Parlamente noch mehr Gegner, als im alten besitzen werden, müssen-in dem Führer der tschechischen Realisten einen der wenigen und aufrichtigen Bundesgenossen im Kampfe für ihre nationale Autonomie, ihre politische und soziale Gleichberechtigung erblicken. Fischhof ist tot, er hat den Sieg seines Programmes nicht erlebt. Masaryk aber ist der eifrigste Vertreter seiner Ideen im tschechischen Bürgertum. Würde sich doch auch im deutschen, vom nationalen Chauvinismus durchsetzten Lager ein Masaryk finden! DR. MAX GRÜNFELD: Der jüdische Geschichtsunterricht an den Mittelschulen. Wenn sich der Religionsunterricht an unseren Mittelschulen von anderen Fächern unterscheidet und zu einem oft ganz unfruchtbaren wird, wie man in unseren Tagen so oft, vielleicht nicht mit Unrecht, klagen hört, ist dies nicht am wenigsten darauf zurückzuführen, daß man sich in den Kreisen der Lehrer nicht ganz darüber klar ist, wie weit der Umfang, die Begrenzung des Lehrstoffes zu ziehen sei, daß man wieder anderseits von Seite des außenstehenden Publikums mit den weitgehendsten Forderungen an diesen Unterricht herantritt. Der Lehrer soll den Schüler mit Gebetbuch und Bibel, mit Ritus und Liturgie, mit Grammatik und Lexikographie, mit Religionslehre und jüdischer Geschichte bekannt machen. In der Tat ein Uebermaß, ein Ueberreichtum an Lehi - stoff, den zu bewältigen nur das besondere Geschick des Lehrers vermag. Und wie oft hört man die Klage: Unsere Kinder können nicht einmal hebräisch schreiben. Also noch eine Disziplin zu der schweren Last der anderen. Man hüte sich nur vor Vergleichen mit vergangenen Zeiten! Da wurde der Knabe mit dem Gebetbuche, der Bibel, dem Ritus und der Liturgik zu Hause bekannt gemacht. Den Hauptgegenstand des Religionsunterrichtes hat der Unterricht in der jüdischen Geschichte zu bilden. Er vermittelt den jungen Leuten die Kenntnis unserer Vergangenheit, erzeugt Liebe zum Judentum, edles Selbstgefühl und Achtung vor unserem Stamme, lehrt sie aber auch zugleich, die heutigen Kämpfe der Juden auf religiösem und politischem Gebiete zu verstehen und zu würdigen. — Freilich darf man die Schwierigkeiten eines solchen Unterrichtes nicht verkennen. Es ist leichter zu sagen, der Unterricht in der jüdischen Geschichte sei ein gründlicher, als dies auszuführen. Welch eine Fülle des Stoffes ist hier zu bewältigen! Welche reiche Kenntnisse auf den verschiedenartigsten Gebieten setzt ein solcher Unterricht voraus! Die biblische Geschichte, die bis in die Zeiten Alexanders des Großen und seiner Diadochen reicht, wenn wir sie mit dem Buche Daniel im XL Kapitel und den Apokryphen (den Makkabäerbüchern) begrenzen, ist noch als einfach, leichter faßlich und übersichtlich zu bezeichnen. Sie bildet den Lehrstofi der unteren Klassen. Aber auch hier muß die völlige Vertrautheit des Lehrers mit der Weltgeschichte, namentlich der orientalischen, vorausgesetzt werden. Ein Lehrer, der die Entwicklung des ägyptischen assyrischen, babylonischen, persischen Altertums nicht kennt, wird seinen Schülern auch die Stellung Israels innerhalb dieser Völkergebilde nicht zu entwickeln vermögen. Es ist notwendig, soweit wir dies mit Sicherheit tun können, auch über die Abtassungszeit unserer biblischen Schritten der Jugend manches mitzuteilen, ihr zu zeigen, wie sie dem Geiste der betreffenden Zeiten ihre Entstehung verdanken, und der Strom der jüdischen Geschichte in das Meer der Weltgeschichte einmündet. Erklärungen über das Wesen des Prophetismus und die Schriften der Propheten, die Stellung dieser außerordentlichen Männer innerhalb ihres Volkes und in ihrem Verhältnisse zu den anderen Völkern, werden den Schülern nicht nur einen richtigen Begriff von diesem ureigenen Phänomen, das unser Volk aufweist, beibringen, sondern sie auch verstehen lehren, wie sich Israel durch diese das gewöhnliche Niveau der Ereignisse hoch überragenden Geistesheroen von anderen Völkern unterscheidet. Es gehört sicherlich auch ein besonderes didaktisches Geschick dazu, innerhalb dieses vorgezeichneten Rahmens alles einzufügen, was unsere M o r a 11 e h r e, unseren Gottesdienst, aber auch unsere ganze Altertumskunde, insbesondere unsere alte Literatur betrifft. Wie haften aber diese Kenntnisse bei den Schülern, wenn sie alle in richtige Verbindung gebracht werden, wenn sie alle gleichsam als Ringe in der Kette der historischen Entwicklung erscheinen! Ein Beispiel. Wenn der Lehrer vom alten Opferdienste spricht, wird er es nicht unterlassen dürfen, auch auf die Propheten hinzuweisen, welche den Opferdienst ohne innere Gesinnung als leeres Schaugepräge erklären. So werden die Propheten als die Höherstehenden in der kulturellen Entwicklung Israels erscheinen und dem Schüler die rechte Ehrfurcht einflößen. Aber auch auf unsere Zeit lassen sich dabei Ausblicke werfen und es kann darauf hingewiesen werden, wie das Ideal von Wahrheit, Gesinnungstüchtigkeit und Charakterstärke, das den Propheten vorschwebte, auch heute noch nicht erreicht ist, vielmehr die Welt mit allen ihren Kämpfen nichts an deres anstrebt, als zu dem Ziele zu gelangen, das den Wahrheits- und Rechtsverkündigern der damaligen Zeit voranleuchtete. Die soziale Gleichheit, dieser Gedanke, der in unseren Tagen verkündet wird, ist das ureigenste Produkt